Mein Mann schläft nicht mehr mit mir: Was tun gegen Libidoverlust?

Immer öfter sind auch Männer von Libidoverlust betroffen. Wie kann ein Paar sein Sexleben retten? Paartherapeut Michael Cöllen meint: reden, reden, reden - auch wenn's weh tut.

BRIGITTE: Früher galt: Er will immer, die Frau hat Migräne. Warum haben heute immer mehr Männer keine Lust?

Michael Cöllen: Eine steigende Anzahl von Männern verweigert oder blockiert Sexualität, weil sie verunsichert sind. Die fortschreitende Autonomisierung der Frau und ihr Selbstbewusstsein führen dazu, dass Männer sich in vielen Bereichen hinterfragen müssen. Die gesellschaftliche Verunsicherung, die es in der Männerrolle gibt, wirkt sich auf ihre Sexualität aus.

BRIGITTE: Was hat die Männerrolle in der Öffentlichkeit mit dem Geschlechtsakt von zwei Menschen zu tun?

Wenn es mal nicht klappt, sind Männer mit sich selbst am ungnädigsten

Michael Cöllen: Die Abhängigkeit der männlichen Sexualität von dem übrigen Lebensumfeld ist stärker, als man denkt. Männer werden heute von der Gesellschaft und am Arbeitsplatz anders gefordert als früher und oft auch überfordert. Man kann sagen: In dem Maße, in dem die Frauen zu sich selbst finden und ihre Potenz entdecken, treten sie in Konkurrenz zur männlichen Potenz.

BRIGITTE: Also ist die Emanzipation der Frau schuld an seiner Unlust?

Michael Cöllen: In der klassischen Rollenverteilung war es für den Mann leichter, seine sexuelle Identität zu finden und auch auszuleben. Aber das lässt die gesellschaftliche Entwicklung ja gar nicht zu, denn die Emanzipation der Frau lässt sich nicht rückwärtsdrehen.

BRIGITTE: Stellen Frauen denn plötzlich ganz neue Forderungen im Bett?

Michael Cöllen: Heute sind schon junge Frauen sehr selbstbewusst, und auch die Frauen aus der Unterschicht, die lange die gehorsamsten im Bett waren, haben heute eine Idee von Emanzipation. Es genügt nicht mehr, dass ein Mann den Orgasmus der Frau herbeitechnisiert, indem er einfach ein paar erotische Knöpfe drückt, die mit Glück auch funktionieren. Frauen wollen, dass Sex einem Dialog ähnelt, der Körper, Geist und Seele mit einschließt. Und das fordern sie mit neuem Selbstbewusstsein ein. Und da sagen viele Männer: "Das ist mir zu anstrengend." Sie flüchten sich lieber in die Selbstbefriedigung oder den Internet-Sex.

BRIGITTE: Weil da keiner Ansprüche stellt?

Michael Cöllen: Internet-Sex fordert keinen Dialog. Die Männer können sich völlig verstecken und zurückziehen. In der passiven Sexualität konsumieren sie einfach. Nehmen Bilder in sich auf und lassen sich stimulieren.

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  • Interview: Stefanie Hellge
    Foto: Getty Images
    Ein Interview aus der BRIGITTE 24/09
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