Lebenstraum: Mache ich wirklich das, was ich wollte?

In Ihren Träumen hatten Sie sich so viel für dieses Leben vorgenommen? Eine Tauchschule auf den Seychellen, eine Alm in den Bergen, fünf Kinder bekommen, Afrikanistik studieren - große Träume für die Zukunft. Und dann steckt man plötzlich mittendrin im Leben. Und irgendwann fragt man sich: Ist es das?

Bei Andrea sieht die Sehnsucht aus wie eine alte Försterhütte. Schrabbeliges Fachwerk, davor ein kleiner Garten - perfekt für ein Café. Jedes Mal, wenn Andrea an dem Häuschen vorbeijoggt, packt sie eine merkwürdige Unruhe. Dieses Kribbeln im Bauch, das sagt: »Da wartet etwas auf dich. Etwas, das nichts mit Buchungsnummern zu tun hat so wie deine Arbeit im Büro.« Es ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Nach der Erfüllung eines Traums. Die Antwort auf: Was wäre, wenn? Wenn ich heute kündige und meinen selbst gebackenen Kuchen verkaufe, so wie ich es mir als Kind erträumt habe? Wäre ich glücklicher? Freier? Was müsste ich aufgeben? Andreas Bauch kennt die Antwort, ihr Kopf noch nicht.

Bei Iris hatte die Sehnsucht immer die Form eines chinesischen Schriftzeichens: schwarz, glänzend, perfekt geschwungen. Doch statt Sinologie studierte sie Pädagogik. Dann kamen die Kinder, das Haus, die Trennung. Und, aus der Traum? "Nein", dachte sich Iris, "jetzt erst recht!"

So ist das mit dem Leben. Manchmal kommt es angesprungen, mit voller Wucht und wirft uns um, manchmal schleicht es sich heran, ganz leise, und fragt: Bist du glücklich? Hast du dir das so vorgestellt? Wolltest du nicht die Welt retten? Wolltest du nicht 37 Länder bereisen und einen Bauernhof restaurieren? Wolltest du nicht ...? Anfangs hat man noch so viel Zeit. Zuversicht im Überfluss. Alles scheint möglich. Doch auf einmal ist man Mitte 30, merkt, wie schnell sich die Zeit aus dem Staub gemacht und so manchen Wunsch mitgenommen hat. Oder dass man jahrelang den Traum eines anderen lebte: den der Eltern, des Partners.

"Wer sich seinen Lebenstraum erfüllen möchte, muss sich zunächst einmal selbst erkennen", sagt Dr. Robert André, Philosoph und Coach in Hamburg. "Man muss den Mut haben, hinzuschauen. Ich muss wissen, was ich wirklich will. Was mich antreibt. Hegel würde sagen: 'Im Kern sind wir Begierde.' Diese Begierde können wir vernünfteln, uns anpassen und die Sicherheit wählen. Oder wir können sagen: Ich nehme das ernst und gehe den Weg der Freiheit."

Aber dafür braucht man Kraft, innere Stärke, Gelassenheit. Eigenschaften, die wir alle in uns tragen, aber oft erst bemerken, wenn wir uns endlich rauswagen in die Welt unserer Träume. Viel lieber verstecken wir unsere Sehnsüchte. In einem Nebel aus Unsicherheit und Bequemlichkeit, aus Angst vor dem Unbekannten. Mal scheint der Preis zu hoch, den wir zahlen müssten, um sie zu stillen, mal sind unsere Bedürfnisse andere geworden. Mal erdrücken uns die Konventionen. Aber deswegen muss man seine Träume nicht aufgeben. "Sobald man merkt, dass man in einen Interessenkonfl ikt mit seinen Zielen gerät, muss man neu mit sich verhandeln, seine Vision hinterfragen. Denn am Ende steht nicht, den Traum zu verwirklichen, sondern zufrieden zu sein und sagen zu können: Hier bin ich bei mir. Ich weiß, wer ich bin, ich weiß, was ich kann. Wer mich liebt, wen ich liebe", meint der Philosoph. Der Mann hat recht. Glücklicherweise muss diese Gewissheit kein Traum bleiben.

Merle, 32: Wo sind meine Ideale hin?

