Psychologe: Deshalb ist es so gut, sich verletzlich zu zeigen

Verletzlichkeit ist gut: Frau am See

Verletzlichkeit ist unsere größte Stärke, weiß Psychologe Oskar Holzberg: Denn nur, wer sich anderen gegenüber schwach zeigen kann, ist fähig, ein erfülltes Leben zu führen.

Gerade hatte Felix Neureuther, Deutschlands bester Skifahrer, nach einer mäßig erfolgreichen Saison doch noch eine Bronzemedaille gewonnen. Überwältigt von seinen Gefühlen wandte er sich von den aufdringlichen Fernseh-Kameras ab, ein Reporter aber verfolgte ihn unerbittlich mit dem Mikrofon. Neureuther wischte seine Tränen weg und sagte, bevor er sich weiter zu seinem Erfolg äußerte: "Sonst bin ich nicht so eine Pussy."

Verletzlichkeit ist keine Frage des Geschlechts - und keine Schwäche!

Ich fand verständlich, dass er sich vor der Öffentlichkeit schützen wollte. Gleichzeitig fand ich es schade, dass er - indem er darauf hinwies, dass er sich normalerweise besser im Griff habe - so tat, als wäre es ein Zeichen für eine instabile Psyche, be- und gerührt zu sein. Als sei es eine weibische Schwäche, sich verletzlich zu zeigen, unter der er sonst nicht leide. Aber Verletzlichkeit ist erstens keine Frage des Geschlechts. Und zweitens keine Schwäche. Im Gegenteil, es ist einer der Schlüssel zu einem guten Leben.

Wir alle sind verletzbare Wesen. Körperlich ebenso wie seelisch. Verletzbarkeit gehört unausweichlich zu unserem Leben als mittelgroße Affen - ohne Reißzähne, Klauen, Panzer oder Giftdrüsen. Wir müssen uns schützen, um zu überleben. Und unser größter und allerwichtigster Schutz sind die anderen mittelgroßen Affen. Wir brauchen sie, um uns in der Welt sicher, geborgen und unterstützt zu fühlen. Wir sind auf die anderen angewiesen. Wir sind bedürftig und abhängig von unseren Beziehungen. Tatsächlich beweist die Forschung: Wir sind umso glücklicher und gesünder, je stabiler und befriedigender unsere sozialen Beziehungen sind.

Was macht unsere Beziehungen stabil, befriedigend und zeitweise sogar glücklich?

Dieser Frage ging die US-amerikanische Sozialforscherin Brené Brown nach. Brown forscht nach der Methode der "grounded theory". Dabei stellt sie sich eine Frage, zu der sie Hunderte Interviews führt und Geschichten sammelt. Erst auf Grundlage der so erhobenen Daten stellt sie dann Theorien auf.

Als sie der Frage nachging, was Scham ist und wie sie unser Leben beeinflusst, konnte sie die von ihr befragten Frauen und Männer anschließend in zwei Gruppen einteilen. In die Gruppe derjenigen, die ein tiefes Gefühl von Liebe und Zugehörigkeit empfanden. Und in die Gruppe derer, die damit zu kämpfen hatten, dass ihnen dieses Gefühl fehlte. Dabei kristallisierte sich ein Unterschied heraus, der beide Gruppen voneinander trennte. "Wer sich als liebenswert empfindet, andere liebt und ein Gefühl der Zugehörigkeit verspürt, glaubt einfach, dass er Liebe und die Zugehörigkeit verdient."

Die Menschen aus dieser Gruppe erzählten, entscheidend für ihr Gefühl, ein gutes, ja sogar glückliches Leben zu führen, sei es, dass sie verletzlich sein könnten und die eigene Unvollkommenheit nicht schamhaft verbergen müssten.

