Nach der Scheidung Freunde bleiben - geht das?

Ja, meint Trennungscoach Mathias Voelchert. Im Interview erklärt er, wie Paare in Freundschaft auseinander gehen können.

BRIGITTE.de: Kann man von Liebe auf Freundschaft einfach umschalten?

Mathias Voelchert: Umschalten - das hört sich an, als wäre das etwas ganz Unterschiedliches. Nach dem Motto: Du bist mein Partner, und deshalb spielst du in einer ganz anderen Liga als meine besten Freunde. Dabei ist doch der große Unterschied zwischen Partnerschaft und Freundschaft die Sexualität - und die findet nach der Trennung im Regelfall nicht mehr statt. Also ist der Ex-Partner durchaus vergleichbar mit einem guten Freund. Er muss ja nicht unbedingt mein bester Freund werden, aber wir haben so viel geteilt, dass er unmöglich mein größter Feind werden kann.

BRIGITTE.de: Manche wollen nach einer Trennung lieber möglichst wenig Kontakt mit ihrem Ex.

Voelchert: Das ist aber in vielen Fällen dumm. Denn man wird den anderen oft nicht so schnell los, weil man über eine ganze Menge Berührungspunkte mit ihm verbunden ist: Kinder zum Beispiel, oder eine gemeinsame Immobilie. Viele Paare gehen mit ihrer Beziehung so hilflos um, dass sie lieber das gemeinsame Haus in schwierigen Zeiten verhökern und 100.000 Euro Verlust in Kauf nehmen, nur damit der andere aus ihrem Leben verschwindet. Dabei wäre es doch die beste Lösung zu lernen, wie man mit den Gefühlswallungen umgeht, die der andere erzeugt.

BRIGITTE.de: Wie schafft man es am besten, nach der Trennung eine freundschaftliche Beziehung weiterzuführen?

Voelchert: Die Beteiligten müssen einen Sinn darin sehen und bereit sein, sich im Kopf zu bewegen. Sie müssen akzeptieren, dass sie den anderen nicht so haben können, wie sie es vielleicht wollen. Und sie müssen offen sein für Kompromisse. Eine Trennung erfordert oft sehr schmerzhafte Kompromisse - wenn Sie etwa den Haushalt aufteilen und auf Dinge verzichten müssen, an denen Sie hängen.

BRIGITTE.de: Wie lange dauert der Prozess?

Voelchert: Ganz unterschiedlich, das kann zwischen Wochen und Jahren schwanken. Wobei ich die Erfahrung gemacht habe: Je größer die Liebe, desto leichter sind Menschen in der Lage, sich gegenseitig loszulassen. Eine Trennung, die länger als ein Jahr dauert, wird bewusst von den Beteiligten verschleppt, die sich gegenseitig das Leben schwer machen.

BRIGITTE.de: Aber zumindest der Liebeskummer muss doch weg sein, oder?

Voelchert: Liebeskummer - das ist eine Formulierung aus Sicht eines Opfers oder einer Leidenden. Ich kann genauso den Trennungsschmerz als Kraft und Motivation benutzen und dem anderen sagen: Ich lasse mich nicht einfach aufs Abstellgleis stellen! Ich will, dass wir eine gute Lösung finden. Dass wir zum Beispiel gemeinsam Eltern bleiben können, ohne uns mit gefletschten Zähnen gegenübersitzen zu müssen. Wenn ich so reagiere, bin ich in einer aktiven, handlungsfähigen Rolle. Natürlich ist das am Anfang, wenn die Trennung noch ganz frisch ist, schwierig. Ich muss aber meine Gefühle zulassen und verarbeiten. Wer länger als ein Jahr an seinen Trauergefühlen festhält, benutzt sie in Wirklichkeit, um etwas beim anderen zu erreichen.

BRIGITTE.de: Was tun, wenn der eine Partner den anderen noch immer sexuell anziehend findet? Ist ein Freundschaftsangebot für ihn dann nicht ein falscher Hoffnungsschimmer?

Voelchert: Nicht, wenn man seine Gefühle transparent macht. Es ist doch ein Kompliment, wenn ich spüre, dass mein Ex-Partner oder meine Ex-Partnerin mich noch attraktiv findet. Ich behaupte sogar, dass die sexuelle Attraktivität in den meisten Fällen lange über die Trennung hinaus erhalten bleibt. Aber der Mensch ist ja kein Spielball seiner Triebe! Schlimm ist es erst dann, wenn man mit seinen Gefühlen den anderen unter Druck setzt, nach dem Motto "Du enthältst mir die schönste Sexualität vor, die ich je hatte!"