Das sagte das Herz: "Früher wollte ich die Welt retten - als Umweltaktivistin auf Bäume im Regenwald klettern oder die Apartheid abschaffen. Mit einer Schulfreundin gründete ich sogar ein Umweltmagazin"

Das brachte das Leben: "Das Heft erschien nie, und Südafrika bekam das mit der Apartheid ohne mich hin. Heute, 16 Jahre später, schaue ich mich manchmal im Spiegel an und denke: Wo sind sie hin, deine Ideale? Was erzählst du später deinen Kindern, wenn sie dich fragen, was du gegen den Klimawandel getan hast? Dann versuche ich, mich mit der Erkenntnis zu trösten, dass sich Ansprüche und Lebenssituationen ändern, dass ich nicht die Einzige bin, die ihr Weltrettungsprogramm eingemottet hat, und dass wir immerhin eine Biokiste und sauberen Strom beziehen."

Trotzdem glücklich? "Stolz macht mich das nicht. Aber im Moment bin ich zu bequem, um das zu ändern."

Stephanie, 39: Ich habe das, was in meiner Hand lag, erreicht.

Das sagte das Herz: "Ich wollte immer mit Menschen zusammen sein, beruflich und privat. Einen tollen Partner haben. Mit meiner Familie in einem Haus leben."

Das brachte das Leben: "Seit einigen Jahren übe ich meinen Traumberuf Lehrerin aus, wohne in einem kleinen Häuschen mit einem Mann, den ich über alles liebe - und das immerhin schon 20 Jahre -, und unserem Hund. Ich hätte gern Kinder bekommen, leider sollte es nicht sein. Dafür habe ich tolle Schwestern, eine super Mutter und Schwiegereltern, die immer für mich da sind.

Trotzdem glücklich? "Ich habe das, was in meiner Hand lag, erreicht. Wahrscheinlich werde ich Mütter immer beneiden, auf der anderen Seite wird es sicher Eltern geben, die mich um meine Freiheit, vielleicht auch um meine intakte Beziehung beneiden. Die Kunst des Glücklichseins liegt wahrscheinlich darin, aus der Situation das Beste zu machen - und das tue ich!"

Stephanie, 35: Meine früheren Wünsche haben sich nicht erfüllt.

Das sagte das Herz: "Es gab diese Kinderträume: ein Bauernhof in der Toskana, Ausgrabungen als Archäologin."

Das brachte das Leben: "Meine früheren Wünsche haben sich nicht erfüllt, aber ich habe nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben. Vieles hat sich einfach ergeben und war dann auch okay so. Nach dem Studium arbeitete ich bei einem Großunternehmen in der Kommunikationsabteilung. Als ich das Angebot bekam, in einem Dorf in Malawi ein Museumsprojekt auf die Beine zu stellen, wusste ich sofort: Das will ich machen! Nach meiner Rückkehr traf ich meinen Mann und seit einigen Monaten bestimmen 5900 Gramm, verteilt auf 63 Zentimeter, den Alltag."

Trotzdem glücklich? "Mit meinem 'neuen Leben' als Hausfrau und Mutter hadere ich manchmal. Nach zehnjähriger Berufstätigkeit legt man den Ehrgeiz nicht einfach ab, ich möchte mich weiterentwickeln und kann mir ein Leben nur als Hausfrau nicht vorstellen."

Masche, 38: Vielleichte schreibe ich ja doch noch mal den großen Roman.

Das sagte das Herz: "Eigentlich wollte ich kinderlos bleiben, in einer Großstadt leben und als Schriftstellerin erfolgreich sein."

Das brachte das Leben: "Jetzt wohne ich in einem winzigen Tessiner Dorf, arbeite als freiberufl iche Grafikerin und habe einen kleinen Sohn. Vorher bin ich mit meinem Mann, der Komponist ist, drei Jahre herumgezogen, von Stipendium zu Stipendium. Wir waren in einem Stuttgarter Schloss, den Engadiner Bergen, einem winzigen Kaff in Ostdeutschland und in einer bombastischen römischen Villa. Eine Zeit lang fand ich es großartig, immer wieder in ein anderes Leben zu springen, neue Leute kennen zu lernen, eine völlig andere Umgebung zu haben. Aber irgendwann kam es mir vor, als lebten wir in einer Parallelwelt."

Trotzdem glücklich? "Ich bin froh, obwohl nicht alles perfekt ist. Das Leben hier kann ziemlich langweilig sein, ich habe noch nicht viele Leute zum Mich-Austauschen gefunden, und mein Italienisch ist zwar inzwischen ganz gut, aber es gibt eine sprachliche und kulturelle Barriere, die nicht leicht zu überwinden ist. Mich hier durchbeißen zu müssen hat mich aber reifen lassen - ich habe gemerkt, dass man auf viele Arten leben kann. Was ich wirklich vermisse, ist das Schreiben - dazu fehlt mir die Muße. Aber ich denke, die Zeit kommt dafür - irgendwann."

