Alltag
Ist mein Leben zu vernünftig?

Alles vernünftig gelaufen: Die Beziehung ist prima, der Job sicher, die Versicherung abgeschlossen - alles ist wunderbar geregelt. Aber reicht das? Zehn Fragen und Antworten zum Konflikt von Vernunft und Spontaneität.

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Foto: Andrejs Pidjass/iStockphoto

  • Eigentlich habe ich mir immer gewünscht, dass mein Leben vernünftig verläuft. Aber jetzt fängt es an, mich zu langweilen ...
    Erst mal: herzlichen Glückwunsch. Sie haben vermutlich privat und beruflich schon einiges erreicht, Ihren Platz im Leben gefunden, vernünftig gehandelt. Der Psychologe Stephan Grünewald vom Kölner Rheingold-Institut hat in einer Studie herausgefunden: Von Vernunft und Sicherheitsdenken lassen sich vor allem diejenigen leiten, die ihr Leben als brüchig und unberechenbar erleben. Wer sich dagegen einen Rahmen geschaffen hat, wird wieder offener für Wagnis und Abenteuer, will aus dem gewohnten Trott ausbrechen.
  • Gilt das grundsätzlich?
    Ja, das kann man verallgemeinern. Denn Neugier und Sicherheitsdenken sind die beiden Pole, zwischen denen wir uns das ganze Leben lang bewegen - in fast allen Lebensbereichen, von der Beziehung bis zum Job. Wo man sich in dem Spannungsfeld positioniert, hängt allerdings auch vom Zeitgeist ab, also von dem, wie die anderen es machen: Seit den 90er-Jahren hat zum Beispiel die Tendenz, Abenteuer und Kontrollverlust vom normalen Leben abzuspalten, immer mehr zugenommen. Psychologe Grünewald spricht von einem Trend zu "kontrollierten Exzessen". Das heißt konkret: Wir trinken nachts ganz viel und machen uns ganz vernünftig am nächsten Morgen schon wieder mit Sport fit. Wir surfen auf der Suche nach einem Flirt durchs Netz und schauen uns Profile von Partnern an, die wir dann doch nicht kontaktieren. Oder buchen mal eben eine Reise, wenn uns der Sinn nach Abenteuern in fremden Ländern steht.
  • Das klingt aber ziemlich gewollt und eher nicht wie ein langfristiges Lebensmodell, oder?
    Das stimmt. "Abenteuer ohne Risiko ist Disneyland", hat der Schriftsteller Douglas Coupland mal gesagt. Vernünftig in irgendwelchen abgegrenzten Bereichen den Leichtsinn zu proben ist nichts anderes als ein Versuchsballon. Langfristig glücklich werden wir nur, wenn wir es schaffen, regelmäßig kleine Abenteuer und "Ausbrüche" auch tatsächlich in unseren Alltag einzubauen. "Nur dann fühlen wir uns lebendig", sagt der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg.
  • Und wie genau könnte das dann aussehen?
    Zum Beispiel: spontaner werden. Klingt banal, aber es hilft. Wer beim Einkaufen immer auf den Preis achtet, geht los und kauft, wozu er Lust hat. Wer immer seine Woche plant, lässt es einfach mal. Eben die ausgetretenen Pfade verlassen. Und ganz wichtig: Tun Sie Dinge, die nichts bringen, aber Spaß machen. Nehmen Sie sich einen Tag frei und fahren Sie ans Meer, obwohl sich die Hausarbeit stapelt. Oder erfüllen Sie sich einen Kindheitstraum, nehmen Sie zum Beispiel Tanzstunden, planen Sie eine Reise oder rufen Sie eine alte große Liebe an.
  • Aber damit reißt man doch alte Sehnsüchte nur wieder auf?
    Genau darum geht es: Sehnsüchte wieder zu spüren und ihnen nachzugeben. Denn Tagträume, Erinnerungen, denen wir nachhängen, oder Träume aus Kindertagen haben einen Symbolcharakter. Sie geben die Richtung vor, in die es weitergeht. Ob mit Volldampf oder in Minischritten, können wir dann selbst entscheiden. Gerade vernunftgesteuerte Menschen entscheiden sich im Leben oft gegen ihre Sehnsüchte, wählen den sicheren Job und nicht den Traumjob, suchen einen Partner, der halbwegs passt, und nicht die große Liebe. Klar, manche Sehnsüchte erübrigen sich auch mit der Zeit. Aber eine, die immer mal wieder auftaucht, sollten wir nicht ignorieren.