BRIGITTE.de: Der Klischee-Satz "Lass uns trotzdem Freunde bleiben" klingt häufig nach schlechtem Gewissen. Kommt es vor, dass das Freundschaftsangebot als Entschädigung für die verlorene Liebe gemacht wird?

Voelchert: Manchmal wird ein solcher Deal versucht. Aber das funktioniert höchstens bei einem Paar, das zwei, drei Jahre zusammen war und sich dann trennt. Wenn man 20, 30 Jahre lang zusammengelebt hat, dann ist man in der Trennungssituation als Vater gefordert, manchmal auch als Versorger, da kann man sich nicht hinter so einem Satz verstecken.

BRIGITTE.de: Statt von Freundschaft zu reden, sollte man also lieber handeln.

Voelchert: Genauso ist es. Vor allem sollten sich die beiden Ex-Partner das Heft des Handelns nicht von Rechtsanwälten, Richtern und Mediatoren aus der Hand nehmen lassen. Dazu gehört auch, dass man manchmal eben nicht auf sein Recht pocht. Leitlinie für eine gelungene Trennung ist: "Wir tun nichts, was dir oder mir schadet". Wenn das Paar danach seine Entscheidungen ausrichtet, dann ist es fein raus und kann auch danach noch vernünftig miteinander umgehen.

BRIGITTE.de: Gibt es auch Trennungen, bei denen es tatsächlich besser ist, einen radikalen Schlussstrich zu ziehen?

Voelchert: Man kann natürlich nicht aus jeder Trennung eine Freundschaft zaubern. Ich möchte nur einen Kontrapunkt setzen zu den vielen Scheidungskriegen, die vor den Gerichten ausgefochten werden. Das tut einfach keinem Beteiligten gut. Und wir leben in einer Zeit, in der wir so alt werden, dass wir 70 Jahre in Partnerschaft leben können. In so einer langen Zeitspanne werden die allerwenigsten mit nur einer Partnerschaft auskommen. Also müssen wir eine Kultur entwickeln, wie wir mit den Menschen, mit denen wir Bett und Tisch geteilt haben, nach der Trennung umgehen können. Mal ehrlich, gibt es den Schlussstrich in seiner Endgültigkeit denn? Endet damit mein Schmerz, meine Sehnsucht? Es ist eine Illusion, dass ich auf diese Weise schneller zum Ende meiner Gefühle komme.

BRIGITTE.de: Der neue Partner reagiert oft eifersüchtig, wenn man noch engen Kontakt zum Ex pflegt. Wie geht man damit am besten um?

Voelchert: Man hat mit dem alten Partner viel geteilt. Und man muss dem neuen Partner kommunizieren, dass man sich das nicht nehmen lassen will. Eifersucht ist für mich Ausdruck mangelnden Selbstwertgefühls. Wenn der neue Partner fest im Sattel sitzt, hat er keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Wenn er trotzdem an der Verbindung zweifelt, muss man darüber reden: ob es eine persönliche Schwäche ist oder ob es einen Anlass dazu gibt.


Mathias Voelchert ist Coach und Mediator in München. In seinen Büchern <il href="http://www.paareimwandel">"Paare im Wandel"</il>, <il href="http://www.trennung-in-liebe.de">"Trennung in Liebe"</il> und <il href="http://www.chancen-verlieben-sich">"Chancen verlieben sich"</il> hat er Tipps aus seiner Praxis als Paarberater gesammelt.

Interview: Swantje Wallbraun Foto: time2share/photocase.com

Wer hier schreibt:

Swantje Wallbraun

Kommentare

Kommentare

    Unsere Empfehlungen

    Anzeige
    Jetzt verlieben: Registrieren Sie sich kostenlos beim Testsieger!
    Noch kein Fan?Folge uns jetzt auch auf Facebook
    Fan werden

    Diesen Inhalt per E-Mail versenden

    Nach der Scheidung Freunde bleiben - geht das?

    Ja, meint Trennungscoach Mathias Voelchert. Im Interview erklärt er, wie Paare in Freundschaft auseinander gehen können.

    Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

    E-Mail wurde versendet
    Deine Mail konnte leider nicht versendet werden