Starke Ausstrahlung: Die drei Geheimnisse

Der US-Psychologe Ronald Riggio hat aufgeschlüsselt, wie eine starke Ausstrahlung entsteht - und wie man sie erlernt.

Es gibt Leute, die haben’s einfach. Die halten locker eine Rede vor 4000 Zuschauern, und die Zuschauer gucken während des Vortrags tatsächlich nicht ein einziges Mal auf ihre Smartphones - ja, sie lachen sogar an den richtigen Stellen! Diese Leute kommen auf eine Party, wo sie keinen kennen, und gehen mit zehn neuen Facebook-Freunden und fünf Einladungen zum Abendessen nach Hause. Die bekommen den Führungsposten, und alle finden’s gut - andere haben mehr Ahnung vom Fach, aber die reißen nicht so mit.

Was ist Charisma? Wenn man den amerikanischen Psychologen Ronald Riggio fragt: eine nach klaren Kriterien messbare Größe. Riggio beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema charismatische und sagt: "Charisma ist eine ausbalancierte Mischung aus Expressivität, Sensibilität und Kontrolle." In Kürzestfassung bedeutet das: Expressivität ist die Fähigkeit, sich selbst und seine Gefühle anderen mitzuteilen. Sensibilität ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu lesen und darauf eingehen zu können. Und Kontrolle meint die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen, aber ihnen nicht in jeder Situation jederzeit und völlig ungefiltert freien Lauf zu lassen, was ja besonders im Job sinnvoll sein kann.

Diese drei Hauptkomponenten gibt es jeweils in einer sozialen - also nach außen hin deutlich sichtbaren - und einer eher emotionalen, nonverbalen Facette; die genauen Erklärungen finden Sie nachfolgend. Viele wollen gar nicht immer charismatisch sein. Sie sind froh, wenn sie einfach mal ihre Ruhe haben und nicht ständig im Mittelpunkt stehen. Aber manchmal ist es einfach sehr praktisch, wenn man weiß, wie man den "Leuchtschalter" in sich anknipsen kann: Um mit dem netten Mann in der Kneipe ins Gespräch zu kommen. Um auf dem steifen Empfang nicht die ganze Zeit allein mit seinem Sektglas in der Ecke zu stehen. Um bei der Konferenz mit seinem Anliegen zu Wort zu kommen und die volle Aufmerksamkeit aller zu haben. "Es ist eher selten, dass jemandem Charisma von Natur aus mitgegeben wurde", sagt Eva Wlodarek, Psychologin und Autorin des Buches "Mich übersieht keiner mehr". "Die meisten erwerben ihre Ausstrahlung erst im Laufe des Lebens."

1. Expressivität

Soziale Expressvität: Menschen, die hier hoch punkten, knüpfen leicht Kontakte, reden gestenreich, mischen sich bei Partys unter fremde Leute und haben keine Scheu, sie in Gespräche zu verwickeln.

Emotionale Expressivität heißt, andere an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen. Zum Beispiel mit einem ansteckenden Lachen. Einem freundlichen, ehrlich gemeinten Lächeln. Es bedeutet auch, Trauer und Ärger zeigen zu können und nicht hinter einer Coolness-Fassade zu verstecken.

Die wichtigste Regel:

Haben Sie Achtung und Wertschätzung vor sich selbst

Wer selbstbewusst ist, strahlt auch Selbstbewusstsein aus. "Wir haben leider bei dem Wort Charisma immer eine charismatische Führungspersönlichkeit vor Augen, zu der eine gewisse Extrovertiertheit gehört. Aber auch ruhige Menschen können sehr charismatisch sein, denn Charisma heißt ja vor allem, dass man sich selbst wertschätzt und authentisch bleibt", sagt . Und auch eher introvertierte Menschen können auf Partys Kontakte knüpfen, ohne auf der Theke tanzen zu müssen. Also:

Reden (und denken) Sie gut über sich: Wenn Sie ein Kompliment bekommen, wiegeln Sie nicht ab ("Ach, der alte Fetzen"), sondern sagen Sie Danke und freuen Sie sich. Streichen Sie selbstabwertende Formulierungen - selbst wenn sie ironisch gemeint sind - wie "Meine Wenigkeit" oder Satzeinleitungen à la "Wenn ich auch mal was sagen dürfte" aus Ihrem Wortschatz.

Handeln Sie: Anstatt nach der endlosen Sitzung zu jammern, wie viel Zeit jetzt wieder mit unnötigen Diskussionen verbrannt worden ist, bitten Sie lieber noch während der Sitzung freundlich und respektvoll darum, endlich mal zum Punkt zu kommen. Ausstrahlung gewinnt man auch dadurch, dass man das macht, was alle anderen nur denken.

