Trennungsschmerz
Wie schaffe ich den Sprung in ein schönes neues Leben?

Vor dem Aufbruch steht der Abschied, der Verlust eines Menschen, den man mal geliebt hat. Ein Gespräch mit der Hamburger Psychotherapeutin Heide Gerdts über Trennungsschmerz und erste Etappensiege.

BRIGITTE: Wenn man einer frisch getrennten Freundin sagt, dass der Schmerz irgendwann nachlässt, wird sie das erst mal nicht glauben. Kann es in dieser Phase überhaupt gelingen, eine positive Vision zu entwickeln?

Heide Gerdts: Das hängt unter anderem davon ab, was für Erfahrungen ein Mensch in der Vergangenheit mit Trennung gemacht hat. Jemand, der gute Trennung erlebt hat, sei es, dass die Eltern sich einvernehmlich getrennt haben, sei es, dass die Ablösungsphasen von den Eltern in der Kindheit gut verlaufen sind, kommt schneller wieder auf die Beine als jemand, der Trennung als traumatisch erleben musste. Aber entscheidend ist sicher, wie die Trennung eingeleitet wurde, wer der aktive Part war. Es ist meist deutlich leichter, wenn man selbst die Entscheidung getroffen hat: Ich ziehe einen Schlussstrich, ich gehe jetzt. Danach ist man auch nicht unbedingt gleich glücklich, man fühlt sich aber handlungsfähig, nicht nur ausgeliefert und ohnmächtig. Oft hat man schon intuitiv das Gefühl: Das, was danach kommt, wird besser sein, als so hier ewig weiterzuleben.

Aber selbst, wenn wir einsehen, dass die Trennung richtig und unvermeidbar war, fühlen wir uns danach erst mal schwer angeschlagen.

Weil wir plötzlich allein sind, der Traum, mit diesem Menschen glücklich zu leben, gescheitert ist, wir verletzt und gekränkt sind oder Schuldgefühle haben, weil wir gegangen sind. Das ganze Leben verändert sich, die vertrauten Alltagsabläufe gibt es nicht mehr. Wer das nicht gleich füllen kann oder will, geht automatisch durch Phasen der Trauer. Es gibt natürlich Menschen, die können sich da besser ablenken, indem sie ein neues Projekt anfangen, gern auch eine neue Beziehung nach altem Muster eingehen.

Männer machen das ja ausgesprochen gern.

Ganz simpel, weil sie es können. Männer können mehrmals hintereinander den gleichen Lebensentwurf wählen. Mit Ende 40 kann sich ein Mann noch mal eine Frau suchen, mit der er eine neue Familie gründet. Ich habe hier oft Patientinnen, die nach einer Trennung völlig vor den Kopf geschlagen sind und sagen: "Ich krieg das über die Kinder mit, der liest die gleichen Gedichte vor, macht den gleichen Urlaub - es ist haargenau, wie es bei uns in der Anfangsphase war..." Wie eine ritualisierte Werbungsphase mit neuer Partnerin.

Wie lange dauert es, über die Trennung hinwegzukommen?

Wie viel Zeit muss ich als frisch getrennte Frau einkalkulieren, bis ich wieder Land sehe? Böse Zungen behaupten ja: so lange, wie die Beziehung gedauert hat.

Unter anderem hängt es davon ab, wie gut oder schlecht die Beziehung zum Ex-Partner ist. Ob man sich geachtet und fair behandelt fühlt. Wenn es gut läuft als Ex-Paar und man sich einigen kann, geht es deutlich schneller. Wenn es hingegen immer wieder zu wechselseitigen Enttäuschungen kommt, weil Absprachen nicht eingehalten werden, man sich mit Gleichgültigkeit und Groll behandelt, dann zieht sich der Trennungsprozess oft schmerzlich in die Länge. Jede Begegnung reaktiviert dann, was einem oft schon vorher an Leid zugefügt wurde. Im Idealfall würde ich sagen: ein Jahr, dann ist das Schlimmste vorbei. Wenn man gemeinsame Kinder hat, dauert es länger, denn man muss ja auch deren Kummer auffangen und hat weniger Zeit, um sich mit seinen eigenen traurigen Gefühlen zu befassen. Oder um Freundinnen zu treffen, Sport zu treiben, die Dinge, die einem guttun in so einer Phase.

Und das sind noch immer die sinnvollsten Strategien, um sich bei Liebeskummer aus dem Sumpf zu ziehen?

Ja, Sport ist da wirklich unschlagbar. Wenn Sie sagen "Sumpf", dann reden wir über eine depressive Stimmung. Energetisch gesehen heißt das, dass sich Energie ins Körperinnere zurückzieht und die Muskeln ganz wenig vitalisiert sind. Wenn Sie Sport machen, sei es Laufen oder Training im Fitness-Studio, dann bringt das die Energie wieder in die Muskeln, ein körperlicher Ausdehnungsprozess vollzieht sich, der sich positiv auf die Psyche auswirkt.

