Sexuelle Abhängigkeit: "Bin ich ihm hörig?"

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Er ist ein sehr kluger Kopf, er kann hinreißend reden. Und wenn wir eine schöne Zeit hatten im Bett, dann kann er hinreißend zuhören. So, dass ich wieder Lust bekomme. "Brainfucking" nennen wir das. Ich habe mir tatsächlich noch einen zweiten Geliebten gesucht. Fremdgesteuert von David. Aber auch, um mich zu retten, um mir zu beweisen, dass ich eine normale Affäre haben kann.

Ich gab ihm alles, alles, alles. Und er suchte weiter?

Davor erlebte ich noch meinen ganz persönlichen Albtraum: Ich sah, dass David weiterhin auf der Seitensprung-Seite war, augenscheinlich nach weiteren Kontakten suchte. Ich drehte durch. Ich gab ihm alles, alles, alles. Und er suchte weiter? Ich schrie ihn am Telefon an, dass ich mich vor ihm ekele. Daraufhin war David zum ersten Mal lieb zu mir. Hat mir gesagt, wie wundervoll er mich findet, wie klug, wie schön. Dass ich einzig für ihn bin, dass ich Bedeutung für ihn habe. Dass er einfach als Voyeur auf diese Seite gegangen sei. Ich glaubte ihm.

Als ich das Sabine erzählte, rastete sie aus: "Das ist krank!", rief sie. "Er hat in dir die perfekte Geliebte und sucht trotzdem nach anderen Frauen. Und du, du lässt dir das alles bieten, gehst sogar mit einem anderen Kerl ins Bett, weil er das von dir verlangt. Was kommt als Nächstes? Das ist Hörigkeit, das ist pathologisch. Geh zum Therapeuten! Versprich es mir." Ich habe mich mit dem Thema befasst, Hörigkeit. Die Diagnose wird gestellt, wenn man sein ganzes Dasein in den Dienst der Droge stellt, sein Umfeld und sich belastet. Hörige Menschen haben eine schreckliche Kindheit hinter sich. Ohne Liebe, ohne Sicherheit. Daraus entsteht Angst, die Suche nach Halt um jeden Preis. Ein Höriger verwechselt Abhängigkeit mit Liebe. Unterordnung mit Bindung. Bis zur Selbstzerstörung.

Das ist bei mir alles nicht der Fall. Bei mir, bei uns, läuft der Alltag tadellos. Für meine Kinder bin ich eine fröhliche Mutter, vielleicht sogar ausgeglichener als je zuvor. Mein Mann bekommt jeden Abend eine warme Mahlzeit, die Wäsche ist gewaschen und gebügelt. Ich arbeite halbtags als Logopädin. Ich bin kein Opfer. Und David ist kein eiskalter Sadist, der mich gern quält. Ich will, dass er mir seinen Willen aufzwingt. Das ist ein Unterschied! Ich bitte ihn darum, mich zu benutzen. Ich gehe ihm genauso unter die Haut wie er mir. Einmal ist ihm ein "Ich liebe dich" herausgerutscht. Das heißt nicht, dass er für mich seine Familie aufgeben würde. Es geht bei uns nicht um Beziehung. Es ist eine andere Form von Liebe. Wir sind auf Augenhöhe, doch die Positionen sind klar verteilt. David ist mein Lehrer, ich bin seine "kleine Schülerin", wie er mich nennt.

  • Protokoll: Birgit Ehrenberg, Interview: Catharina Muuss
    Foto: Stockphoto
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/09
Letzte Kommentare
  • Lalique
    am 05.11.09 um 14:01
    Hi Hoiho :-))

    tja, kann ich verstehen - nur, wie geht es deiner "Alltagsbeziehung" dabei?
    Weiß er Bescheid?
    Wenn nicht, ist das alles ein bissel unfair, gelle? Dies ohne moralische Bewertung, ich verstehe was vom unwiderstehlichen Sog der Leidenschaft!

  • Hoiho
    am 20.10.09 um 07:25
    Diese Geschichte ist nicht erfunden! Ich finde mich in vielen Punkten wieder- so sehr, dass dieser Bericht mich animiert hat mich zu registrieren und hier zu kommentieren. Im Gegensatz zur Autorin (und vielen in unserer Gesellschaft) brauche ich keine Exklusivitaet- nur Einzigartigkeit. So wie sie ihre Affaere beschreibt, ist sie fuer sie und ihn einzigartig. Dauer und Quantitaet sind irrelevant, weil die Qualitaet alles andere ueber den Haufen wirft. Es ist so intensiv und befreit! Allerdings bringt die Befreiung und das Wachstum weitere Wachstumsbeschwerden mit sich. Auch ich habe damit gerungen ob es nicht "wahrhaftiger" waere, mit der "Alltagsbeziehung" Schluss zu machen. Wer erfordert ein "entweder oder" wenn einen ein "sowohl- als auch" erfuellen kann? Der weltbewegende Sex mit den Erinnerungen die ewig bleiben- eine Erfahrung, die ich unter keinen Umstaenden missen wollte. Es waere schoen, wenn sich diese Leidenschaft in eine totale Partnerschaft uebertragen liesse- non-exklusiv
  • Luzija
    am 12.10.09 um 22:33
    Ja, es gibt solche Affairen. Die sexuelle Anziehungskraft wird, glaube ich, im Allgemeinen unterschätzt - und auch zu wenig "untersucht". Persönlich untersucht. Die Frau, von der in dieser Geschichte die Rede ist, scheint mir auch auf einem relativ "normalen" Entwicklungsweg zu sein. Allerdings könnte therapeutische Verstärkung trotzdem gut tun. Wer sich jahrelang mit wenig in einer allzu ruhigen Ehe zufrieden gegeben hat, der wird sicher Mühe haben, sich von einer Welle sexueller Exstase nicht an die Wand schwappen zu lassen. Bildlich gesprochen.
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