Persönlichkeit
Wie selbstsicher bin ich wirklich?

Wir wären gern selbstsicher - jeden Tag und bei jeder Gelegenheit. Nur warum funktioniert das nicht und was kann man dagegen tun? 21 Fragen und Antworten.

  • 1 Kommentar
  •  
  •  

Foto: Dean Mitchell/istockphoto.com

  • 1. "Moderne Frauen sind selbstbewusst", glauben wir. Aber stimmt das wirklich?
    Was wahr ist: Egal, ob in der Liebe, im Joballtag oder in der Supermarktschlange, ein gewisses Durchsetzungsvermögen hat zugenommen. Heute halten sich zwei Drittel der Frauen prinzipiell für kompetent und finden es wichtig, was sie tun, so eine Studie der San Diego State University. Eine besonders hohe Meinung von sich haben junge Frauen um die 20, das ist natürlich ermutigend. Aber auf der anderen Seite wünschen sich auch heute noch fast 90 Prozent der Frauen mehr Selbstbewusstsein, das schätzt die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie - denn die Frauen sehen in diesem Selbstwertmangel die Wurzel ihrer Probleme.
  • 2. Was ist denn da los? Tun wir nur so, als wären wir selbstsicher?
    Nein, das wäre zu einfach. "Die Zerrissenheit spiegelt eine gesellschaftliche Tendenz wider", sagt der Psychologieprofessor Hans-Joachim Maaz. Wir alle sind heute geradezu Asse in Sachen Selbstdarstellung und Selbstmarketing. Ganz tief drinnen sind wir aber oft stark verunsichert, suchen dauernd nach Bestätigung und auch nach Anerkennung.
  • 3. Wir sind also innerlich verunsichert. Aber warum denn nur?
    Man versteht das besser, wenn man weiß, dass Forscher zwischen "explizitem" und "implizitem" Selbstvertrauen unterscheiden. Das explizite, äußere Selbstvertrauen ist das, was wir normalerweise im Blick haben. Wenn wir Erfolge erleben, wächst es. Wenn wir anerkannt und gemocht werden, ebenfalls. Mit dem expliziten Selbstwert ist es allerdings ein bisschen wie mit Schokolade und netten E-Mails - wir wollen schnell immer mehr davon. Das heißt, dass wir immer abhängiger von den Reaktionen anderer werden. Das implizite Selbstvertrauen ist dagegen so eine Art Hippie-Haltung. Egal, was wir tun, was wir erreichen, wo wir stehen, wir ruhen in uns. Und ganz ehrlich: An diesem Kern-Selbstvertrauen mangelt es uns gewaltig.
  • 4. Moment mal. Ich dachte immer, dass äußere "Hilfsmittel" wie elegante Klamotten oder eine sichere Körpersprache das Selbstvertrauen durchaus pushen. Gilt das jetzt nicht mehr?
    Doch. Mit Stimmtraining, selbstsicherer Haltung oder einem Top-Outfit kann man auf der Kurzstrecke prima punkten, etwa beim Vorstellungsgespräch. Als Lebensprinzip tragen perfekte Selbstdarstellung und rein äußere Erfolge aber nicht. Die Zweifel gehen nicht weg, die Bestätigung kommt nicht innen an. Man nennt das auch das "Armer Mann mit viel Geld"-Syndrom: Man kann noch so viel Geld scheffeln, wenn man sich nicht wertvoll und sicher fühlt, wird äußerer Erfolg einen niemals sicherer und glücklicher machen.
  • 5. Wenn diese unbewusste Unsicherheit so weit verbreitet ist - woran merke ich denn konkret, ob ich davon betroffen bin?
    Gegenfrage: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie mit sehr erfolgreichen, schönen Menschen zu tun haben? Oder wenn ihre beste Freundin sich neu verliebt oder einen Traumjob ergattert? Klar, ein bisschen Neid ist in solchen Situationen immer mit dabei. Wer dann aber sehr unsicher wird, sich plötzlich klein und minderwertig fühlt oder bissig reagiert, ruht in Sachen Selbstvertrauen wahrscheinlich nicht in sich. Eine Studie der Uni Oklahoma zeigt, dass der Wunsch, andere abzuwerten, ein sicheres Zeichen für ein chronisch angekratztes Selbstbewusstsein ist und mehr aussagt als beispielsweise eine Neigung zum Grübeln oder Zweifeln.