Treten Sie in Kontakt mit ihren Gefühlen: Expressivität bedeutet auch, Gefühle zu zeigen. "Viele Menschen haben aber gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken oder gar nicht mehr darauf zu achten", sagt US-Psychologe Ronald Riggio. Er empfiehlt daher, gelegentlich bewusst zu beobachten, was passiert, wenn man ein Gefühl - Freude, Trauer, Wut - auslebt: Wie verändert sich der Gesichtsausdruck, wie klingt es, was passiert mit dem Körper?

Keine Angst vor Smalltalk: "Als Gesprächsthema bietet sich immer etwas aus der Situation an, zum Beispiel die Frage, woher der andere den Gastgeber kennt", sagt Eva Wlodarek. "Keine Angst vor noch so banalen Themen. Smalltalk ist ein Pingpong-Spiel, und fast jeder ist froh, wenn der andere das ‚Ping' macht, und wird gern darauf einsteigen." Und falls wider Erwarten nicht, sollte man das nicht persönlich nehmen.

Sensibilität

Soziale Sensibilität heißt: Man kann anderen Leuten wirklich zuhören und verstehen, was sie meinen. Der Gesprächspartner ist einem nicht egal, sondern man geht darauf ein, was er sagt - und zwar auch auf das, was er nur zwischen den Zeilen sagt.

Emotionale Sensibilität ist der Sensor auch für die nonverbalen Gesten anderer. Das macht es leicht, auf den Gesprächspartner zu reagieren und Empathie zu zeigen. Über Bill Clinton wurde oft gesagt, er habe die Gabe, jedem Einzelnen das Gefühl zu geben, der einzig wichtige Mensch gerade im Raum zu sein - das ist emotionale Sensibilität.

Die wichtigste Regel:

Interessieren Sie sich wirklich für andere

Gerade Frauen haben oft weniger Probleme als Männer, zuzuhören und auf Gesprächspartner wirklich einzugehen. Solange dies nicht überhandnimmt und man von anderen quasi als Therapeutenersatz genutzt wird, ist das eine große Stärke - und das, was am meisten zu einer positiven Ausstrahlung beiträgt.

Hören Sie zu. Und zwar wirklich. Ohne auf das passende Stichwort zu warten, bis Sie selbst wieder mit Ihrer Geschichte an der Reihe sind. Ohne nebenbei den Blick schweifen zu lassen. Ohne zwischendurch schnell aufs Handy zu schauen. Seien Sie voll da. Präsenz - in jeder Situation - ist der allerstärkste Ausstrahlungsbooster.

Merken Sie Sich Namen. Es freut jeden, wenn eine neue Bekanntschaft einen sofort mit Namen anspricht, an statt zum wiederholten Mal nachzufragen: "Entschuldigen Sie, Sie waren Frau. . . ?" Versuchen Sie daher, aufmerksam bei Vorstellungen zu sein. "Es ist auch nützlich, sich auf der Rückseite der Visitenkarte ein paar Notizen zu machen wie: ‚Hat zwei Kinder und einen Hund'", sagt Eva Wlodarek. "Dann haben Sie beim nächsten Treffen gleich ein Gesprächsthema, mit dem Sie anknüpfen können."

Fragen Sie nach: Wenn Sie mit jemandem reden, der müde aussieht, nehmen Sie nicht einfach an, dass ihn das Thema langweilt. "Fragen Sie ihn ruhig: Du siehst müde aus, bist du erschöpft?", rät Eva Wlodarek. Man kann besser auf die Gefühle der anderen eingehen, wenn man weiß, um welche es sich handelt.

Schulen Sie ihre Beobachtungsgabe - und damit Ihre Menschenkenntnis. Wenn Sie zwei Leute aus der Ferne sehen, die miteinander reden, versuchen Sie doch mal allein anhand ihrer Gestik und Mimik zu mutmaßen, worüber die sich unterhalten, rät US-Psychologe Ronald Riggio. Oder spekulieren Sie ruhig, was die Frau am Nebentisch für Hobbys hat, was für einen Beruf, ob sie verheiratet ist, was sie für Musik hört.

Kontrolle

Soziale Kontrolle bedeutet, dass man in der Lage ist, in der jeweiligen Situation angemessen, ruhig und selbstbewusst zu reagieren - sei es nun bei einer wichtigen Präsentation oder der Moderation einer besonders hitzigen Gruppendiskussion.

