Sexuelle Abhängigkeit: "Bin ich ihm hörig?"

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Was ich von ihm lerne: Liebe! Klingt paradox, aber genau das ist es. Ich befreie mich mit seiner Hilfe auf die lustvollste Weise von vielen Konventionen. Ich befreie meinen Sex von bürgerlichen Moralvorstellungen. Ich habe mittelalterliche Literaturwissenschaft studiert, im Mittelalter galt, man müsse durch Liebe zur Selbsterkenntnis gelangen. Exakt das geschieht in meinem Leben durch David. In mir ist ein unglaublicher Prozess in Gang gekommen, der mich meine Ehe anders sehen lässt. In einem viel schärferen Licht.

Ich habe mir etwas vorgemacht. Wenn Frau und Mann keinen Sex mehr haben, dann stimmt etwas nicht. Dann stimmt etwas gewaltig nicht. Das Leben und die Liebe dürfen nicht lauwarm sein. Der Preis für diese Erkenntnis ist hoch. David macht es mir nicht leicht. Anders ist inneres Wachstum aber nicht möglich. Fest steht: Ich werde so nicht weiterleben mit meinem Mann. David wird nicht die Alternative sein, er wird bei seiner Frau bleiben. Vielleicht werde ich allein mit meinen Kindern leben, bis ich einem Mann begegne, mit dem ich eine kraftvolle Sexualität erleben kann. Ich habe keine Angst vor der Zukunft, ich bin mutig. Nein, ich würde mich wirklich nicht als hörig im Sinne von abhängig bezeichnen. Ich verliere mein Ich nicht. Im Gegenteil: Ich glaube, ich bin auf dem besten Weg, es zu finden.

Interview: Ist diese Frau hörig oder nicht?

Abhängig oder selbstbestimmt: Was die Hamburger Psychologin Carin Cutner-Oscheja zu dem Fall sagt.

Carin Cutner-Oscheja hat in Hamburg eine Praxis für Paarberatung, Coaching und Mediation

Carin Cutner-Oscheja hat in Hamburg eine Praxis für Paarberatung, Coaching und Mediation

BRIGITTE: Ist diese Frau im klassischen Sinne hörig?

Carin Cutner-Oscheja: Nein, ich denke nicht, dass man das so sagen kann. Nach dem, was die Frau erzählt, hat sie relativ klare Vorstellungen davon, was sie will, und äußert das auch. Sie ist ja selbst initiativ geworden.

BRIGITTE: Aber sie sagt doch: "Ich will, dass er mir seinen Willen aufzwingt"!

Carin Cutner-Oscheja: Ich schätze das eher so ein, dass sie von ihm gewollt werden will. Er ist ein attraktiver Mann, ein weniger attraktiver Mann würde sie vielleicht nicht so reizen. Es gibt ja auch diesen Spruch: "Sei ein Mann, damit ich eine Frau sein kann." Sie braucht einen starken Mann, der ihr zeigt, dass er sie will. Das geht auch daraus hervor, dass sie ihre Ehe wie das Zusammenleben als Bruder und Schwester beschreibt.

BRIGITTE: Wie kann sie denn da wieder rauskommen?

Carin Cutner-Oscheja: So wie ich diese Frau verstehe, will sie das überhaupt nicht. Und sie braucht es auch nicht wirklich, sie muss zunächst einmal herausfinden, was sie für sich selbst erreichen möchte.

BRIGITTE: Auch wenn sie sagt, dass mit einem neuen Partner alles anders wird?

Carin Cutner-Oscheja: In einigen Punkten ist sie tatsächlich widersprüchlich: Zum einen ist sie offen für alles und will puren Sex. Zum anderen sehnt sie sich nach Zärtlichkeit und Bindung. Und schließlich sagt sie ja selbst, dass die "Beziehung" zu diesem David nicht von Dauer ist. Allerdings würde ich ihr auch nicht raten, sich von ihrem Mann zu trennen. Die meisten Paare kommen zu mir, weil die Leidenschaft irgendwann nachlässt, der Sex. Das ist nichts Ungewöhnliches.

BRIGITTE: Ist Hörigkeit ein Frauenproblem?

Carin Cutner-Oscheja: Nein, das sehe ich nicht so. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass gerade in Ehen oftmals die Männer diejenigen sind, die sich unterwerfen. Wie oft höre ich in der Therapie von Frauen, dass sich zusätzlich zu den Kindern der Mann selbst wie ein Kind verhält. Auch das passt wieder zu dem Spruch: "Sei ein Mann." Viele Männer sind heutzutage allerdings so verunsichert in ihrer Rolle, dass sie nicht mehr wissen, wie sie sich verhalten sollen, ohne in die Sex- und Macho-Schublade gesteckt zu werden.

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  • Artikel vom 17.09.2009
  • Protokoll: Birgit Ehrenberg, Interview: Catharina Muuss
    Foto: Stockphoto
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/09
Letzte Kommentare
  • Lalique
    am 05.11.09 um 14:01
    Hi Hoiho :-))

    tja, kann ich verstehen - nur, wie geht es deiner "Alltagsbeziehung" dabei?
    Weiß er Bescheid?
    Wenn nicht, ist das alles ein bissel unfair, gelle? Dies ohne moralische Bewertung, ich verstehe was vom unwiderstehlichen Sog der Leidenschaft!

  • Hoiho
    am 20.10.09 um 07:25
    Diese Geschichte ist nicht erfunden! Ich finde mich in vielen Punkten wieder- so sehr, dass dieser Bericht mich animiert hat mich zu registrieren und hier zu kommentieren. Im Gegensatz zur Autorin (und vielen in unserer Gesellschaft) brauche ich keine Exklusivitaet- nur Einzigartigkeit. So wie sie ihre Affaere beschreibt, ist sie fuer sie und ihn einzigartig. Dauer und Quantitaet sind irrelevant, weil die Qualitaet alles andere ueber den Haufen wirft. Es ist so intensiv und befreit! Allerdings bringt die Befreiung und das Wachstum weitere Wachstumsbeschwerden mit sich. Auch ich habe damit gerungen ob es nicht "wahrhaftiger" waere, mit der "Alltagsbeziehung" Schluss zu machen. Wer erfordert ein "entweder oder" wenn einen ein "sowohl- als auch" erfuellen kann? Der weltbewegende Sex mit den Erinnerungen die ewig bleiben- eine Erfahrung, die ich unter keinen Umstaenden missen wollte. Es waere schoen, wenn sich diese Leidenschaft in eine totale Partnerschaft uebertragen liesse- non-exklusiv
  • Luzija
    am 12.10.09 um 22:33
    Ja, es gibt solche Affairen. Die sexuelle Anziehungskraft wird, glaube ich, im Allgemeinen unterschätzt - und auch zu wenig "untersucht". Persönlich untersucht. Die Frau, von der in dieser Geschichte die Rede ist, scheint mir auch auf einem relativ "normalen" Entwicklungsweg zu sein. Allerdings könnte therapeutische Verstärkung trotzdem gut tun. Wer sich jahrelang mit wenig in einer allzu ruhigen Ehe zufrieden gegeben hat, der wird sicher Mühe haben, sich von einer Welle sexueller Exstase nicht an die Wand schwappen zu lassen. Bildlich gesprochen.
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