"Hilfe, Kotelett-Knie!": Kleine Makel nagen am Selbstwertgefühl

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Das Katastrophengebiet verwandelt sich in eine zumindest halbwegs befriedete Zone

Ich kenne Tina noch als "Holland-Tina". Den Spitznamen trug sie zu Schulzeiten, weil sie obenrum recht flach geraten war. Daran hat sich trotz zweier Kinder nichts geändert, nur machen ihr die fehlenden Rundungen längst nichts mehr aus. "Für mich war es damals wie eine Erlösung, dass so ein Zaunpfahl wie die Moss plötzlich als schön gilt. Abgesehen davon, dass ich heute ganz froh darüber bin, dass bei mir nicht allzu viel da ist, was nach unten streben könnte..." Umdeutung nennen das Psychologen: An den Tatsachen ändert sich nichts, aber daran, wie man über sie denkt und spricht, und das wiederum verändert nach und nach das Gefühl. Es fällt nun mal deutlich leichter, einen "eleganten Schwanenhals" anzunehmen als einen, mit dem man "aus der Dachrinne trinken kann". Manchmal ist es auch viel profaner. "Öde" Augenfarbe? Kein Problem, schließlich gibt’s Kontaktlinsen von knallblau bis nougatbraun. "Zu kurze" Beine? Rauf auf die hohen Hacken! Und wo man selbst nicht weiterkommt, helfen Profis des Vertrauens. So fühlt sich eine Kollegin mit ihrer nicht wirklich Boutiquen-tauglichen Taillen-Hüft-Proportion sehr viel besser, seit sie diese tolle Schneiderin kennt.

Gewusst wie/was/und wo vermag der Macke ihren Schrecken zu rauben: Das Katastrophengebiet verwandelt sich in eine zumindest halbwegs befriedete Zone. Das ist schon mal nicht schlecht - und nicht zuletzt Ergebnis einer gewissen Lebenserfahrung. Die lehrt auch, sofern man dazu bereit ist, das eigene Aussehen überhaupt etwas relativer und mit mehr Wohlwollen zu betrachten. Ich jedenfalls möchte nicht mehr 20 sein. Damals hatte ich zwar deutlich weniger Cellulite, aber über das Wenige habe ich mich deutlich mehr aufgeregt. Wahrscheinlich, weil man erst mit zunehmendem Alter zu kapieren beginnt, dass Schönheit auch eine Frage der Einstellung ist und Macken nur die Macht haben, die man ihnen zugesteht.

Wir können immer sofort springen, wenn sie uns wieder piesacken wollen, oder ihnen einfach mal ein "Halt die Klappe!" entgegenschleudern. Sicher, es ist bestimmt nicht alles perfekt, es gäbe immer irgendwas zu tun - oder zu lassen. Aber sich davon den Tag versauen lassen? Dazu ist das Leben doch viel zu kurz, oder?

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  • Artikel vom 05.06.2009
  • Text: Kathrin Tsainis
    Foto: iStockphoto.com
Letzte Kommentare
  • Kathrin Tsainis
    am 06.08.10 um 11:43
    Liebe Eva Kairies, herzlichen Dank fürs Lob!! Hat mich sehr, sehr gefreut. Viele Grüße Kathrin Tsainis
  • eva Kairies
    am 06.08.10 um 00:29
    Liebe Kathrin Tsainis. Kurz vorm Einschlafen, gemeinsam mit meinem bestimmt männerabstoßenden Bäuchlein und den viel zu weichen Beulen an der Oberschenkelinnenseite, habe ich noch einmal so laut lachen können über Ihren genialen Wortwitz. Ich würde Sie abwerben, wäre ich Verleger... und alle meine Mitarbeiter müssten über Metzgerpratzen verfügen: neues Ideal! Gute Nacht!! ...und danke...
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