Sex
Lustloser Mann: Will er nicht? Kann er nicht?

Keine Lust. Im Bett tut sich nichts. Seit Wochen, vielleicht seit Monaten schon. Ein lustloser Mann und seine fordernde Frau - ein neues Phänomen. Gründe für die fehlende Lust - und Tipps.

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Foto: joto/photocase

Er klappt sein Buch zu, beugt sich kurz rüber, küsst ihre Wange, "Nacht, Liebste", dreht sich um, löscht das Licht. Sie starrt ins Dunkle, fragt sich: War's das schon wieder? Verdammt, was ist hier eigentlich los? Sie kennen sich zwei Jahre, nicht zwanzig, ihr Sexleben ist nach den ersten glücklichen Monaten im Sande verlaufen, und die einzig verbleibende Bewegung ihres Freundes in den Federn ist die seines Daumens auf der Fernbedienung oder wenn er eine Seite in seinem Krimi umblättert. Was von der Liebeslust der ersten Wochen geblieben ist? Na ja, die Liebe, die Nähe, das Kuscheln, das stimmt schon noch. Das ist allerdings auch alles. Kennen die anderen Frauen guten Sex nicht auch nur von früher oder aus TV-Serien? Und überhaupt, ist doch nicht so wichtig. Schließ die Augen, träum von alten Zeiten, vom Anfang mit ihm, von Ex-Lieben, Sex am Strand.

Und dann findet man in der Zeitung eine Statistik, wonach bundesdeutsche Frauen zwischen 20 und 50 immerhin noch 1,4- mal in der Woche Sex haben. Soll ich's ihm vorlesen? Ach was, Zahlen erhöhen nur den Leistungsdruck, wie und wie oft Sex stattzufinden hat. Wer weiß, wie diese Umfrage-Ergebnisse zustande gekommen sind. Spätestens beim nächsten Abendessen mit den Freundinnen kommt der ganze Frust raus, nach drei Gläsern Wein, unverblümt, verzweifelt, ratlos. So wie bei Julia, 34, Steuerberaterin aus München, seit einem Dreivierteljahr endlich wieder vermeintlich glücklich: "Lars und ich schlafen nur alle sechs Wochen miteinander. Die ersten drei Monate haben wir noch täglich, dann war es plötzlich vorbei. Er ist andauernd müde." Julia ist dennoch sicher, dass Lars sie liebt. Manchmal fragt sie sich allerdings, ob er sie vielleicht zu dick findet.

Ähnlich wie Martina, 32, Stylistin aus Bochum, die gut zwei Jahre mit Christian liiert war, der genau genommen nie wollte. Christian legte ihr jedes Mal einen gefalteten Pyjama aufs Bett, wenn Martina ihn abends besuchte. Es gab gute Gespräche, teuren Wein und Kuscheln. Sex? So gut wie nie. Christian, attraktiv, beliebt, genau wie Lars. Der Schein war perfekt, und Martina wurde immer unsicherer. War er krank, stand er einfach nicht auf sie, war er drogensüchtig, ein Womanizer, der sein Pulver anderweitig verschoss und die Frau an seiner Seite nur für die berufliche Beförderung oder als spätere brave Mama brauchte? Nach zwei Jahren, drei Diäten und einem dutzend teuren Dessous hat Martina das Drama beendet. "Ich fühlte mich permanent unsexy, ungeliebt. Ich war bis zum letzten Tag verliebt, ich Idiotin." Obwohl wirklich nichts lief. Und Katrin, 36, erzählt, wie sie Nacht für Nacht neben Frank liegt und nicht schlafen kann. Weil sie will, dass er sie endlich berührt, sie wieder begehrt, ihr seine Liebe zeigt. "Man wird richtig hysterisch mit der Zeit. Wenn Frank sich manchmal von hinten an mich kuschelt und dann einfach einschläft - das ist wie Folter. Ich platze fast vor Verlangen nach ihm, und er schnarcht."

"Bei den Männern ohne Lust ist es meist so, dass die Energie in andere Lebensbereiche gesteckt wird: Job, Fitnessstudio, Sozialleben", sagt der Hamburger Urologe Hartmut Porst, "nur etwa 10 Prozent der Männer unter 40 haben einen Hormonmangel, alle anderen haben kein organisches Problem." Um ihren Job gut zu machen, setzen sich selbst Männer, die weniger karriere-ambitioniert sind, permanent unter Druck. Zehn Stunden Büro, dann stürzen sie sich im Studio an die Geräte und trainieren, bis sie vollkommen erschöpft sind. Kaum verwunderlich, dass am späten Abend nicht mehr viel Energie übrig ist. Der lustlose Mann und seine fordernde Frau - eine Zeitkrankheit, die vor allem in Großstädten grassiert? "Frauen in der fordernden Rolle? Na endlich", meint der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt. "Frauen haben in den letzten Jahren Selbstbewusstsein entwickelt, Sex in Beziehungen hat sich insgesamt verändert. Bei Paaren ist immer einer von beiden in der fordernden Rolle."

