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Kurzzeit-Therapie

Früher dachte man: Die Behandlung seelischer Probleme dauert lange, manchmal Jahre. Heute weiß man: Oft hilft schon eine Psychotherapie mit wenigen Sitzungen.

Psychotherapie? Damit verbinden wir gern Stadtneurotiker à la Woody Allen, die lebenslang von ihrem Therapeuten abhängig sind. Dabei sind in Deutschland rund die Hälfte aller Psychotherapien so genannte Kurzzeit-Therapien mit rund zehn bis 30 Sitzungen - und viele neue Studien belegen ihre Erfolge. Manchmal reicht sogar eine einzige Therapiestunde, um Probleme wie zum Beispiel eine Spinnenphobie loszuwerden. Selbst Sigmund Freud, der für intensive und langwierige Psychoanalysen bekannt ist, hat spektakuläre Erfolge mit Kurzzeit-Therapien erzielt. So gelang es ihm, in nur sechs Sitzungen eine psychisch bedingte Armlähmung des Dirigenten Bruno Walter zu heilen.

Ganz unumstritten sind die Psycho- Quickies bei Therapeuten allerdings nicht. Kritiker meinen, dass das "Herumdoktern am Symptom" die Patientin oder den Patienten nicht wirklich weiterbringt. Dann ist man vielleicht seine Höhenangst los, entwickelt aber stattdessen zum Beispiel chronische Kopfschmerzen, weil das grundlegende seelische Problem nicht behoben ist. Aber: "Ängste oder Zwänge können auch eine isolierte Störung sein, ohne dass da eine komplexe seelische Erkrankung zugrunde liegt", so der Hamburger Psychotherapeut Prof. Dr. Iver Hand. "Man muss nicht jeden gleich zum Schwerkranken erklären, der irgendeine seelische Auffälligkeit hat." Doch wann verspricht eine Kurzzeit- Therapie wirklich Erfolg? Es gibt einige seelische Störungen, die erfahrungsgemäß ziemlich gut in wenigen Sitzungen behandelt werden können. Dazu gehören Angststörungen wie Höhenangst, Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen wie Fahrstühlen, Tunneln) oder auch die unbegründete Angst, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. In einer norwegischen Studie an der Universität Bergen verloren solche "eingebildeten Kranken" zu 80 Prozent nach nur fünf Psychotherapie-Sitzungen ihre Ängste. Auch Waschzwang oder Kontrollzwänge ("Ist der Herd wirklich aus?") bessern sich oft erstaunlich schnell.

Ein klassisches Gebiet der Kurzzeit-Therapie sind Kriseninterventionen, zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen oder nach einer Scheidung. Eine ganz aktuell publizierte Studie aus Hamburg und Braunschweig zeigt, dass eine auf 12 Stunden begrenzte Gesprächs-Psychotherapie nach schweren Lebensereignissen dazu beiträgt, dass es den Betroffenen deutlich besser geht als Menschen, die in einer vergleichbaren Situation keine professionelle Hilfe bekommen. Auch Opfern von Gewalttaten kann oft mit einer kurzen, gezielten Psychotherapie geholfen werden, wie Erfahrungen aus den 33 Trauma-Ambulanzen in Nordrhein- Westfalen zeigen. Dort ist die Behandlung nach dem Opfer-Entschädigungsgesetz für die Betroffenen kostenlos.

Bei Depressionen helfen therapeutische Gespräche, die ganz konkret nach dem aktuellen Auslöser der psychischen Störung fragen, oft besonders schnell (siehe Interview auf der nächsten Seite). Eine neue Studie der Uni Heidelberg zeigt außerdem, dass Kurzzeit- Therapien auf Gebieten Sinn machen können, an die man bisher nicht unbedingt gedacht hatte: Die Wissenschaftler verglichen Patienten mit starken Rückenschmerzen. Eine Gruppe wurde drei Wochen lang mit Muskeltraining, Massagen und Wassergymnastik behandelt, die andere Gruppe bekam statt der Wassergymnastik insgesamt neun Stunden psychotherapeutische Behandlung einschließlich Entspannungsübungen. Dabei ergab sich ein beeindruckender Unterschied beim Langzeiterfolg: 94 Prozent der Patienten ohne Psychotherapie mussten in den folgenden zwei Jahren wieder wegen Rückenschmerzen krankgeschrieben werden. Bei der Psychotherapiegruppe waren es nur 60 Prozent.

Und wann sollte man lieber die Finger von einer kurzen Therapie lassen? Bei schweren Depressionen, bei chronischen seelischen Problemen und bei tief greifenden Persönlichkeitsstörungen kann man keine schnellen Erfolge erwarten. Dann ist einem guten Therapeuten schnell klar, dass deutlich mehr als 30 Stunden nötig sein werden. Außerdem ist es auch möglich, dass hinter einem Symptom wie Waschzwang viel mehr steckt als nur eine störende Angewohnheit. Prof. Hand: "Es gibt einfache und komplizierte Situationen. Allein am Symptom kann man das nicht erkennen." Manchmal kommt es also vor, dass aus der Kurzzeitbehandlung doch noch eine mehrjährige Psychotherapie wird.

Foto:Clipart Text: Dr. Sabine-Thor-Wiedemann BRIGITTE Heft 12/2007

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