Was uns Gefühle sagen

Unsere Gefühle hätten uns eine ganze Menge zu sagen, wenn sie reden könnten. Die Therapeuten Gabriele Frick-Baer und Udo Baer haben eine Menge Gefühle kennen gelernt und ihnen genau zugehört. Im "ABC der Gefühle" geben sie den Emotionen eine Stimme: Die Angst kommt genau so zu Wort wie der Zweifel. Warum unsere Gefühle manchmal so schwer zu verstehen sind und warum wir lernen sollten, ihnen zuzuhören, erklären Sie im Interview.

Udo Baer

Udo Baer

BRIGITTE.de: Warum verstehen wir unsere Gefühle manchmal so schlecht? Sind wir taub?

Udo Baer: Wenn Menschen nicht dressiert worden sind, bestimmte Gefühle zu unterdrücken, machen sich alle Gefühle bemerkbar. Das sehen Sie am Gefühlsspektrum von Kindern: Wenn sie traurig sind, heulen sie - aber das wird ihnen oft abdressiert. Das ist eine kulturelle und eine Erziehungssache. Viele haben gelernt, dass Gefühle so etwas sind wie Mundgeruch, womit man sich nicht befasst.

Gabriele Frick-Baer: Viele Menschen schämen sich auch für Ihre Gefühle.

BRIGITTE.de: Wäre es nicht viel einfacher, wenn unsere Gefühle wirklich mit uns reden könnten?

Udo Baer: Genau so ist es. Denn wenn ich ein Gefühl verstehe, dann kann es sich auch verändern, ich kann anfangen, etwas zu bewegen. Wenn ich es einsperre, dann klopft und zerrt es, dann wird es nachhaltig und zickig.

BRIGITTE.de: Gibt es Gefühle, die besonders laut brüllen, die man gar nicht überhören kann?

Udo Baer: Relativ laut ist immer die Liebe. Die kann zwar auch still daher kommen, aber ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der verliebt ist und es nicht gemerkt hat.

Auf der nächsten Seite: Die Eifersucht nuschelt

Gabriele Frick-Baer

Gabriele Frick-Baer

BRIGITTE.de: Und welche Gefühle nuscheln, sind also besonders kompliziert zu verstehen?

Gabriele Frick-Baer: Mir fällt da als erstes Eifersucht ein. Die ist oft ein Kampfthema in Beziehungen, man macht sich gegenseitig Vorwürfe, aber selten suchen Paare wirklich nach den Ursachen für Eifersucht. Unter Kolleginnen und Kollegen ist es der Neid, der besonders schwer zu thematisieren ist. Er ist ein absolutes Tabu.

Udo Baer: Einsamkeit zum Beispiel ist kein Party-Gesprächsthema, da finden Menschen sehr schwer Worte. Das gleiche gilt für die Scham.

BRIGITTE.de: Gibt es graue Mäuse unter den Gefühlen? Welches Gefühl wird immer unterschätzt?

Gabriele Frick-Baer: Interesse. Das ist ein gänzlich unterschätztes Gefühl es wird ja schon von kaum jemandem als solches wahrgenommen. Dabei ist es so wichtig, weil es uns viele Impulse gibt, Dinge von innen nach außen bringt, uns antreibt.

BRIGITTE.de: Bei welchen Gefühlen hören wir am häufigsten weg?

Gabriele Frick-Baer: Ekel ist eins der unbeliebtesten Gefühle. Ein anderes, richtig unbeliebtes Gefühl - zu Recht - ist der Jähzorn, weil er sehr zerstörerisch ist, genau wie der Hass.

BRIGITTE.de: Wie wirkt es sich aus, wenn man einem Gefühl zu lange nicht zuhört, eventuell über Jahre?

Gabriele Frick-Baer: Dann werden aus seelischen Beschwerden oft körperliche.

Udo Baer: Gefühle sind Impulse und Wegweiser für unseren Alltag. Wenn ich die ganz oder teilweise reduziere, betäube, umtausche, fehlen mir genau diese Impulse. Wenn man über seine Gefühl nicht reden kann, dann kriegt es der Hund ab, die Kinder. Das "Gefühl der Gefühllosigkeit" kann auftreten. Das geht klassisch bis hin zu einer Depression und in die Einsamkeit.

Auf der nächsten Seite: Was Gefühlen gut tut

BRIGITTE.de: Manchen Gefühle wollen wir vielleicht aber auch einfach nicht zuhören, weil sie uns viel zu weh tun.

Gabriele Frick-Baer: Es kann sogar lebenswichtig sein, Gefühle nicht zuzulassen. Wenn ein Mensch etwas erlebt hat, was er nicht aushalten kann, zum Beispiel Missbrauch, dann muss ein Gefühl abgespalten werden, als Bewältigungsstrategie.

Udo Baer: Das Gefühl ist dann weg - und es ist nicht weg. Das erleben wir ganz oft. Es ist ein Deckel drauf, aber da bebt es drunter. Dann kommt das Gefühl an ganz anderen Ecken raus, im körperlichen Befinden oder im Sozialverhalten.

Gabriele Frick-Baer: Es dann wiederzufinden, kann sehr schmerzlich sein.

BRIGITTE.de: Und wie kann man ein Gefühl wiederfinden, ihm wieder zuhören?

Udo Baer: Indem man auf die Suche geht und bereit ist dafür. Indem man mit Leuten darüber spricht. Aber es kommt manchmal auch unverhofft, Sie gehen in einen Kinofilm - und plötzlich ist das Gefühl wieder da. Oder Sie sitzen im Auto, hören Musik -"unser Lied" - und es kommt alles wieder hoch. Das Wichtigste ist, den Gefühlen Raum zu geben und dass wir uns mit den Gefühlen zumuten. Wenn wir unseren eigenen Gefühlen gegenüber achtsam und offen sind, dann kriegen wir auch bei den anderen viel besser mit, wie sie fühlen. Wir sind keine emotionalen Hellseher, nachfragen hilft da auch oft.

Gabriele Frick-Baer: Mehr fragen würde extrem viel klären und einfacher machen.

BRIGITTE.de: Ab wann braucht man professionelle Hilfe auf der Suche nach seinen Gefühlen?

Udo Baer: Entscheidend ist das subjektive Leiden. Gerade bei Gefühle hat jeder seinen individuellen Maßstab.

Gabriele Frick-Baer: Ob Sie Hilfe brauchen, merken Sie auch daran, wenn Ihnen vor allem "Immer"-Sätze einfallen: "Ich falle immer auf die gleichen Männer rein" ist so ein Beispiel. Wenn jemand merkt, dass sich etwas wieder und wieder wiederholt, können nur noch selten Freundinnen oder Freunde helfen. Dann handelt es sich oft um festgefahrene Muster, bei denen man wirklich professionelle Hilfe braucht.

BRIGITTE.de: Wie können wir unsere Gefühle möglichst gut behandeln?

Udo Baer: So gut es geht achtsam sein - für sich, Freunde oder den Partner. Menschen suchen, mit denen man auch mal Intimes austauschen kann. Das ist die beste Psycho-Hygiene, mit der man Problemen vorbeugen kann

Gabriele Frick-Baer und Dr. Udo Baer sind beide Diplom-Pädagogen und Kreative Leibtherapeuten. Zusammen haben sie die Zukunftswerkstatt "therapie kreativ" gegründet. Beide arbeiten seit vielen Jahren in der therapeutischen Praxis.

Was uns Gefühle sagen

Das ABC der Gefühle Udo Baer/ Gabriele Frick-Baer Beltz 14,90 Euro

Foto: cydonna/photocase.com

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