Sexuelle Abhängigkeit: "Bin ich ihm hörig?"

Geplant war ein Seitensprung. Ein bisschen Spaß, ohne die Ehe zu gefährden. Doch es wurde mehr. Nun fragt sie sich: "Bin ich ihm hörig?" Die Geschichte einer sexuellen Abhängigkeit.

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In diesem Artikel:

Sex war immer wichtig für mich. Ich bin eine sehr leidenschaftliche Frau, offen für alles. Allerdings nur im Rahmen einer festen Beziehung. Mit Liebe, Vertrauen, einer gemeinsamen Zukunft mit meinem Partner. Wenn mir jemand prophezeit hätte, dass ich irgendwann einen Mann anbettele, damit er mit mir schläft, ohne jede Verbindlichkeit, ohne Vorspiel oder Nachspiel, oft sogar ohne Küssen, dann hätte ich nur den Kopf geschüttelt. Absurde Vorstellung.

Mein Körper braucht ihn wie eine Droge.

Seit fast einem Jahr tue ich genau das: Ich bettele. Um Sex. David hat das aus mir gemacht. Manchmal lacht er mich aus dafür, nennt mich seine "läufige Hündin". Da habe ich schon schönere Komplimente gehört. Ich beiße die Zähne zusammen, damit ich ihn nicht stündlich mit SMS bombardiere. Mein Körper braucht ihn wie eine Droge. Ich werfe mein Handy aus dem Fenster, weil ich es nicht aushalte, wenn er nicht anruft. Meine beste Freundin Sabine, die von unserem Verhältnis weiß, meint, ich sei ihm hörig, mache mich kaputt. Sicher, ich leide manchmal höllisch. Dennoch würde ich sagen: Ich bin glücklich. Ich habe Sex. Weltbewegenden Sex.

Seit 15 Jahren bin ich verheiratet, mein Mann und ich leben seit der Geburt unseres zweiten Kindes wie Bruder und Schwester - seit sechs Jahren schlafen wir nicht mehr miteinander. Er hat keine Lust und ich auch nicht. Ich finde ihn nach wie vor attraktiv, doch ich begehre ihn einfach nicht mehr. Sonst verstehen wir uns gut, wir sind eine harmonische Familie. An Trennung habe ich nie gedacht. Aber der Sex hat mir total gefehlt. Ich hatte das Gefühl, das Leben zieht an mir vorbei.

"Sex ist das Gegenteil von Tod", hat der amerikanische Dramatiker Tennessee Williams einmal gesagt. Und seitdem ich mit David ins Bett gehe, ist mir klar: Nichts ist wahrer als das. An meinem letzten Geburtstag schrieb er mir gegen 19 Uhr eine SMS: "Ich will dich. Jetzt. Stehe in 15 Minuten vor deiner Tür." Ich hatte die Wohnung voller Gäste, und ständig klingelte das Telefon. Ungünstiger konnte der Moment wirklich nicht sein. "Ich muss eine halbe Stunde weg, halt hier die Stellung", sagte ich zu Sabine. Die zeigte mir einen Vogel. "Spinnst du? Das ist hier deine Geburtstagsparty!"

Weg war ich. Mit klopfendem Herzen rannte ich ins Erdgeschoss, er stand vor der Tür, musterte mich von oben bis unten, wie er es immer tut. Ein Ritual: Er inspiziert mich. Mir fällt ein Stein vom Herzen, wenn ich ihm gefalle. "Können wir zu dir in die Wohnung?", fragte er. "Nein, ich habe Besuch", antwortete ich. Insgeheim hoffte ich, er würde sich daran erinnern, dass ich Geburtstag hatte, ich hatte ihm bei unserem letzten Treffen davon erzählt. Eine Sekunde lang hatte ich den irren Gedanken, dass er deshalb gekommen sei. Dass es um irgendetwas Persönliches ginge. Einen Ausdruck von Nähe, Normalität. Stattdessen: "Okay, dann eben in deinem Keller. Geh vor." In den Keller! Was, wenn auf einmal meine Nachbarin vor uns steht? Aber ich traute mich nicht, ihm zu widersprechen. Ich wollte nur, dass er bleibt, dass ich ihn spüren kann.

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  • Protokoll: Birgit Ehrenberg, Interview: Catharina Muuss
    Foto: Stockphoto
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/09
Letzte Kommentare
  • Lalique
    am 05.11.09 um 14:01
    Hi Hoiho :-))

    tja, kann ich verstehen - nur, wie geht es deiner "Alltagsbeziehung" dabei?
    Weiß er Bescheid?
    Wenn nicht, ist das alles ein bissel unfair, gelle? Dies ohne moralische Bewertung, ich verstehe was vom unwiderstehlichen Sog der Leidenschaft!

  • Hoiho
    am 20.10.09 um 07:25
    Diese Geschichte ist nicht erfunden! Ich finde mich in vielen Punkten wieder- so sehr, dass dieser Bericht mich animiert hat mich zu registrieren und hier zu kommentieren. Im Gegensatz zur Autorin (und vielen in unserer Gesellschaft) brauche ich keine Exklusivitaet- nur Einzigartigkeit. So wie sie ihre Affaere beschreibt, ist sie fuer sie und ihn einzigartig. Dauer und Quantitaet sind irrelevant, weil die Qualitaet alles andere ueber den Haufen wirft. Es ist so intensiv und befreit! Allerdings bringt die Befreiung und das Wachstum weitere Wachstumsbeschwerden mit sich. Auch ich habe damit gerungen ob es nicht "wahrhaftiger" waere, mit der "Alltagsbeziehung" Schluss zu machen. Wer erfordert ein "entweder oder" wenn einen ein "sowohl- als auch" erfuellen kann? Der weltbewegende Sex mit den Erinnerungen die ewig bleiben- eine Erfahrung, die ich unter keinen Umstaenden missen wollte. Es waere schoen, wenn sich diese Leidenschaft in eine totale Partnerschaft uebertragen liesse- non-exklusiv
  • Luzija
    am 12.10.09 um 22:33
    Ja, es gibt solche Affairen. Die sexuelle Anziehungskraft wird, glaube ich, im Allgemeinen unterschätzt - und auch zu wenig "untersucht". Persönlich untersucht. Die Frau, von der in dieser Geschichte die Rede ist, scheint mir auch auf einem relativ "normalen" Entwicklungsweg zu sein. Allerdings könnte therapeutische Verstärkung trotzdem gut tun. Wer sich jahrelang mit wenig in einer allzu ruhigen Ehe zufrieden gegeben hat, der wird sicher Mühe haben, sich von einer Welle sexueller Exstase nicht an die Wand schwappen zu lassen. Bildlich gesprochen.
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