Dr. Maja Storch: "Sie können sich nicht falsch entscheiden"

Sich entscheiden zu müssen, ist für viele eine Last. Die Psychologin Dr. Maja Storch weiß, wie sich diese Last nehmen lässt.

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BRIGITTE.de: Warum tun wir uns mit Entscheidungen so schwer?

Dr. Maja Storch: Weil die meisten Menschen eine falsche Vorstellung davon haben, wie sich Leben gestaltet.

BRIGITTE.de: Nämlich?

Dr. Maja Storch: Die meisten glauben, dass es richtige Entscheidungen gibt, die liegen herum wie Ostereier und ich muss sie nur finden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Unser Leben ist ein hochkomplexes, dynamisches System. Wir können keine Vorhersagen treffen: Ob eine Entscheidung falsch ist oder nicht, können wir erst im Nachhinein sagen. Ich spreche deshalb ungern von falschen oder richtigen, sondern lieber von klugen Entscheidungen.

BRIGITTE.de: Der Frau, die mir die folgende Geschichte erzählt hat, sind solche Wortspaltereien wahrscheinlich egal: Sie ist Anfang vierzig, war fünf Jahre mit einem Mann zusammen. Er wollte eine Familie gründen, sie war unsicher. Da bekam sie das Angebot, für ihre Firma ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen. Sie hat angenommen. Als sie zurückkam und sich für eine Familie entschieden hatte, hatte er eine Neue. Sie sagt: "Ich werde nun niemals Kinder haben, das war die Fehlentscheidung meines Lebens."

Dr. Maja Storch: Das ist Pech. Keine Fehlentscheidung.

BRIGITTE.de: Was Sie da sagen, ist zynisch.

Dr. Maja Storch: Quatsch, es ist eine Erleichterung. Denken Sie denn, ich kenne diese Geschichten nicht? Ich habe ständig mit Menschen zu tun, die sagen: "Ich habe die Fehlentscheidung meines Lebens getroffen." Wer so denkt, macht sich selbst verantwortlich und wird von grauenhaften Schuldgefühlen geplagt. Ich nehme diesen Menschen eine enorme Last, wenn ich sage: "Sie konnten das nicht wissen. Sie haben die falsche Lebenstheorie, wenn Sie sich selbst Tag für Tag an den Pranger stellen, denn das, was passiert ist, konnten Sie nicht vorhersagen." Sich zu sagen: Ich habe Pech gehabt ist psychologisch etwas völlig anderes als sich einzureden: Ich habe Schuld. Es hätte ja auch ganz anders kommen können: Die Frau aus ihrem Beispiel hätte im Ausland einen Mann kennen lernen können, mit dem sie heute sehr glücklich lebt, ob mit oder ohne Kind. Dann würde sie sagen: Es war die beste Entscheidung meines Lebens.

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  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Foto: Getty Images, Institut für Selbstmanagement und Motivation Zürich
Letzte Kommentare
  • Abendstille
    am 13.09.09 um 13:27
    Also ob ich nun eine Entscheidung als "falsch" oder "richtig" oder - wie Maja Storch vorschlägt -
    als "klug" oder konsequenterweise, auch wenn es hier nicht angesprochen wird, als "dumm" bezeichne: Ist doch eigentlich wurscht, oder? Ihrer eigenen Argumentation folgend müsste sie jedenfalls sagen: Es gibt keine falschen, nur dumme Entscheidungen. Super, das hilft weiter. Richtig ist, dass man sich für "falsche" oder "dumme" Entscheidungen nicht verdammen muss, denn was die "richtige" oder "kluge" Entscheidung war, bestätigt sich letzten Endes immer erst hinterher.
 
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