Emotionale Kontrolle bedeutet, dass man seine Gefühle zur Not beherrschen kann. Das steht zwar im Widerspruch zur "Expressivität", aber es geht hier um die Situation: Im Job wirkt man nun mal einfach souveräner, wenn man seinen Ärger, und sei er noch so groß, ruhig und klar formuliert, anstatt mit hochrotem Kopf herumzuschreien.

Die wichtigste Regel:

Achten Sie auf Ihre Körpersprache

Hier geht es unter anderem darum, als Vortragende oder bei einem wichtigen Meeting die Souveränität zu wahren, auch wenn man nervös ist.

Nehmen Sie Sich Zeit: Hastigkeit und Unpünktlichkeit, ständiges "Busy"-Sein wirken nicht kompetent, sondern sind Ausstrahlungskiller. "Wer es eilig hat, ist ein Laufbursche", sagt Martina Schmidt-Tanger. "Wer Zeit hat, ist ein König." Daher: Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie aktuell machen. Wenn Sie eine Rede halten müssen, nehmen Sie sich vorher einen Moment, um sich einfach nur zu sammeln und zu schauen.

Stehen Sie aufrecht: "Viele Frauen verlagern ihr Gewicht oft auf ein Bein und lehnen den Oberkörper nach vorn. Es ist schwer, sich in dieser Haltung selbstbewusst zu fühlen", sagt die Körpersprache Expertin Monika Matschnig. "Stehen Sie fest, richten Sie sich auf. Lassen Sie Gesten im Raum stehen. Achten Sie darauf, dass die Handgelenke fest sind und nicht schlackern."

Schauspielern Sie: zum Beispiel in einer Laienspiel-Theatergruppe oder einem Kurs an der Volkshochschule. Das hat mehrere Vorteile: Sie üben, unterschiedliche Gefühle auszudrücken, Sie lernen viel über Körpersprache, und das Auftreten vor Publikum trainiert darin, im Mittelpunkt zu stehen.

Verschaffen Sie Sich Gehör: Sie haben den Eindruck, Sie werden in einer Diskussion nicht gehört oder ständig unterbrochen? Monika Matschnig rät: "Richten Sie sich auf, beugen sich leicht nach vorn, heben Sie die Finger und fangen sofort an zu sprechen. Wenn jemand Ihnen ins Wort fallen möchte, der in der Nähe sitzt, schauen Sie ihn nicht an, sondern berühren ihn nur kurz am Arm und sprechen weiter - das klappt immer! Wenn der Unterbrecher weiter weg sitzt, zeigen Sie ihm kurz die Handflächen, während Sie weiterreden, das ist eine Art Stoppzeichen."

Übung hilft: Nehmen Sie öfter die Möglichkeit wahr, öffentlich zu reden. Sprechen Sie ein paar einleitende Worte beim Sommerfest des Volleyballvereins. Machen Sie die kleine Präsentation im Kreis von vier Leuten aus der Abteilung. Irgendwann ist es dann vielleicht auch nicht mehr ganz so schlimm, wenn es 4000 Leute sind.

Mitarbeit und Beratung:

Eva Wlodarek www.wlodarek.com Monika Matschnig www.matschnig.com Martina Schmidt-Tanger www.schmidt-tanger Jessica Wahl www.jessicawahl.de

Text: Sonja Niemann

Kommentare (3)

Kommentare (3)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    @ Gast333

    im Artikel stand nicht drin, dass man so ein Gespräch anfangen sollte, sondern es ging darum, wenn man sich mit jm. unterhält und der einem "offensichtlich nicht zuhört", zu fragen, ob dieser müde sei, oder erschöpft wäre! Einfach nur anzunehmen, dass der Gegenüber einem nicht zuhört und daher unhöflich ist, ist doch mit nichten besser, als höflich im Satz zu pausieren und zu fragen, ob es dem Gegenüber gut geht?!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich finde es ganz schön schlimm, dass man Leute schon extra darauf hinweisen muss, nicht nebenbei aufs Handy zu schauen, wenn sie so und so wirken wollen, oder dass man die Aufmerksamkeitsspanne anderer danach bemisst, ob bzw. wie oft und wann sie auf ihre Smartphones schauen.

    Noch schlimmer ist es, dass das sogar stimmt - diese Unsitte des Symbiotisch-mit-Technik-Verbundenseins ist so weit verbreitet, dass viele gar nicht mal merken, dass sie unhöflich sind.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Netter Artikel, aber ich muss doch mal fragen:Wie kommen Sie nur darauf, dass man mit dem Leuchtschalter das Leucht einschaltet?

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