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"Feuchtgebiete" - die Leseprobe

Hier lesen Sie die ersten fünf Seiten aus Charlotte Roches erstem Roman "Feuchtgebiete", erschienen bei Dumont. Nach "Feuchtgebiete" kam jetzt "Schoßgebete" in die Läden.

Wir haben den Auszug mit Zitaten von Charlotte Roche garniert. Das vollständige Interview mit Charlotte Roche lesen Sie hier.

Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden. Viele, viele Jahre habe ich gedacht, ich dürfte das keinem sagen. Weil Hämorrhoiden doch nur bei Opas wachsen. Ich fand die immer sehr unmädchenhaft. Wie oft ich mit denen schon beim Proktologen war! Der hat mir aber empfohlen, die dran zu lassen, solange sie mir keine Schmerzen verursachen. Das taten sie nicht. Sie juckten nur. Dagegen bekam ich von meinem Proktologen Dr. Fiddel eine Zinksalbe.

Für das äußere Gejucke drückt man aus der Tube eine haselnussgroße Menge auf den Finger mit dem kürzesten Nagel und verreibt sie auf der Rosette. Die Tube hat auch so einen spitzen Aufsatz mit vielen Löchern drin, damit ich die anal einführen und da hinspritzen kann, um den Juckreiz sogar innen zu stillen. Bevor ich so eine Salbe hatte, hab ich mich im Schlaf so feste mit einem Finger am und im Poloch gekratzt, dass ich am nächsten Morgen einen kronkorkengroßen dunkelbraunen Fleck in der Unterhose hatte. So stark war der Juckreiz, so tief der Finger drin. Sag ich ja: sehr unmädchenhaft.

Meine Hämorrhoiden sehen ganz besonders aus. Im Laufe der Jahre haben die sich immer mehr nach außen gestülpt. Einmal rund um die Rosette sind jetzt wolkenförmige Haut¬appen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeanemone. Dr. Fiddel nennt das Blumenkohl. Er sagt, wenn ich das weghaben will, wäre das ein rein ästhetischer Eingriff. Er macht das nur weg, wenn es die Leute wirklich belastet. Gute Gründe wären, wenn es meinem Liebhaber nicht gefällt oder ich wegen meinem Blumenkohl beim Sex Beklemmungen kriege. Das würde ich aber nie zugeben.

Wenn einer mich liebt oder auch nur geil auf mich ist, dann sollte doch so ein Blumenkohl keine Rolle spielen. Außerdem habe ich schon viele Jahre, von fünfzehn bis heute, mit achtzehn, trotz eines wuchernden Blumenkohls sehr erfolgreich Analverkehr. Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.

So teste ich übrigens am besten, ob es einer ernst mit mir meint: Ich fordere ihn schon bei einem der ersten Sexe zu meiner Lieblingsstellung auf: ich in Doggystellung, also auf allen vieren, Gesicht nach unten, er von hinten kommend Zunge in die Muschi, Nase in den Arsch, da muss man sich geduldig vorarbeiten, weil das Loch ja von dem Gemüse verdeckt wird. Die Stellung heißt "Mit-Dem-Gesicht-Gestopft". Hat sich noch keiner beschwert.

Wenn man so was an einem für Sex wichtigen Organ hat (ist der Po überhaupt ein Organ?), muss man sich in Entspanntheit üben. Das wiederum hilft beim Sichfallenlassen und Lockermachen für zum Beispiel Analverkehr. Da bei mir der Arsch offensichtlich zum Sex dazugehört, ist er auch diesem modernen Rasurzwang unterworfen wie meine Muschi, meine Beine, meine Achselhöhlen, der Oberlippenbereich, beide großen Zehen und die Fußrücken auch. Die Oberlippe wird natürlich nicht rasiert, sondern gezupft, weil wir alle gelernt haben, dass einem sonst ein immer dickerer, Schnurrbart wächst. Als Mädchen gilt es das zu verhindern. Früher war ich unrasiert sehr glücklich, aber dann habe ich mit dem Quatsch mal angefangen und kann jetzt nicht mehr aufhören.

Zurück zum Arschrasieren. Ich weiß im Gegensatz zu anderen Menschen sehr genau, wie mein Poloch aussieht. Ich gucke es täglich in unserem Badezimmer an. Mit dem Po zum Spiegel hinstellen, mit beiden Händen die Arschbacken feste auseinanderziehen, Beine gerade lassen, mit dem Kopf fast auf den Boden und durch die Beine nach hinten gucken. Genauso führe ich auch eine Arschrasur durch. Nur dass ich dabei natürlich immer eine Backe loslassen muss, um rasieren zu können. Der Nassrasierer wird auf den Blumenkohl gesetzt und dann wird mutig und feste von innen nach außen rasiert. Ruhig auch bis zur Mitte der Backe, manchmal verirrt sich auch dahin ein Haar.

