Miriam Meckel: "Ich habe mich selbst überfordert, permanent"

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BRIGITTE.de: Widerspricht Schwäche Ihrem Selbstbild?

Miriam Meckel: Schwäche hat lange meinem Selbstbild widersprochen, ja. In der Klinik habe ich gemerkt, dass es noch eine andere Miriam gibt: Eine, die nicht immer funktioniert, die nicht alle Anforderungen erfüllt und von allen lieb gehabt wird. Die auch mal traurig ist. Gefühle zulassen, das habe ich mir nur sehr selten erlaubt. Nach dem Tod meiner Mutter vor ein paar Jahren habe ich beispielsweise sehr schnell wieder gearbeitet.

BRIGITTE.de: Warum haben Sie sich keine Zeit der Trauer gestattet?

Miriam Meckel: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Es wäre die kluge und richtige Entscheidung gewesen, aber ich habe einfach weiter gemacht. Ich habe alles weg geschoben. Wenn sie das tun, staut es sich an, in irgendeiner Ecke der Seele. Und irgendwann macht es buff.

BRIGITTE.de: Nach Ihrem Zusammenbruch sind Sie in eine Klinik gegangen.

Miriam Meckel: Ja, aber ich musste mich sehr überwinden. Dieses Bild von Klapsmühle und nicht-alle-Tassen- im-Schrank-haben ist doch immer noch sehr präsent. Ich habe mich dann in der Klinik auch erst mal als teilnehmende Beobachterin verstanden, wie ich es aus meinem Beruf als Sozialwissenschaftlerin kenne: Ich habe den anderen zugeschaut nach dem Motto: Ich selber bin ja gar nicht betroffen. Bis ich gemerkt habe: Ich mache wieder den gleichen Fehler, der dafür mitverantwortlich ist, dass ich hier bin.

BRIGITTE.de: Was hat Ihnen in der Klinik geholfen?

Miriam Meckel: Dass ich aus allem raus war, was mein normales Leben ausmacht. Für mich war die Klinik ein Schutzraum. Was mir auffiel: Dort hat mich nie jemand gefragt: Was machst du eigentlich beruflich? Diese typische Partyfrage eben. Wir fragten uns: Wie geht es dir, warum bist du hier? Ich finde, das sagt schon sehr viel aus über unsere Gesellschaft. Es dreht sich so viel um den Job. In der Klinik habe ich gemerkt: Ich möchte das nicht mehr: ein stromlinienförmig funktionierender Mensch sein.

BRIGITTE.de: Was ist auf Ihrer Werteliste an die Stelle des Erfolgs gerückt?

Miriam Meckel: Freunde. Gespräche. Zeit für mich. Mein Beruf ist mir natürlich immer noch wichtig. Aber es gibt doch so vieles darüber hinaus.

Miriam Meckel, 42, war die jüngste Professorin Deutschlands, Regierungssprecherin des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Staatssekretärin. Seit 2005 ist sie Professorin für Corporate Communications an der Universität St. Gallen, Schweiz. Sie lebt in Berlin und St. Gallen.

Zum Weiterlesen: Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt 2010, 224 S., 18,95 Euro

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  • Artikel vom 12.03.2010
  • Interview: Madlen Ottenschläger
    Foto: Martin Langhorst
Letzte Kommentare
  • Hollie_Day
    am 17.03.10 um 13:29
    na schön, Frau Meckel aht aus der Not eine Tugend gemacht und
    ein Buch geschrieben.
    Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
    Sie hat nur das geerntet, was sie selbst gesät hat.
    Frau Meckel war selbst lange eine Chefin, die andere bis ans
    Äußere getrieben hat. Die selbst gemobbt hat.
    Vielleicht denkt sie auch darüber mal nach?!
    Manchmal fällt man selbst in die grube, die man anderen gräbt.
  • JenniferParkmann
    am 13.03.10 um 17:11
    Frau Meckel hat nicht davon berichtet, ob es auch negative Reaktionen auf ihre veränderte Einstellung gegeben hat.
    Bei mir gibt es die. Mein Umfeld reagiert teilweise mit Unverständnis. Klar, ich funktioniere nicht mehr so, wie gewünscht. Früher konnte ich das Wort NEIN nicht aussprechen. Mittlerweile schon. Auch fühle ich mich nicht mehr automatisch für jede Aufgabe verantwortlich (privat und beruflich). Da gibt es Menschen, die mir gegenüber aggressiv werden. Meine Kollegin hat am Freitag sehr ungehalten reagiert, als ich mit ihr nicht meine Schicht getauscht habe, weil es mir aus persönlichen Gründen nicht passte. Früher habe ich mich bedrängen lassen und sehr schnell JA gesagt. Heute denke ich viel mehr an mich und es geht mir besser.
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