Durch Verletzlichkeit beweist man den Mut, seine Gefühle zu zeigen

Brené Brown stellte daraufhin Verletzlichkeit ins Zentrum ihres Denkens und definierte sie "als Ungewissheit, Risikobereitschaft und emotionale Exposition", also den Mut, sich mit den eigenen Gefühlen zu zeigen. Ohne sie, so Brown, gebe es weder Kreativität noch Liebe.

Ungewissheit begleitet jede Phase unseres Liebeslebens: Flirten ist ein einziges Spiel mit der Ungewissheit, und wir verlieben uns, ohne sicher sein zu können, dass unsere Gefühle erwidert werden, ohne zu wissen: Treffen wir die richtige Wahl? Können wir ihm vertrauen? Werden wir enttäuscht oder betrogen werden? Dass Dating-Portale so erfolgreich sind, liegt wohl unter anderem daran, dass sie vorgeben, die Ungewissheit zu schmälern. Matching-Points suggerieren Gewissheit, und unseren Traumtyp kontaktieren wir nur, wenn er uns ebenfalls gewählt hat.

Verletzlichkeit ist die Bereitschaft, aufrichtig zu uns selbst zu sein

Auch Kreativität ist immer ein Risiko. Werden die anderen unsere Einfälle lächerlich finden, unsere Fähigkeiten dilettantisch, unsere Themen naiv? Was im Schreiben, Singen oder Malen sichtbar wird, ist unsere innere Welt, die Welt unserer Gefühle, unsere verletzlichste Stelle. Indem wir sie offenbaren, riskieren wir, beschämt, abgelehnt, entwertet zu werden. Verletzlichkeit ist unsere Fähigkeit, dem nicht auszuweichen. Es ist die Bereitschaft, aufrichtig zu uns selbst zu stehen und zu wagen, uns offen zu zeigen - auch mit unseren Schattenseiten.

Es ist der Mut, mit einer Freundin unsere Angst zu teilen davor, beim Arzt das Ergebnis unseres Krebstests zu erfragen. Unserem Liebsten unsere ängstliche Eifersucht auf seine neue Kollegin zu gestehen, statt sie schamvoll zu schlucken oder wütend zu bekämpfen. Nicht scheinbar unberührt über die kritische Bemerkung unserer Vorgesetzten hinwegzugehen, sondern ihr unsere Sorge darüber, wie sie uns wahrnimmt, angemessen mitzuteilen.

Je offener wir miteinander sind, umso mehr berühren wir einander

Das Risiko, das wir damit eingehen, kann mit schmerzhafter Zurückweisung beantwortet werden. Oder aber mit wachsender Verbundenheit. Denn das Gesetz naher Beziehungen ist einfach: Je offener wir miteinander sind, umso mehr berühren wir einander innerlich. Und je mehr wir einander berühren und erreichen, umso erfüllender erleben wir unsere Begegnung, unser gemeinsames Leben. Verletzlich sein zu können ist eine soziale Kompetenz, die entscheidende Grundlage für befriedigende Beziehungen.

Um das Risiko der Verletzlichkeit eingehen zu können, brauchen wir Selbstbewusstsein, und unser Selbstbewusstsein wird wiederum gestärkt, wenn wir das Risiko der Verletzlichkeit eingehen. Der Weg dorthin führt immer über unsere Scham, über das Gefühl, in den Augen anderer nicht zu genügen. Scham ist eine Pflanze, die bloß im Verborgenen wächst. Nur durch Offenheit - indem wir uns zu unserer Scham bekennen - können wir uns von ihr lösen.

Angenommen, wir denken: "Ich habe Angst, dass er mich nicht mehr begehrt." Wie stark spüren wir es, wie stark wirkt es in uns? Und jetzt gehen wir auf unseren Partner zu, schauen ihn an und sagen genau diesen Satz: "Ich habe Angst, dass du mich nicht mehr begehrenswert findest." Wie viel Überwindung kostet es uns? Wie beängstigend ist es?

