Feuchtgebiete: Tabubruch oder Kampfschrift?

"Feuchtgebiete", das neue Buch von Charlotte Roche, sorgt für heftige Diskussionen - auch in der BRIGITTE-Redaktion. Vier Frauen, vier Meinungen.

  • 0 Kommentare
  •  
  •  
In diesem Artikel:

"Also bitte, was denn nun?"

BRIGITTE-Autorin Vera Sandberg, 55

BRIGITTE-Autorin Vera Sandberg, 55

Porno mit Rahmenhandlung? Gesellschaftskritik mit Happy End? Teenie-Melodram mit Ekelfaktor? Neugierig liest man an der etwas abwegigen Story entlang - eine OP in der proktologischen Abteilung: Die 18-jährige Helen hatte sich bei der Intimrasur verletzt. Gutwillig sucht man nach dem Sinn: überforderte Eltern, ein allein gelassenes Scheidungskind, das Mutter und Vater wiedervereinigen will. Da ist auch ganz viel Sehnsucht nach Wahrheit, nach Liebe. Und jede Menge Unfähigkeit, mit Emotionen umzugehen. Lauter Klischees. Von der Schlichtheit der Gedanken lenken minutiöse Schilderungen sexueller Obsessionen ab: das Mädchen, das seine Körpersäfte aus allen nur denkbaren Körperöffnungen in getrocknetem Zustand verzehrt und ihr Taschengeld in den Puff trägt, um sich von Nutten befriedigen zu lassen. Man ahnt, es soll ein Aufschrei sein. Oder doch nur Selbstdarstellung der Autorin, die mit Tabulosigkeit punkten will? Wer sich entschließt, zu Ende zu lesen, überwindet den Schock ziemlich schnell. Nein, auch wer sich nach dem WC-Besuch die Hände wäscht, fragt eben nicht: Huch, wie ist das möglich, gibt es so was überhaupt? Meine Güte, wir wissen doch längst, dass es nichts gibt, was es nicht gibt. Wer Lust hat, soll darüber schreiben. Und lesen kann man es auch. Der Erzählstil funktioniert. Die Teenie-Sprache ist glaubwürdig. Und der Eltern-Tochter-Konflikt ist einer, dem Aufmerksamkeit gebührt.

Aber ist der Schreck über das versammelte körperlich-seelische Elend erst mal vorüber, kommt nicht mehr viel. Schweiß, Blut und Tränen - vergessen. Auf einmal wird's ganz klassisch, Tabubruch trifft Kitsch: Helen emanzipiert sich vom Elternhaus - sie kapert sich einen Mann. Gutes oder schlechtes Buch? Ein klares Unentschieden."

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  • BRIGITTE Heft 07/08
    Fotos: Johannes Mink, Stefan Malzkorn, Vanit/G. von Foris
    Text: Vera Sandberg, Kristina Maroldt, Claudia Kirsch und Friederike Moldenhauer
Letzte Kommentare
  • Noch kein Kommentar vorhanden. Möchten Sie einen Kommentar schreiben? Das können Sie im Eingabefeld unten.
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * Andere Zeichenfolge
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.
BRIGITTE im ABO