Psycho-Coaching beim Joggen

Laufen macht den Kopf frei. Aber es geht noch besser: Die Münchener Diplom-Psychologin Gabi Ingrassia bietet jetzt ein Psycho-Coaching beim Joggen an. BRIGITTE-Mitarbeiterin Anne-Bärbel Köhle hat es ausprobiert.

Donnerstagnachmittag, Englischer Garten in München, eine Therapiestunde der besonderen Art: Statt sich gemütlich in eine Psychologenpraxis zu setzen, macht die Klientin - in diesem Fall ich - ein vorsichtiges Warm-up. Ich hüpfe ein bisschen auf der Stelle, schwinge meine Arme.

Da kommt sie schon um die Ecke, federnder Schritt, lange wehende blonde Mähne: Gabi Ingrassia, Münchener Psychotherapeutin. Ihren Klienten bietet sie an, sich im Walken oder Joggen behandeln zu lassen. Meine Güte, die Frau sieht vielleicht fit aus. Und jetzt joggt sie mit mir. Ich! Die normalerweise im Pulsbereich einer Schildkröte trainiert. Das wird ein Spaß...

BRIGITTE: Was passiert eigentlich beim Laufen, im Unterschied zu einer ganz normalen Therapiestunde?

Gabi Ingrassia: Joggen hat einen Mehrfach-Effekt. Man weiß ja mittlerweile, dass das Gehirn währenddessen im Belohnungszentrum euphorisierende Stoffe ausschüttet. Außerdem sorgt die Bewegung dafür, dass beide Hirnhälften stimuliert werden, das beruhigt. Wenn die innerliche Erregung zurückgeht, können Patienten wieder beginnen, klarer zu denken. Und machen eine wichtige Erfahrung: nämlich die, wie sehr Organismus und Seele zusammenhängen. In der Praxis kann ich stundenlang predigen, auf den Körper zu hören, um Stresszeichen zu erkennen, um zu wissen, was einem guttut oder nicht. Beim Joggen in der Natur erfahren es die Menschen unmittelbar. Wenn jemand zum Beispiel gerade in einer Wut-Situation steckt, hat er die Möglichkeit, seine Aggressionen körperlich abzubauen, anstatt sie immer im Kopf kreisen zu lassen. Jemand wie Sie, der gerade noch etwas angespannt ausgesehen hat, kommt schneller in einen gelasseneren Zustand. Da öffnen sich ganz andere Schleusen im Kopf.

Stimmt! Erstaunlich, was bei diesem Gespräch alles parallel läuft. Ich sehe, rieche, höre, fühle: das Frühlingsgrün des Rasens, den Duft auf dem Pflaster nach dem kurzen Regenguss vorhin, die Stimme von Gabi Ingrassia, meine Muskeln, die allmählich wärmer werden.

Wer lässt sich beim Joggen coachen?

Wer joggt denn generell mit Ihnen?

Ich habe Patienten, die in einer Lebenskrise stecken oder die Ängste haben, coache Menschen mit Übergewicht oder Manager, die berufliche Probleme haben. Die haben natürlich besonders wenig Zeit - und nutzen die Therapiestunde dann gleichzeitig dazu, Sport zu treiben, nach dem Motto: "double your time". Oft macht es aber auch schlicht therapeutisch Sinn, mit Menschen zum Laufen zu gehen. Dann zum Beispiel, wenn ein Patient gerade auf einem Problem festsitzt und innerlich nicht weiterkommt. Neulich hatte ich jemanden, der im Job gemobbt wird und plötzlich so richtig ins Schimpfen geriet. An sich kein schlechtes Zeichen. Nur sollte man von diesen Gefühlen irgendwann eben auch wieder herunterkommen, sonst ist der Kopf für Lösungen blockiert. Manchmal fordere ich die Leute in solchen Situationen auch auf, kurz zu sprinten. Probieren Sie es mal aus!

Ich renne los, so schnell ich kann, höre, wie ich ins Keuchen gerate, merke, wie meine Beine zunächst noch ein bisschen eckig vor sich hin galoppieren und dann immer geschmeidiger. Nach 300 Metern habe ich Seitenstechen, bin komplett außer Atem. Aber das erste Mal an diesem Tag, der bislang wirklich anstrengend war, bekomme ich Lust zu lachen. Bis ich mich wieder beruhigt habe, hat mich meine Laufpartnerin eingeholt.

Hilfe gegen Depressionen?

BRIGITTE-Mitarbeiterin Anne-Bärbel Köhle und Psychologin Gabi Ingrassia

Funktioniert die Therapie beim Joggen auch bei Depressionen?

Da erlebe ich besonders gute Fortschritte. Depressive empfinden sich häufig als müde und kraftlos, sie drehen sich mit ihren Gedanken im Kreis, fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht in ihrem Körper zu Hause und haben oft schon ewig keinen Sport mehr getrieben. Für viele ist es dann ein echtes Erfolgserlebnis, wenn sie eine Stunde Laufen oder Walken hinter sich gebracht haben. Das stärkt das Selbstwertgefühl. Nur Patienten und Patientinnen mit einem schweren Burnout-Syndrom rate ich nicht zu dieser Therapieform - die wollen ohnehin immer noch mehr in das bisschen Zeit pressen, das sie haben. Da wäre das Prinzip "double your time" gänzlich kontraproduktiv. Denn solchen Menschen fehlt augenblicklich die Sensibilität für sich und ihren Körper, sie tendieren dazu, sich gänzlich zu überfordern. Übrigens laufen Sie gerade viel zu schnell. Sie kriegen ja kaum noch Luft!