  • 6. Ich verstehe das nicht. Wieso ist gerade Neid ein Zeichen für wenig Selbstvertrauen?
    Wer neidisch ist, vergleicht sich häufig mit anderen, fühlt sich gleichzeitig aber auch persönlich gekränkt, wenn der Vergleich mies ausfällt. Das ist gerade heute fatal. Durch die vielen unterschiedlichen Rollen, die wir im Leben ausfüllen, und durch die gute Vernetzung dank Facebook und Co erleben wir heute sehr viel mehr Menschen mit als die Generation unserer Eltern - und sind quasi einem permanenten Vergleich ausgesetzt.
  • 7. Wie kann man es denn stoppen, dauernd auf andere Menschen zu schielen und zu vergleichen?
    Indem wir uns besser kennenlernen. Uns Fragen stellen wie: Wer bin ich eigentlich? Was begeistert mich? Wann fühle ich mich lebendig? Wenn wir die ehrlich beantworten und danach handeln, beginnt so etwas wie Souveränität. Die eigenen Schwächen und Schattenseiten zu kennen macht zusätzlich stark. Wer von sich ganz rundheraus sagt "Im freien Reden bin ich nicht so gut" oder "Oh, da habe ich wohl einen Fehler gemacht", praktiziert bereits Selbstvertrauen für Fortgeschrittene.
  • 8. Jetzt will ich aber mal wissen, wie es zu so einem negativen Selbstvertrauen überhaupt kommt?
    Selbstwert ist nur zum Teil genetisch bedingt, also nicht fest im Charakter verankert. Der Grad des Selbstbewusstseins hat eher damit zu tun, was man bei den eigenen Eltern gesehen und erlebt hat. Wer in der Kindheit nur an Leistung gemessen wurde, fühlt sich leicht unsicher. Wer seine Eltern häufig wegen äußerer Fehlschläge einknicken sah, ebenfalls. Der Psychoanalytiker Rolf Haubl hat außerdem in einer Studie festgestellt: Neid und mangelndes Selbstwertgefühl finden sich oft bei Menschen, die in der Familie die zweite Geige spielten, vor allem von ihren Vätern abgewertet wurden.
  • 9. Ja, ja, die Kindheit. Aber was kann ich denn tun, wenn ich heute mein Selbstvertrauen stärken will? Mich vor den Spiegel stellen und sagen: Du bist liebenswert und toll?
    Solche Selbst-Einflüsterei funktioniert leider nur in Überbrückungssituationen und bei Leuten, die eh ein gutes Selbstvertrauen haben, so eine neue US-Studie. Für Menschen, die auf der tiefen Ebene ihr schwaches Selbstvertrauen stärken wollen, hilft etwas anderes - Mitgefühl für sich selbst entwickeln. Im Klartext heißt das: sich selbst zu behandeln, wie man auch das eigene Kind, die beste Freundin oder den Partner behandeln würde, nämlich mit Nachsicht, Mitgefühl, Wohlwollen. Denn wir sehen andere oft positiver als uns selbst und gestehen ihnen erstaunlicherweise mehr Schwächen zu. "Wer diesen liebevollen Blick auf sich selbst anwendet, ist einen Riesenschritt weiter", sagt die Hamburger Psychotherapeutin Elke Rehhorn.
  • 10. Aber spätestens bei echten Niederlagen funktioniert das doch nicht mehr. Wenn ich einen Job nicht bekomme oder der nette Typ sich nicht mehr meldet, das ist doch immer ein Dämpfer fürs Selbstbewusstsein?
    Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Trotzdem gilt: Wer sich von Tiefschlägen total runterziehen lässt, hat wahrscheinlich ein "Multiplikations-Modell des Selbstwerts" verinnerlicht. Dabei lautet die fatale Rechnung: Wenn in einem von zehn Lebensbereichen gerade eine Null steht, ist das ganze Leben eine Null. Diese Art Denken trifft oft kontrollierte und erfolgsverwöhnte Menschen. Dabei ist der Hang zum Multiplizieren nichts als eine Marotte. Wie man sie ändert? Sich klarmachen, dass man mehrere Teil-Identitäten hat, also beispielsweise als Geliebte, Chef-Buchhalterin, Hobby-Schwimmerin durch die Welt geht. Immer, wenn in einem Bereich Land unter ist, hält man sich die anderen guten Teile vor Augen und schöpft daraus Kraft.