Das klingt verdächtig unkompliziert.

Aber es funktioniert. Ich empfehle das allen, die an Depressionen leiden, denn es ist wirklich ein wirksames Antidepressivum. Manchmal braucht es auch medikamentöse Unterstützung, aber wenn sie in Bewegung kommen, schaffen es viele tatsächlich ohne Medikament.

Und die Freundinnen? Sind auch sie große Retterinnen in der Not?

Können sie sein. Aber in der akuten Trennungsphase sollte man sehr darauf achten: Wer und was stärkt mich wirklich? Und nicht jede Freundin, auch wenn sie noch so lieb ist, tut einem in dieser Situation gut. Fragen Sie sich: Brauche ich das offene Ohr, eine, die gut Resonanz geben kann, die mich hält, mich ablenkt, mich zum Lachen bringt, mir ein schönes Essen kocht oder die mich auch mal mit meinen schwierigen Seiten konfrontiert, mit mir lästert oder mich in meiner Wut bestärkt?

Trennungen gehen ja oft mit großer Wut einher, ein Gefühl, das viele in dieser Massivität gar nicht von sich kennen. Wie kommt man da wieder raus?

Erst mal ist wichtig zu unterscheiden: Ist es eine angemessene Wut, die da auftaucht, also beispielsweise eine Reaktion auf eine Kränkung? Oder fühle ich mich wie besessen und besetzt von der Wut? Das kann zum Beispiel ein Hinweis darauf sein, dass ich die Wut benutze, um mich nicht traurig zu fühlen. Oder es ist eine alte, verletzende Beziehungserfahrung angesprochen, ein Thema aus der Vergangenheit, das die Wut sehr groß werden lässt.

"Kaufen Sie sich einen Teppichklopfer"

Und wenn es eine angemessene Wut ist?

Dann hilft es, dieses Gefühl körperlich auszudrücken. Wie alle Gefühle ist auch Wut körperlich manifest: Die Wut, die im Bauch sitzt, wo sich alles verkrampft. Die Wut, die im Nacken sitzt, der völlig verspannt, alles festhält. Wenn es Ihnen nicht allzu doof vorkommt: Kaufen Sie sich einen Teppichklopfer, und hauen Sie damit auf die Matratze ein. Oder gehen Sie im Fitness-Studio an den Boxsack, oder Sie fahren in den Wald, wo keiner Sie hören kann, und dort schreien Sie laut.

Manchmal kann man die Wut aber gar nicht hinter sich lassen, weil sie durch den Ex-Partner immer wieder neu angefacht wird. Zurück in den Wald und noch lauter schreien?

Wut körperlich auszudrücken tut immer dann gut, wenn wir andere nicht verletzen und sich danach ein Gefühl der Erleichterung einstellt. Aber wenn wir feststecken, müssen wir trotzdem Strategien entwickeln, wie wir zu dem anderen eine bewusste Distanz aufbauen können. Man kann ja diesen Menschen nicht ändern, und deshalb müssen Sie sich auf die Dinge konzentrieren, die in Ihrer Macht liegen. Beispielsweise für mehr innere Balance zu sorgen, indem Sie sich auf Ihre Ressourcen besinnen, so dass Sie auf das Wohlwollen oder die Zustimmung des Partners nicht mehr so stark angewiesen sind.

Klingt nachvollziehbar, aber leider unrealistisch. Oft sind solche Gefühle doch einfach übermächtig.

Mag sein, aber je mehr man mit dem Ex zu regeln hat, desto wichtiger ist es, die Wut irgendwo anders zu deponieren. Und man sollte andererseits auch nicht unterschätzen, wie sehr einen Wut stabilisiert. Deswegen ist es auch so schwer, davon abzulassen. Wenn man wütend ist, fühlt man sich stärker, als wenn man traurig ist. Das lässt Menschen oft festhalten an einer chronischen Wut, weil sie spüren: Wenn sie die loslassen, kommt die Trauer. Die Einsamkeit. Und das ist für viele schwerer auszuhalten. Aber wenn man an der Wut festhält, schafft man nur schwer den Sprung in eine neue Beziehung oder zu mehr Lebensfreude, man ist davon richtiggehend verseucht und verliert den Blick für Schönes und Leichtes. Umgekehrt gibt es Menschen mit chronischen Trauerreaktionen, die gar nicht wütend werden können. Bei Frauen kommt das häufig vor, die heulen und heulen und hängen in diesem Gefühl fest, weil sie sich Wut nicht zugestehen.

Ist es sinnvoll, die Neue zu hassen?

Manchmal ist es gar nicht der Partner, an dem wir uns innerlich abarbeiten, sondern seine Neue. Ex gegen Next: Warum kochen die Gefühle da so hoch?