Sex als Austausch der innigsten Gefühle, das sei ein weiblicher Anspruch, sagt Schmidt. Frauen haben eine viel höhere Intimität in Sachen Sexualität als Männer, wollen daraus ein kleines Kunstwerk machen. Aber nur wenige Männer kehren gern auf diese Weise ihr Innerstes nach außen. Wenn eine Frau so einen erwischt, dann hat sie großes Glück gehabt. Ein Glück, das den meisten von uns höchstens ein-, zweimal im Leben begegnet. „Reicht doch, oder?“, meint Schmidt. Der Mann, mit dem es klappt, also ein Geschenk? Wie ein Sechser im Lotto? Martina hat nach zwei Jahren mit Christian ein Auge auf ihren attraktiven Nachbarn geworfen. Julia wartet noch immer auf den Moment, in dem Lars sich endlich auf ein richtiges Gespräch mit ihr einlässt. Eine Idee, wie die Leidenschaft auf Dauer erhalten bleibt, hat freilich niemand. Die meisten Männer möchten am liebsten gar nicht darüber sprechen. Manche Frauen auch nicht. Lieber erst mal alles so lassen, wie es ist. Ist ja nur eine Phase. Wird bestimmt auch wieder anders. Oder wäre es vielleicht doch gut, mal mit ihm darüber zu reden?

Interview: Warum haben Männer keine Lust auf Sex?

Dr. Reinhardt Kleber, Sexualtherapeut am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Immer mehr Männer haben kein Bedürfnis nach Sex ...

Dr. Reinhardt Kleber: Früher mussten sich Frauen permanent gegen allzeit bereite Männer wehren, heute klagen sie über Männer, mit denen im Bett nichts mehr los ist. Vor 15 Jahren wurden wir Männer oft stark kritisiert, wenn wir auch nur gewagt haben, einer Frau einen lüsternen Blick zuzuwerfen - heute werden wir öfter zum Sex aufgefordert. Angebot und Nachfrage haben sich verschoben. Das ist im Wesentlichen der Unterschied zu früher. Immer häufiger kommen Männer in meine Beratung und klagen über sexuelle Unlust, früher waren es fast nur Frauen.

Werden Männer immer weiblicher und Frauen immer männlicher?

So ähnlich. Männer sind oft durch das immer stärker werdende weibliche Selbstbewusstsein eingeschüchtert. Viele Frauen von heute nehmen sich, was sie wollen, da sind alte männliche Eroberungsmuster nicht mehr gefragt. Nicht zu vergessen: Männer haben den Höhepunkt ihrer sexuellen Potenz mit 17, Frauen etwa ab Mitte 30. Das Leiden in einer Partnerschaft fängt immer dann an, wenn es zu einem sexuellen Ungleichgewicht kommt. Wenn einer von beiden mehr will als der andere. Viele Männer haben Angst, den Ansprüchen einer Frau nicht zu genügen. Da kann eine Therapie helfen. Oft genügt es schon, wenn die Frauen beharrlich bleiben und sich nicht nach ein paar erfolglosen Annäherungsversuchen gleich zurückziehen. Der größten Fehler, den die Paare machen, ist, nicht über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Und: Erotik braucht Zeit, Inszenierungen und eine Nische jenseits des Alltags.

Ab wann kann man überhaupt von einem lustlosen Mann sprechen?

Die Grenzen, wo etwas zum Problem wird, sind natürlich immer individuell. Generell gilt: wenn es einem von beiden - in diesem Fall der Frau - nicht genügt. Manche Paare kommen zu mir und sagen: "Wir schlafen nur noch zweimal pro Woche miteinander." Es geht aber um Qualität, nicht um Quantität. Die Erwartungshaltung in Sachen Sex ist inzwischen wahnsinnig hoch.

Gibt es noch mehr Gründe?

Bedeutend für die männliche Unlust ist oft auch massiver Internetkonsum. Manche Männer reagieren dann nur noch auf pornografisches Material aus dem Netz und schließen ihre Partnerin von ihren erotischen Wünschen aus. Und viele werden auch unsicher angesichts der Männlichkeits-Ideale...

... wegen der Waschbrettbäuche der Männer in der Werbung?

Internet, Werbeplakate, Zeitschriften - die narzisstische Körperkultur wird geschürt. Männer werden mit perfekten Männerkörpern konfrontiert. Da steht ein ganz normaler Mann zu Hause vor dem Spiegel, sieht seinen kleinen Bauchansatz, seine wenig muskulösen Arme, sein schütteres Haar und fühlt sich plötzlich unsexy. Das macht es schwerer, Verlangen nach Sex zu spüren.

  • Text: Andrea Müller
    Interview: Andrea Müller

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