Lena, 31: Australien ist mein Glück.

Das sagte das Herz: "Mein Leben ist die Kunst. Aber ich musste erst ein paar Umwege nehmen, um zu ihr zu fi nden."

Das brachte das Leben: "Auf einer Weltreise blieb ich in Sydney hängen, dann ging mir das Geld aus. Ich war arm, aber fand es großartig, in dieser multikulturellen Stadt jeden Tag Neues zu entdecken und dabei letztlich auch zu mir zu fi nden. Über zwei Jahre jobbte ich herum, genoss mein Leben, dann besann ich mich wieder auf die Kunst, schrieb mich an der Uni ein, Hauptfach Skulptur. Endlich wusste ich, was ich für den Rest meines Lebens machen wollte, obwohl das Dasein als Künstlerin nicht gerade die besten Aussichten bereithält - wenig Geld, kaum Anerkennung. Mir war das egal."

Trotzdem glücklich? »Letztes Jahr schloss ich das Studium ab und versuche seitdem, mich als freie Künstlerin durchzuschlagen. Es ist hart, ich muss viel arbeiten, um mich zu fi nanzieren. Immerhin verbuche ich erste kleine Erfolge: Meine Videoinstallation und kinetischen Skulpturen konnte ich schon in Europa und Australien zeigen, und letztes Jahr sprach mich eine Galeristin an. Jetzt im Sommer habe ich eine erste große Ausstellung (www.horsanddeloris.com.au). Und ja: Ich kann sagen, ich lebe genau das Leben, das ich wollte."

Pia, 28: Ich wollte immer Polizistin werden.

Das sagte das Herz: "Polizistin wollte ich schon nach der Schule werden. Nach dem Abi machte ich den Aufnahmetest."

Das brachte das Leben: »Ich fiel leider durch. Also entschied ich mich spontan für den Journalismus. Ich zog aus der Provinz nach München, und nach dem Abschluss der Journalistenschule und einem Volontariat bei einem Privatsender bewarb ich mich erneut bei der Polizei. Diesmal klappte es!"

Und glücklich? "Auch wenn viele Freunde meinen Wechsel von der Redakteurin zur Polizistin nicht verstanden haben: Mir war es wichtig, das zu machen, was ich mir erträumt hatte."

Ulf, 37: Durchschnitt sein? Auf keinen Fall!

Das sagte das Herz: "Mit Mitte Zwanzig wusste ich: von neun bis fünf ins Büro gehen, Heirat, ein normales Zuhause - undenkbar! Viel zu spießig! Ich stellte mir eine Art modernes Hippieleben vor. Meine Kinder sollten auf einem großen Hof mit anderen Kindern und zwischen Tieren und Sonnenblumen aufwachsen. Altersvorsorge, Risikolebensversicherung? Nein, danke."

Das brachte das Leben: "Heute stellt meine Frau mich den Kollegen als ihren Mann vor, ich habe zwei Kinder, eine schöne Wohnung, einen angesehenen Beruf."

Trotzdem glücklich? "Und wie!"

Zum Informieren

www.philosophischepraxis.org www.philosophischepraxis.net

Zum Lesen

Horst Conen: »Schenk dir selbst ein neues Leben«, Campus, 198 S., 19,90 Euro. Walter Zimmermann: »Mach endlich, was du willst!«, Campus, 192 S., 17,90 Euro.

Text: Merle Wuttke Illustration: Peter Maus

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke

Kommentare (1)

Kommentare (1)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Interessanter Artikel (auch, wenn er schon fast vier Jahre alt ist). Schade, dass die Geschichten so kurz sind. In einem Dokumentarfilmprojekt beschäftige ich mich aktuell auch mit Lebensträumen und deren Aufschiebung bzw. Erfüllung. Für Interessierte: www.vier-traeume.de

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In Ihren Träumen hatten Sie sich so viel für dieses Leben vorgenommen? Eine Tauchschule auf den Seychellen, eine Alm in den Bergen, fünf Kinder bekommen, Afrikanistik studieren - große Träume für die Zukunft. Und dann steckt man plötzlich mittendrin im Leben. Und irgendwann fragt man sich: Ist es das?

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