Silvester: Hauptsache, ein Lebensplan?

Soll man sich treiben lassen? Klingt verlockend. Soll man sich Ziele setzen? Klingt vernünftig. Und was ist die einzig richtige Antwort auf die Frage: "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy über Silvester, den Zauber des Abschiednehmens - und eigentlich über nichts Geringeres als den Sinn des Lebens.

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Es ist kurz vor Mitternacht, und meine Zeit ist abgelaufen. Noch fünf Minuten bis zum Jahreswechsel. Das Feuerwerk werde ich nicht mehr erleben. Ein paar verfrühte Raketen werde ich vielleicht noch mitbekommen, angezündet von den wenigen Ungeduldigen, die nicht warten wollen, die sich nicht einfügen wollen und die nicht untergehen wollen im offiziellen Silvesterfarbenrauschgetöse. Jetzt, wo es ja nicht mehr drauf ankommt und die Wahrheit keinem mehr weh tut, auch nicht mir selbst, würde ich sagen, dass ich in meinem Leben vieles viel zu wenig getan habe. Aber eins habe ich definitiv viel zu viel getan: gewartet.

Ich habe Wochen in den Warteschleifen meines Telefonanbieters verbracht: "Bitte haben Sie einen Moment Geduld, Sie werden bedient, sobald ein Platz frei wird." Ich habe Monate am Computer gesessen, vor sich widerspenstig aufbauenden Seiten und sich träge füllenden Ladebalken. Bestimmt anderthalb Jahre lang habe ich auf Partys gewartet, dass noch irgendwas passiert, und währenddessen in den 70er Jahren unnötig viel Persico, in den 80ern Blue Curaçao und seit dem Jahrtausendwechsel zunehmend Rotwein mit einer vollmundigen Beerennote im Abgang getrunken.

Eigentlich habe ich immer gewartet: Auf den richtigen Zeitpunkt. Auf einen günstigeren Moment. Auf den Mut, etwas zu tun, auf den Mut, etwas zu lassen. Auf das nächste Mal oder das übernächste. Auf den Bus, die Ferien, einen Studienplatz, darauf, dass endlich die Kündigungsfrist, das Probejahr oder das Scheidungsjahr verstreicht. Und in diesem Moment warte ich mal wieder auf einen Anruf. Viel Zeit hast du nicht mehr. Meine ist gleich vorbei. Und das Warten hat jetzt definitiv ein Ende. Noch zwei Minuten bis Mitternacht.

Und was haben Sie an Silvester vor? Haben Sie bereits Pläne, oder wollen Sie mal sehen, was sich im letzten Moment so ergibt? Vielleicht erbarmt sich ja jemand und lädt einen zu dem großen, rauschenden, unvergesslichen Fest ein, das man selbst nie gemacht hat, weil man erstens Angst hatte, dass keine Sau kommt, und weil man zweitens keine Lust hatte, am nächsten Morgen die Kippen aus den Blumenkübeln zu klauben. Am wahrscheinlichsten ist, dass man auch dieses Jahr wieder in einer kleinen Runde ebenso Übriggebliebener in der Küche sitzt, Fleischspieße in Fett taucht und versucht sich einzureden, dass ein Fondue-Essen mit ein paar Leuten doch auch supernett sei, während man sich insgeheim bang fragt, ob einem mittelmäßigen Silvester automatisch ein mittelmäßiges Jahr folgen wird. Und wenn einen in ein paar Monaten jemand fragt: "Was hast du an Silvester gemacht?", dann wird man verlegen murmeln: "Nichts Besonderes."

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  • Text: Ildokó von Kürthy
    Foto: Getty Images
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 01/09
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