Weil ich mich innerlich sehr gegen das Rasieren wehre, mache ich das immer viel zu schnell und zu dolle. Genau dabei hab ich mir diese Analfissur zugefügt, wegen der ich jetzt im Krankenhaus liege. Alles das Ladyshaven schuld. Feel like Venus. Be a goddess! Es weiß vielleicht nicht jeder, was eine Analfissur ist. Das ist ein haarfeiner Riss oder Schnitt in der Rosettenhaut. Und wenn sich diese kleine, offene Stelle auch noch entzündet, was da unten leider sehr wahrscheinlich ist, dann tut das höllisch weh. Wie bei mir jetzt. Das Poloch ist auch immer in Bewegung. Wenn man redet, lacht, hustet, geht, schläft und vor allem, wenn man auf Klo sitzt. Das weiß ich aber erst, seit es wehtut.

Die geschwollenen Hämorrhoiden drücken jetzt mit aller Kraft gegen meine Rasurverletzung, lassen die Fissur immer weiter reißen und verursachen mir die größten Schmerzen, die ich je hatte. Mit Abstand. Direkt danach auf Platz zwei kommt der Schmerz, den ich hatte, als mir mein Vater die Kofferraumklappe unseres Autos die ganze Wirbelsäule entlanggeschrabbt hat - ratatatatat - beim volle Pulle Zuschlagen. Und mein drittschlimmster Schmerz war, als ich beim Pulloverausziehen mein Brustwarzenpiercing rausgerissen hab. Weswegen meine rechte Brustwarze jetzt aussieht wie eine Schlangenzunge. Zurück zu meinem Po. Ich habe mich unter riesigen Schmerzen von der Schule ins Krankenhaus geschleppt und jedem Dolctor, der wollte, meinen Riss gezeigt. Ich habe sofort ein Bett in der Proktologischen Abteilung gekriegt, oder sagt man Innere Abteilung? Innere klingt besser als so speziell Arschabteilung zu sagen. Man will ja nicht, dass andere neidisch werden. Vielleicht verallgemeinert man das mit Innere. Frage ich später mal, wenn die Schmerzen weg sind. Jetzt darf ich mich jedenfalls nicht mehr bewegen und liege hier in Embryonalstellung rum. Mit hochgeschobe¬nem Rock und runtergelassener Unterhose, Arsch zur Tür. Damit jeder, der reinkommt, sofort weiß, was Sache ist. Es muss sehr entzündet aussehen. Alle, die reinkommen, sagen: "Oh."

Und reden was von Eiter und einer prall gefüllten Wundwasserblase, die aus dem Poloch raushängt. Ich stelle mir vor, dass die Blase aussieht wie die Halshaut von diesen tropischen Vögeln, wenn sie da zum Brunftangeben ganz viel Luft reinpumpen. Ein glänzendrotblau gespannter Sack. Der nächste Proktologe, der reinkommt, sagt kurz: "Guten Tag, Professor Dr. Notz mein Name."

Und rammt mir dann was ins Arschloch. Der Schmerz bohrt sich die Wirbelsäule hoch bis zur Stirn. Ich verliere fast das Bewusstsein. Nach ein paar Schmerzsekunden habe ich ein platzendes, nasses Gefühl und schreie: "Aua, vorwarnen, bitte. Was war das, verdammt?" Und er: "Mein Daumen. Entschuldigen Sie bitte, mit der dicken Blase davor konnte ich nichts sehen." Was für eine Art, sich vorzustellen! "Und? Was sehen Sie jetzt?" "Wir müssen sofort operieren. Heute Morgen schon was gegessen?" "Wie denn, vor lauter Schmerzen?" "Gut, dann Vollnarkose. Bei dem Befund besser."

Charlotte Roche: Feuchtgebiete Dumont Buchverlag 219 Seiten ISBN-13: 978-3832180577 Preis: 14,90 Euro

Kommentare (76)

Kommentare (76)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Was mir an diesem Buch auch total unlogisch vorkommt, ist, dass die Hauptperson einerseits jegliche Intimhygiene ablehnt und sich sogar absichtlich an Autobahnraststätten mit Keimen von der Klomuschel infiziert.

