Die Ausgangssituation
Dr. Silke Zellmer, Ärztin, 44, aus Hamburg
Eigentlich führt Silke ein erfolgreiches Leben. Nachdem sie 13 Jahre lang als Chirurgin im Krankenhaus gearbeitet hatte, wechselte sie vor drei Jahren als Gutachterin in den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen. Diesen Job hat sie voll im Griff. Obwohl sie spürt, dass es an der Zeit ist, sich beruflich weiterzuentwickeln, schiebt sie diesen Wunsch immer wieder auf. Andere Dinge erscheinen wichtiger. Letztendlich fehlt ihr aber einfach der Mut, die Unterlagen zusammenzustellen. Unter anderem, weil sie glaubt, mit ihren 44 Jahren gegen Jüngere keine Chance zu haben. Ihre eigenen Bedürfnisse nimmt sie oft nicht wichtig genug und lässt sich von anderen überrumpeln. Auch privat scheut sie manchmal Herausforderungen: dann, wenn sie wieder zuerst die Wünsche ihrer Mitmenschen erfüllt, anstatt sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken.
Silke verlangt immer Perfektion von sich, schon seit ihrer Kindheit. Sie sollte ihre inneren Antreiber durch fürsorgliche Gedanken ersetzen: z. B. "Sei perfekt!" mit "Gut ist gut genug!", "Sei stark!" mit "Bitte um Unterstützung!" und "Sei anderen gefällig!" mit "Sorge für dich!". Am besten notiert sie diese Sätze zum Nachlesen in einem Buch. Um Kraft aus bewältigten Krisen zu schöpfen, hat Silke vergangene Umbruchsituationen Revue passieren lassen: die Geburt ihres Sohnes oder den Hausbau. Sie hat sich gefragt: Was habe ich damals getan, um die Lage zu meistern? Das Bewältigen von schwierigen Situationen ermutigt dazu, neue Herausforderungen anzunehmen. Ein entscheidender Schritt für Silke war es, den Satz "Mir ist es wichtig ..." zu verwenden, um anderen ihre Wünsche mitzuteilen. Die Entschlossenheit wächst, wenn wir im Kleinen beginnen und dann größer werden. Denn kleine Erfolge machen Mut, größere Veränderungen zu wagen.
Silke möchte künftig beherzter auftreten. Dabei hilft es schon, langsamer zu gehen, sich bewusster zu bewegen. Beim Gehen hat Silke ihren eigenen Körper häufig gar nicht gespürt, weil sie zu schnell gelaufen ist und in Gedanken ganz woanders war. Nun soll sie bei jedem Platz und jeder Straße ihr Ziel fest ins Auge fassen und dann aufrecht und langsam darauf zugehen. So wird Silke ruhiger und kompetenter wirken. Das darf sie aber mit ihrer Kopfhaltung nicht wieder zunichte machen: Sie legt den Kopf häufig schräg wie ein Kind, das sich Zustimmung holen muss. Eine gerade Kopfhaltung hingegen strahlt Mut und Entschlossenheit aus. Um auch mithilfe ihrer Stimme souveräner zu wirken, muss Silke lernen, sich nicht selbst in Frage zu stellen. Sie hebt die Stimme oft am Ende eines Satzes wie bei einer Frage. Das klingt unentschlossen. Deshalb: Kurze Sätze sprechen und die Stimme am Ende zu einem Punkt oder einem Ausrufezeichen senken.
Mutiger werden ist eine Frage der inneren Einstellung. Ruht Silke in ihrer Mitte, spürt sie Selbstbewusstsein und Harmonie. Sobald sie dieses Gleichgewicht verliert, schwindet auch der Mut, und sie fühlt sich klein. Mut hat im Zen-Buddhismus zwei Grundebenen: das Herz und die Energie. Gerade die Energie lässt sich gut in Balance halten, z. B. durch die "Übung der sieben Atemzüge". Dazu sitzt man entweder aufrecht auf einem Stuhl oder stellt sich gerade hin, die Füße hüftbreit auseinander. Die Handflächen liegen auf dem Unterbauch. Erst natürlich einatmen, dann ganz langsam durch die Nase ausatmen. Dabei sollte Silke sich eine Feder vor der Nase vorstellen, die beim sanften Ausatmen nicht wegfliegen darf. Diesen Atemzug 7-mal wiederholen. Einatmen steht für das Aufnehmen von Energie, Ausatmen für das harmonische Verteilen von Energie. Trainiert Silke diese Atemtechnik mehrmals täglich, spürt sie, wie Energie und Mut wachsen.
