Der Boden wird sich nicht auftun, wenn wir uns verwundbar zeigen

Wir werden uns entsetzlich fühlen, nackt, als stürze die Welt, wie wir sie kennen, gleich zusammen. Aber der Boden wird sich nicht auftun, stattdessen werden wir uns mit diesem Schritt verändern. Unser emotionales Erleben ist intensiv, die neuronale Aktivierung in unserem Gehirn hoch. In dieser Erregung sind unsere neuronalen Verschaltungen veränderbar. Wir machen das, was die Psychologie eine "emotional korrigierende Erfahrung" nennt. Selbst dann, wenn das Schlimmste geschieht und unser Partner unsere Angst bestätigen sollte. Denn den Teil unserer Angst, der uns gefangen hält, unsere Scham, den haben wir überwunden, selbst wenn sich unsere Befürchtung bestätigt.

"Verletzlichkeit ist das erste, wonach ich beim anderen Ausschau halte"

Verletzlich zu leben bedeutet also, die sichere Komfortzone unserer Psyche zu verlassen, in der wir uns hinter unserem bewährten Alltagsgesicht verbergen. Es bedeutet, die innere Grenze zu überschreiten, an der Ängstlichkeit und Schamgefühle uns stoppen wollen.

"Verletzlichkeit", so Brown, "ist das Letzte, was der andere bei mir zu Gesicht bekommt, aber das Erste, wonach ich im anderen Ausschau halte." Was zunächst nach einem hässlichen Charakterzug klingt, ist tatsächlich sinnvolles soziales Verhalten.

Denn wenn die anderen Verletzlichkeit zeigen, dann gibt uns das Sicherheit. Wir wissen dann, dass sie uns nicht feindlich gesonnen sind, sondern uns offen begegnen. Unsere Kultur macht es uns allerdings nicht gerade leicht, verletzlich zu leben, denn sie suggeriert uns, dass wir Mangelwesen sind. Wesen, die nie genug Erfolg haben, nie genug Geld, Sex, gutes Aussehen, Einfluss, Charisma, Freunde, Verbindungen. Wir haben nicht genug, weil wir fantasieren, dass andere so viel mehr davon haben. Wir reichen nicht aus, so unser Eindruck. Wir können nicht mithalten. Und das schmerzt.

Wir sind eine süchtige Gesellschaft

Wir versuchen, diesen Schmerz zu betäuben. Wir nehmen Psychopharmaka, wir fressen uns voll oder halten uns mit Sport im Dauer-High. Wir entscheiden uns, lieber von einem schweren Bordeaux abhängig zu sein als von anderen Menschen, und verbringen den Abend mit ein paar Promille und glasigem Blick, statt mit der Partnerin und dem, was sie in unseren Augen entdecken könnte. Wir sind eine süchtige Gesellschaft.

Der heutzutage überall grassierende Optimierungswahn ist ebenfalls nichts anderes als der unbewusste Versuch, unserer Verletzlichkeit zu entkommen. Von der App aufgezeichnete 10000 Schritte, täglich 30 Minuten meditieren und die Kinder perfekt loben: Perfektionismus macht unverletzlich. Denn Perfektionismus ist nicht der Versuch, etwas besonders exzellent zu machen, sondern der Versuch, sich selbst unangreifbar zu machen. Wenn wir nichts falsch machen, so unsere Hoffnung, wenn alles an uns makellos ist, dann sind wir der Verletzlichkeit entkommen. Aber leider auch uns selbst. Denn wir sind nun einmal keine perfekten Wesen.

Die Strategie gegen Verletzlichkeit: nichts im Leben eine Bedeutung geben

Oder das Red-Bull-Universum extremer körperlicher Erfahrungen, in dem jeder gegen jeden kämpft und alle gegen ihre eigene Angst: Quäl dich! Gib alles! Gib noch mehr als alles! Geh dahin, wo du noch nie gewesen bist! Auch der Kampf gegen die eigenen Grenzen ist eine Strategie, sich unverletzbar zu fühlen: Die eigene Verletzlichkeit wird herausgefordert und besiegt, wenn bei Erfolg die Glückshormone sprudeln. Bis zum nächsten Sprung von der Klippe, bis zum nächsten Rennen am Abgrund.