  • 11. Wenn man aber schon mitten im Durchhänger steckt, fängt man ja auch oft an, sich wegen Kleinigkeiten fertig zu machen. Der Fehler im Job oder der Streit mit der Freundin geben einem dann den Rest. Kann man so einen Selbstvertrauens-Erdrutsch stoppen?
    Hier greifen Notfalltricks aus der Verhaltenstherapie. Macht man sich wegen eines kleinen, peinlichen Fehlers fertig, hilft etwa die "historische Perspektive". Stellen Sie sich die Frage "Wie wichtig ist dieser peinliche Fehler bezogen auf mein ganzes Leben?" So schlimm? Na eben. Oder beruhigen Sie die innere Drama-Queen, lassen Sie zum Beispiel keine Verallgemeinerungen durchgehen. Sie haben Streit mit der Freundin - okay? Aber heißt das, dass Sie alle Beziehungen schrotten? Na also.
  • 12. Könnte ich auch versuchen, Niederlagen zu vermeiden?
    Kommt auf die Lebensphase an. Wer gerade versucht, das innere Selbstvertrauen aufzupäppeln, sich selbst mit wohlwollendem Blick zu betrachten, kann eine Schonzeit brauchen und muss nicht gleich ins nächstbeste Abenteuer taumeln. Andererseits, auch wenn es ein bisschen nach kitschigem Hollywoodfilm klingt: Je mehr Niederlagen wir durchstehen, je beherzter wir uns ins Leben stürzen, desto selbstbewusster werden wir. Denn nichts macht uns so sicher wie aktiv zu sein, zu handeln, das Leben zu gestalten. Egal, ob im Job oder in der Liebe.
  • 13. Apropos Liebe. Kann es sein, dass man eigentlich selbstbewusst ist, das Selbstvertrauen aber durch eine miese Beziehung verliert?
    Auf jeden Fall gibt es Liebesbeziehungen, die uns nicht gerade stark machen. Die Psychologin und Autorin Ursula Nuber hat in ihrer Praxis immer wieder beobachtet, dass besonders Frauen erst an der Seite von lieblosen Männern depressiv, unsicher oder ängstlich werden. Ihre These lautet, dass Niedergeschlagenheit und Unsicherheit immer auch ein Produkt schlechter Beziehungen sind.
  • 14. Was passiert denn genau in Beziehungen, die nicht gut für unser Selbstbewusstsein sind?
    Ist einer der beiden Partner sehr kühl oder geizt mit Gefühlen, kann das den anderen sehr verunsichern, er will immer mehr Bestätigung, wird immer unsicherer, der andere wird immer genervter. Ein ähnlich unguter Sog entsteht, wenn ein Partner den anderen ein bisschen zu sehr anhimmelt und zu viel gibt - und der andere sich das nur zu gern gefallen lässt. Oft wird das Gefälle mit der Zeit immer größer, bis der eine "der Tollste" und der andere "der Loser" ist. Oft ist es schwer, aus den festgefahrenen Rollen herauszukommen. Man muss sich dann viel mehr abgrenzen.
  • 15. Gipfelt das jetzt in dem Ratschlag: Wenn ich öfter Nein sage, wächst mein Selbstvertrauen?
    Es klingt plakativ, aber es gibt tatsächlich konkrete Verhaltensweisen, mit denen man sein Selbstvertrauen im Kontakt mit anderen steigern kann, ganz gleich, ob mit dem Liebsten, mit Freunden oder im Job. Oft wirken schon Mini-Veränderungen. Nehmen Sie sich wichtig, stellen Sie Forderungen. Obwohl morgen Projekt-Abgabe ist, brauchen Sie noch drei Tage. Auch wenn der Liebste nur Mittwoch kann - da sind Sie schon verabredet. Schon die Vorstellung, die eigenen Bedingungen dem Partner, den Freunden oder der Chefin zu nennen, treibt Ihnen den Schweiß auf die Stirn? Dann unbedingt ausprobieren.