Weil die Neue mit keinen Emotionen belastet ist, im Gegensatz zum Ex-Mann. Der wurde mal geliebt, wird vielleicht immer noch geliebt. Viele positive Erinnerungen sind mit ihm verbunden. Und die Next ist einfach nur eine Konkurrentin. Die man oft genug nicht mal kennt. Deshalb ist sie ein gutes Objekt, auf das man zerstörerische Gefühle richten kann, ohne dass etwas in einem selbst zerstört wird, weil das Herz nicht dran hängt.

Das heißt, es ist durchaus sinnvoll, die Neue zu hassen?

Man muss schon darauf achten, wie man mit diesem Hass umgeht. Wer mit Freundinnen lästert und schimpft, macht nichts kaputt. Auch wenn das Gefühle sind, die eigentlich zu dem Mann gehören. Den man lieber verschont, vielleicht auch mit dem unbewussten Wunsch, dass man doch noch mal zusammenkommt. Männer machen das übrigens sehr ähnlich: Wenn ein Mann von einer Frau verlassen wird, konkurriert der auch eher mit dem anderen Mann und wertet ihn ab.

Wenn sich nach einer Zeit der Verzweiflung der erste Optimismus, die erste Lebensfreude regt - wie schaffe ich es, an diesem Gefühl dranzubleiben, es Stück für Stück auszubauen?

Gut ist, wenn Sie in diesem Moment ganz genau gucken: Was gibt mir denn gerade diese Lebensfreude, ganz konkret? Sehr oft leben Menschen auf, wenn sie feststellen, dass sie plötzlich wieder ein erotisch-sinnliches Interesse an anderen haben. Wenn das in einem auftaucht, kann es ein Wendepunkt sein. Viel mehr noch, als wenn einem Interesse entgegengebracht wird. Das kitzelt bestenfalls das Ego. Wenn man aber selber merkt, dass man sich wieder für andere interessiert, Lust hat, neue Kontakte einzugehen, dann sollte man diesen Impulsen unbedingt nachgehen.

Funktioniert Zuversicht auch ohne Flirt? Den hat man ja nicht immer zur Hand.

Klar, oft sind es zunächst mal ganz andere Erlebnisse, die einem guttun. Sie sitzen irgendwo draußen und merken zum ersten Mal seit Langem, wie eine Freude in Ihnen aufkommt, weil der Duft von Herbstlaub in der Luft liegt.

Ist es sinnvoll, nach der Trennung Veränderungen zu forcieren? Aus dem Wunsch heraus, dass es weitergehen muss, kühne Ziele zu definieren? Sich einen anspruchsvolleren Job zu suchen, umzuziehen oder einem Traum zu folgen und endlich Tango-Tänzerin zu werden?

Wenn man merkt: Der Gedanke an einen beruflichen Neustart beflügelt mich - wunderbar. Aber wenn es einen vor allem anstrengt, muss man das vertagen. Dann sind erst mal andere Sachen dran. Zu akzeptieren, die Beziehung ist gescheitert, aber ich bin deswegen kein anderer Mensch. Der Verlust der Identität, die einem Beziehung geben kann, ist nicht so leicht zu verdauen, und das kann man auch nicht aus der Welt schaffen, indem man gleich Vollgas gibt. Das geht meistens erst, wenn sich das Dunkel ein wenig gelichtet hat.

Häufig ist der Wunsch nach einem grandiosen Neustart dadurch motiviert, dass man in eine Glücks-Konkurrenz mit dem Ex-Partner tritt. Man will gleichauf sein mit dem anderen.

Vergleichen ist der absolute Killer für das eigene Wohlbefinden. Und was hat man davon, wenn es dem anderen schlechter oder besser geht? Viele Frauen sagen ja: "Im Moment steht mein Ex vielleicht besser da. Aber in Wahrheit lässt er den Schmerz gar nicht an sich ran, der vermeidet Gefühle, und irgendwann holen sie ihn ein." Aber oft genug holt den gar nichts ein, dem anderen geht es vielleicht schlicht gut mit seiner neuen Situation. Und wenn man sich dann ständig vergleicht, ist man verratzt. Stattdessen sollte man sich lieber vor Augen halten, dass die eigene tiefe Emotionalität eine Qualität ist. In guten Zeiten hat der Partner einen genau dafür ja auch geliebt. Das ist was Tolles, aber man hat dann auch mehr Tiefs, die man fühlt. Sie haben die Freiheit zu entscheiden, wie Sie auf sich selbst gucken. Und das kann einen großen Unterschied machen.

  • Artikel vom 11.12.2009
    Interview: Christine Hohwieler
    ein Artikel aus der BRIGITTE 22/09

Bestelle jetzt unseren kostenlosen Newsletter

Meistgesehen
Videos zum Thema