Die sicherste Möglichkeit aber, unserer Verletzlichkeit zu entgehen, liegt darin, nichts in unserem Leben bedeutsam werden zu lassen. Sondern cool und zynisch auf alles zu schauen und möglichst keine Freude aufkommen zu lassen. Freude ist ein riskantes Gefühl. Es öffnet unsere Herzen und bejaht das Leben. Wer freudig auf den Freund zuläuft, kann enttäuscht werden. Wer mürrisch daherschlappt, nicht.

Ehrlich und authentisch zu sein, das macht uns verwundbar

Dankbarkeit zu erlauben kann ein Weg zurück zur Freude und zu einem verletzlichen Leben sein. Ein paar Minuten am Bett der schlafenden Kinder stehen und sich das Glück und die Liebe eingestehen, die sie in unser Leben gebracht haben. Das Buch beiseite legen und sich vor dem Einschlafen noch ein paar Augenblicke an den Geliebten schmiegen, dankbar, nicht allein in dieser Welt zu sein. Oder auch nur den vergangenen Tag an sich vorbeiziehen lassen und alle guten Augenblicke anerkennen, die es gegeben hat.

Wir leben unsere Verletzlichkeit anders als unsere Säugetierverwandten. Wir Menschen legen uns nicht flach auf den Rücken und präsentieren unsere ungeschützte Vorderseite. Wir machen uns verwundbar, indem wir uns ungeschönt zeigen. Ehrlich und authentisch zu sein, das macht uns verletzlich.

Wir vertuschen nicht, dass wir doch wieder zwei Stunden online waren, obwohl wir uns fest vorgenommen hatten, mit den Spielen aufzuhören. Wir beißen uns nicht auf die Lippen, sondern bekennen, wie sehr es uns verletzt hat, dass unser Liebster den Hochzeitstag vergessen hat. Ja, wir sprechen über unsere Scham, uns wieder nicht getraut zu haben, unsere Tochter anzurufen, um endlich unseren Streit mit ihr beizulegen. Und wir zeigen unsere Bedürftigkeit. Wagen es, zu bitten und zu wünschen.

Manch einer feiert nie seinen Geburtstag, um unverletzbar wunschlos zu bleiben und sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht zu spüren. Aber wer sich nicht erlaubt, bedürftig und angewiesen zu sein, kann daran sogar sterben. Er geht womöglich erst zum Arzt, wenn es zu spät ist.

Verletzlich zu leben, wird immer eine Herausforderung bleiben

Verletzlich zu leben bedeutet keineswegs, sich völlig unverhüllt dem kalten Wind des Lebens auszusetzen. Vielmehr geht es darum, den Mut zu haben, sich dort zu zeigen, wo wir mit Berechtigung hoffen können, mit unseren Gefühlen angenommen zu werden. Verletzlichkeit sollten wir, empfiehlt Brown, vor allem mit denen teilen, die es verdient haben. Mit Menschen, die unser Vertrauen gewonnen haben. Doch auch engen Freunden und geliebten Partnern gegenüber bleibt Verletzlichkeit eine Herausforderung. Denn je wichtiger uns jemand ist, umso größer wird auch unsere Angst, ihn durch unsere Schattenseiten zu enttäuschen. Verletzlich zu leben hört nie auf, eine Herausforderung zu sein.

Verletzlichkeit ist eine so existenzielle Dimension, dass es verwundert, dass wir sie leugnen können. Verletzlich zu leben ist eine Entscheidung für Beziehungen, denn ohne sie gibt es keine Nähe und Intimität. Verletzlichkeit heißt, anzuerkennen, wie abhängig voneinander wir sind. Welche Bedeutung Verbundenheit für uns hat. Verletzlichkeit berührt den Kern unseres Seins. Wenn wir sie erlauben.

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