    Aus welchem Grund muss sie sich dann am ganzen Körper peinlich genau rasieren?? Für wen macht sie das? Ist das vielleicht keine Hygienemaßnahme? Wenn sie schon Null Hygiene propagiert, dann sollte sie das Rasieren am Besten auch ganz bleiben lassen. Verstehe auch nicht, warum sie versucht, die Hämorrhoiden zu rasieren, dort wachsen nämlich keine Haare, da ist Roche leider schlecht informiert. Überhaupt sollte sie sich mal von einem Arzt beraten lassen, bevor sie wieder mal so einen Schwachsinn verfasst, da stellts einem ja die Haare auf!! Leute, ja nicht nachmachen, das könnte lebensgefährlich sein - besonders die Sache mit dem Duschkopf!!!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich wollte das Buch lesen, weil es mittlerweile fast jeder kennt und mir selbst ein Bild machen. Schon die ersten Seiten haben mich total schockiert. Wo nimmt die Autorin bitte dieses medizinische Halbwissen her, sicher schreibt sie nicht über eigene Erfahrungen. Zu 90% sind diese Beschreibungen von den Symptomen, OP und Spital schlicht und einfach an den Haaren herbeigezogen.

    Erstens kann ich mir schwer vorstellen, dass eine 18-jährige bereits an Hämorrhoiden vierten Grades leidet. In so einem Fall müsste sie auch extreme Schmerzen und Blutungen beim Analverkehr haben, da sich Hämorrhoiden normalerweise innen befinden. Oder sie hat durch frühzeitigen, häufigen Analverkehr die Hämorrhoiden selbst verursacht, zusammen mit mangelnder Intimhygiene und wechselnden Geschlechtspartnern kann sicher eine Schmutzinfektion entstehen. Da kann ich nur sagen: SSKM (Selber schuld kein Mitleid)
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Meiner Meinung nach handelt es sich hier um den Schlampen - Effekt. Junge Frau + Schlampe = sexy. Mich würde brennend interessieren was wenn eine z.B. 74-jährige Dame mit faltenreichem Gesicht dieses Buch geschrieben hätte, es würde bloß Kopfschütteln auslösen. Aber eine junge, attraktive Frau Roche zum Thema Rosette, Smegma usw. zu interviewen freut bestimmt viele notgeile ältere Herrschaften.

    Jedenfalls hat sie sich damit eine goldene Nase verdient. Blitzgescheit . Respekt, Frau Roche!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    ...ist Standart geworden. Warum eigentlich und wer schreibt uns vor was wir zu mögen haben? Leider endet auch der Trailer von Feuchtgebiete mi dem Satz? Wer keine Körperflüssigkeiten mag, sollden sex gleich bleibenlassen. Aha. Vielleicht hatten aber unsere Großmütter sogar mehr Spaß am Sex, weil sie sich eben zu nichts verpflichtet fühlten? Und selber entscheiden durften, wo die Körperflüssigkeiten landen? So verschieden die Menschen, so verschieden ihre Bedürfnisse.

    Alles in allem ist das Buch, trotz gelegentlichem Ekelfaktor, als eine Art Gegenschlag zu werten. Ein Gegenschlag gegen die Medien, die uns bis zur Intimrasur und zum Oralverkehr verfolgen und Frau und Mann in Barbie und Neanderthaler trennen.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    ...Ich finde Charlotte Roche ist einfach ein Kind ihrer Zeit. Nicht mehr und nicht weniger und in diesem Sinne ist hr Buch ein weibliches Gegenstück zu dem übersteigerten Körper-Sebstwertgefühl der Männer. Vorläufer war, hauptsächlich, das amerikanische Kino. Männliche Körperflüssigkeiten wurden häufig gezeigt, landeten im Essen wurden von Frauen verkostet, als handele es sich um etwas ganz köstliches. Männer reden über ales, auch ungefragt, beim Essen über Sperma zu reden scheint O.K. Oder übers Furzen, auch das dürfen Männer. Frau dagegen sollte

    rein sein wie eine Plastikpuppe. Sie muss nicht auf Klo und natürlich furz sie auch nie. Auch nicht auf Toilette. Sie ist überall rasiert und parfümiert, und redet nie über ihre Tage oder "Muschischleim". Aber natürlich bläst sie gerne. So die von den Medien "idealisierte" Frau: A living doll. Der Mann: zurück zum Neandertaler. Was wir beim Sex mögen, wird uns auch von den Medien diktiert. Blasen to the finish ist

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