  • 16. Was ist überhaupt mit Freunden, Verwandten, Arbeitskollegen? Können die wirklich auch mein Selbstbewusstsein beeinflussen?
    Natürlich. Und zwar erst mal ziemlich positiv. Wer ein stabiles und wohlwollendes soziales Umfeld hat, der hat in der Regel auch mehr Selbstvertrauen, fühlt sich im Alltag meist wohl und sicher. Dennoch sollten wir für einen guten Kontakt nicht alles tun, gerade, wenn wir häufig um unseren Selbstwert ringen. Da wir das so schnell vergessen, hier noch mal in Spickzettelform: Halten Sie sich an sich selbst, nehmen Sie sich wichtiger als die anderen, bleiben Sie egoistisch.
  • 17. Ich will aber auf keinen Fall arrogant rüberkommen, nur noch an mich selbst denken, die eigenen Erfolge übertreiben. So muss ich doch nicht werden, oder?
    Wenn man Hochschulprofessoren oder Angestellte einer Firma fragt, wo sie im Vergleich mit anderen stehen, beurteilen sich 80 Prozent der Leute als "besser als der Durchschnitt". Mindestens 30 Prozent übertreiben also maßlos - und das ist gesund. Denn wer sich selbst ein wenig durch die rosa Brille sieht, fühlt sich besser und glücklicher. Andersrum: Wer sich komplett nüchtern betrachtet, ist zwar ehrlich, aber laut Emotionsforschung auch latent depressiv. Ein bisschen übertreiben ist also erlaubt.
  • 18. Was ja auch das Ego stärken soll, ist Sport. Funktioniert das über die körpereigene Chemie?
    Sport ist deshalb genial, weil wir dort schnell selbst gesteckte Ziele erreichen können, und das gibt uns immer einen Push. Dazu kommt noch, dass durch Joggen, Fitness-, Krafttraining und Co vermehrt das Hormon Dopamin ausgeschüttet wird. Da dieses Hormon bei sehr selbstbewussten Menschen in hohen Konzentrationen im Blut vorkommt, kann man tatsächlich sagen, dass Sport das Selbstwertgefühl verbessert. Und zwar sofort.
  • 19. Jetzt mal was anderes. Gilt denn wirklich: Je selbstsicherer, desto besser?
    Auf keinen Fall. Die Psychologieprofessorin Astrid Schütz von der Uni Bamberg weist darauf hin, dass Phasen von Zweifel und geringem Selbstwert auch die Fähigkeit zur gesunden Selbstkritik fördern. Andersrum gesagt: Selbstverliebte Menschen, die sich für unschlagbar gut halten, scheitern oft an ihrer viel zu positiven Selbsteinschätzung. Denn die anderen sehen ihn meist anders.
  • 20. Warum ist es dann überhaupt so wichtig, ein gutes Selbstwertgefühl zu haben?
    Ganz simpel gilt, wer mehr von sich hält, traut sich im Leben mehr zu. Eine norwegische Studie zeigt, dass Menschen mit wenig Selbstvertrauen dazu neigen, bei wichtigen Lebensentscheidungen schale Kompromisslösungen einzugehen und in Sachen Partnerwahl oder Jobwahl häufig unter ihren Möglichkeiten bleiben.
  • 21. Ganz praktisch: Woran merke ich, ob ich zu wenig, zu viel oder eben gerade die richtige Portion Selbstvertrauen habe?
    Zu viel Selbstvertrauen haben nur wenige. Falls Sie sich in Verdacht haben, gucken Sie einfach, dass Sie anderen Menschen immer genug Respekt entgegenbringen. Das Alarmzeichen für zu wenig Selbstwertgefühl ist, wenn Sie merken, dass Sie selbst Mini-Kritik nur schwer verkraften. Oder wenn Sie oft Angst haben, Fehler zu machen. Dann kann es sich lohnen, ernsthaft am Thema Selbstwert zu arbeiten. Bei allen anderen gilt: Gelegentlich ein bisschen zu schwächeln ist mehr als okay. Bleiben Sie einfach, wie sie sind. So sind sie genau richtig.
  • Text: Anne Otto
  • 1 Kommentar
  •  
  •  
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen

BRIGITTE im Abo

Jetzt bis zu 30% sparen
und Geschenk sichern