Die Lust der Männer

Man nehme einen Schriftsteller, eine erotische Szene aus seinem Buch und frage ihn nach der Wirklichkeit. Wir haben mit Roger Willemsen über sexuelle Fantasien gesprochen.

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In diesem Artikel:

Roger Willemsen, 51, ist Schriftsteller, Journalist und Moderator. Zuletzt erschienen seine Bücher "Hier spricht Guantánamo" und "Afghanische Reise".

Die Szene

Du hast mit mir geschlafen, als sei es die größte Tat deines Lebens. Jetzt kommt der Sex, dachte ich, und wir wechseln unser Element. Aber so war es nicht.Einmal nackt, wurden wir nicht Mann und Frau, so begann es nur. Wir wurden etwas Drittes, Ungeschlechtliches, ich weiß nicht, was es war, ich habe mich ja nicht einmal getraut, dich richtig zu betrachten. Nur in deine Augen sah ich, fand deinen Körper darin, und unter mir erhob es sich, und ich dachte: Alles, Gott, das Ganze, das Leben, du Staub, Wasser, und ich zog deinen Kopf an mich und bedeckte ihn mit Küssen, ihn, oder was immer es war.

Schon damals warst du nach dem Sex traurig, aber ein paar Jahre jünger. Du hattest so eine Art, dich an mich zu pressen, die ich nie mochte, wurdest fast kindlich dabei, und ich nahm deine Hand, führte sie meine Hüfte entlang, zwischen meine Beine, bis zu dem von irgendeinem Jüngelchen früher einmal "süß" genannten Arsch, den du viel freundlicher und fraulicher beschrieben hast, also so etwa bin ich mit dir gereist, mit deiner Hand, damit du die Frau fühlst, die ich fühle, und dich wieder in den Mann zurückverwandelst, dem ich mich hingegeben hatte.

Wir haben uns dabei sogar ganz forsch in die Augen gesehen. Und du hast dir ziemlich schamlos Bewegung im Schritt gemacht, und ich musste wegsehen, denn dass du eben noch ein Schuljunge gewesen warst und dir im nächsten Augenblick deinen Schwanz so männlich hingelegt hast, wie du ihn gerade gebrauchen konntest, das war zu viel.

Du wolltest, dass ich die Beine spreize, du stiertest mich an. Du wolltest, dass ich mit meiner hohlen Hand meine Scham bedecke, dass ich die Spitze meiner Brust befeuchte. Das hast du nicht für die Gegenwart, das hast du für die Erinnerung getan, für die Zeit deines Alleinseins mit mir. Deshalb habe ich alles mitgemacht. Wo sind diese Bilder jetzt? Und warum hast du so panisch ausgesehen, während ich tat, was du wolltest? Weil ich hätte Nein sagen, weil ich dich hätte auffliegen lassen können? Weil du schon Angst davor hattest, mich zu vermissen? Ich will deine Antwort nicht, ich will mich täuschen. Ja, du sollst mich belügen, wenigstens so lange, wie ich mich selbst belüge.

Abgesehen davon warst du vollkommen, und vollkommen war, wie du mich, meine Briefe und Anrufe, behandelt hast. Wir nahmen Gestalt an, waren wenig, wurden mehr.
Wenn ich los, los, Rashid sagte, so ganz vertraut, los, los, Rashid, pack deinen Krempel, dann verfrachte ich dich in ein Flugzeug. Lass uns irgendwo sinnlos sein. Dann packtest du, zogst hinter uns die Tür ins Schloss, sagtest es nicht, zeigtest aber: Lass uns reisen, aber eigentlich ist es egal, wo wir sind, was nur wir sein können.

Ich will einen Fetisch, sagte ich, du starrst gegen die Decke. Ob du mich gehört hast, weiß ich nicht. Tage später, wieder in Wien, öffnest du den Mund und ziehst dieses Stück rund geschliffener Jade heraus, diesen Handschmeichler, den du aus Irland mitgebracht hast. Du hast ihn im Mund, berührst, was ich berührt habe. Ich hatte ihn im Mund, nachdem deine Lippen ihn mir übergeben haben. Wie aufmerksam er ist, dachte ich, wie er doch nichts überhört. Heute schiebe ich diesen Fetisch zwischen meine Beine, wenn ich allein in Tokio sitze.

Das Buch

"Kleine Lichter"
Rashid liegt seit sechs Monaten im Koma. Bis dahin lebte er mit Valerie eine leidenschaftliche Beziehung. In ihrer Verzweiflung über den Verlust des Geliebten versucht Valerie, Rashid mit der Schilderung ihrer gemeinsamen Liebe aufzuwecken.
Roger Willemsen, "Kleine Lichter", 206 S., 17,90 Euro, S. Fischer Verlag

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  • BRIGITTE Heft 09/2006
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