Der Spaß, den Körper zu spüren

Es macht mir Spaß, meinen Körper zu spüren, etwas zu leisten ...

So eine Aussage führt mich zwangsläufig zu der Frage: Wie sehen Sie zum Beispiel Ihren Körper? Als Leistungsinstrument? Bei solchen Gesprächen kann sich der Blick auf innere Muster öffnen, die tief vergraben in der Seele liegen. Einblicke dieser Art kommen natürlich viel schwerer zustande, wenn jemand nur vor mir sitzt.

Während ich darüber nachdenke, wer oder was mich in meinem Leben antreibt, bin ich tatsächlich langsamer geworden. Mein Kopf braucht Zeit, um die Information zu verarbeiten. Und offenbar ist die Botschaft, ein bisschen kürzerzutreten, jetzt auch in meinen Beinen angekommen. Außerdem gerate ich allmählich in diesen meditativen Zustand, der bei mir immer etwa nach einer Viertelstunde Joggen eintritt. Ein federleichtes Gefühl. Das Denken geht von selbst.

Das richtige Tempo

Bin ich jetzt im richtigen Tempo?

Jeder darf so schnell laufen, wie es ihm guttut. Hauptsache, er ist noch in der Lage, mit mir zu sprechen. Wenn einer viel zu rasch rennt, so wie Sie eben, bremse ich ihn herunter. Manchmal coache ich zum Beispiel überarbeitete Manager, die in der Freizeit auf einen Marathon trainieren. Die versuchen mir dann zu zeigen, was sie draufhaben. Aber gerade da liegt ja meistens auch die Wurzel des Übels.

Und genau mein Thema. Am Anfang der Stunde hatte ich Angst, dass ich mich mit meinem Schildkrötentempo blamiere, deshalb bin ich gerannt wie bekloppt. Jetzt, wo ich merke, dass ich eigentlich ganz gut mitkomme, möchte ich gern zeigen, wie toll ich bin. So, als würde ich fast darauf warten, dass jemand mich lobt. Wieso eigentlich?

Warum so ein Druck?

Was verbirgt sich dahinter, wenn sich jemand selbst so unter Druck setzt?

Das ist ein unbewusster Mechanismus. Wir alle haben innere Muster, von denen wir uns Belohnung versprechen. Manche Menschen entwickeln zum Beispiel ein Helfersyndrom und zehren von der sozialen Anerkennung. Andere rauchen oder trinken. Und manche überfordern sich selbst. So merkwürdig es klingt: Das alles sind Formen, um Entspannung zu suchen.

Trifft das auf mich zu? Ich habe mal wieder viel zu viele Aufträge angenommen, dazu Haushalt und zwei Kinder, nächste Woche kommt Verwandtschaftsbesuch. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich auch noch angefangen, meine Gartenmöbel abzuschleifen und neu zu lackieren. Wieso schaffe ich es nicht, meine Arbeit auf ein normales Level herunterzufahren? Warum fällt es mir immer wieder schwer, Nein zu sagen? Wir unterhalten uns über das Thema und meine Gefühle. Inzwischen laufen wir nebeneinander her wie ein eingespieltes Team.

Wo bleibt die Entspannung?

Ich leide aber darunter, zu viel zu arbeiten. Wie geht das mit der Suche nach Entspannung zusammen?

Sie folgen alten Mustern, die Ihre Seele kennt. Vielleicht sind Sie als Kind überwiegend dann gelobt worden, wenn Sie etwas geleistet haben, was eigentlich über Ihre Verhältnisse ging. Das hat Ihre Psyche als gute Erfahrung abgespeichert. Jeder Mensch hat seine ganz eigenen, oftmals unbewussten Belohnungsmuster, das ist völlig normal. In Ihrem Fall heißt es: "Ich überfordere mich, dafür werde ich gelobt oder ich lobe mich selbst - und das gibt mir ein gutes Gefühl." Je gestresster Menschen sind, umso öfter versuchen sie, mit bekannten Verhaltensweisen für Entspannung zu sorgen. Das Gute daran: Je besser Sie sich kennen, umso leichter fällt es Ihnen, solche Muster zu entdecken und zu durchbrechen. Was sagt Ihr Körper dazu?

Er sagt Ja. Er läuft jedenfalls locker und unverkrampft vor sich hin und ist im Einklang mit meinem Kopf. Ich ahne, dass die Psychologin mitten ins Schwarze getroffen hat. Und das Schönste daran: Über diesen Punkt kann ich bei der nächsten Joggingrunde zu Hause völlig entspannt nachdenken.

Info: Gabi Ingrassia finden Sie auf Ihrer website www.ingrassia.de. Eine Therapiestunde bei ihr kostet 90 Euro, eine Coaching-Stunde 130 Euro.

  • BRIGITTE 14/08
    Fotos: Astrid Prangel

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