  • Warum hat Vernunft eigentlich so ein schlechtes Image?
    Vernünftig sein bedeutet: erst denken, dann handeln. Reflektieren und abwägen, welche Folgen Entscheidungen haben können. Vernunftmenschen sind eher zukunftsorientiert, arbeiten auf Ziele hin, können Verlockungen und Ablenkungen gut zurückstellen. In den Zeiten aber, in denen "Selbstverwirklichung " als das höchste Gut gilt, klingt so eine Lebensweise eher öde. "Wir sind darauf eingeschworen, aus jeder Freundschaft, aus dem Job und erst Recht aus unseren Liebesbeziehungen ständig das Beste und Aufregendste herauszuholen", sagt Oskar Holzberg. Vernunft hat dabei dann schnell den Beigeschmack von einem Leben mit angezogener Handbremse.
  • Aber Vernunft heißt doch auch: verantwortungsvoll handeln und gut mit sich umgehen ...
    Ja, das heißt es auch. Deswegen ist vernünftig sein natürlich auch nicht grundsätzlich zu verachten. Es kommt im Leben auf die richtige Mischung an. Renommierte Denker wie der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter sind übrigens regelrechte Vernunftfans. Laut Richter sind beispielsweise die Finanzkrise und der Klimawandel vor allem deshalb entstanden, weil die gesamte Gesellschaft Vernunft nicht genug schätzt.
  • Also ist die Frage nach zu viel Vernunft in unserem Leben im Grunde ein Luxusproblem?
    Kann man so sagen, das muss man sich erst mal leisten können. Wir quälen uns ja regelrecht selbst, sobald wir unser Leben auch nur einen Hauch zu sicher, zu berechenbar und zu eintönig fi nden, vermiesen uns damit oft sogar einen erfüllten Alltag. Dabei kann man Entwarnung geben: Für die allermeisten von uns reicht es vollkommen aus, Kleinigkeiten im Leben zu ändern, ein bisschen mutiger oder offener zu werden - und ansonsten das Leben im bereits gezimmerten Rahmen weiter zu genießen. Viele Menschen brauchen eben einfach sehr klare Strukturen, um glücklich sein zu können.
  • Und der Rest?
    Falls Sie im falschen Film leben, sich über eine lange Zeit hinweg starr, leblos und unzufrieden fühlen, sollten Sie wagen, das aufzubrechen. Die Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach sagte einmal den einfachen, aber wahren Satz: "Es gibt Fälle, da heißt vernünftig sein nichts anderes als feige sein."
  • Feige im Sinne von: Angst vor Wandel und Unsicherheit?
    Ja, denn Sicherheit ist unser Lebenselixier. Hirnforscher haben festgestellt: Wenn wir etwas so tun, wie wir es immer tun, haben wir das Gefühl, dass es richtig ist, und fühlen uns wohl. Doch schon kleine Neuerungen und Verhaltensänderungen wirken erst mal bedrohlich. Wenn dann sogar der ganze Lebensrahmen zusammenbrechen könnte, löst das erst recht Alarm aus. "Dahinter steckt die Angst vor Kontrollverlust - und das ist eine uns eingebaute Grundangst", sagt Psychologe Holzberg. Allerdings ist es Typsache, wie stark diese Angst uns leitet. Wer in Kindheit und Jugend durch eine überbehütende Erziehung oder Vernachlässigung wenig Selbstvertrauen gefasst hat, ist meist sehr sicherheitsbedürftig. Außerdem spielt das Nervenkostüm, das wir geerbt haben, eine Rolle: Wer extrem hart im Nehmen ist, braucht weniger Sicherheit als ein Sensibelchen, das schon von Alltagsproblemen aufgescheucht wird.
  • Text: Anne Otto, Tanja Reuschling, Fotos: iStockphoto.com
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