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Lustloser Mann: Will er nicht? Kann er nicht?

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Ähnlich wie Martina, 32, Stylistin aus Bochum, die gut zwei Jahre mit Christian liiert war, der genau genommen nie wollte. Christian legte ihr jedes Mal einen gefalteten Pyjama aufs Bett, wenn Martina ihn abends besuchte. Es gab gute Gespräche, teuren Wein und Kuscheln. Sex? So gut wie nie. Christian, attraktiv, beliebt, genau wie Lars. Der Schein war perfekt, und Martina wurde immer unsicherer. War er krank, stand er einfach nicht auf sie, war er drogensüchtig, ein Womanizer, der sein Pulver anderweitig verschoss und die Frau an seiner Seite nur für die berufliche Beförderung oder als spätere brave Mama brauchte? Nach zwei Jahren, drei Diäten und einem dutzend teuren Dessous hat Martina das Drama beendet. "Ich fühlte mich permanent unsexy, ungeliebt. Ich war bis zum letzten Tag verliebt, ich Idiotin." Obwohl wirklich nichts lief. Und Katrin, 36, erzählt, wie sie Nacht für Nacht neben Frank liegt und nicht schlafen kann. Weil sie will, dass er sie endlich berührt, sie wieder begehrt, ihr seine Liebe zeigt. "Man wird richtig hysterisch mit der Zeit. Wenn Frank sich manchmal von hinten an mich kuschelt und dann einfach einschläft - das ist wie Folter. Ich platze fast vor Verlangen nach ihm, und er schnarcht."

"Bei den Männern ohne Lust ist es meist so, dass die Energie in andere Lebensbereiche gesteckt wird: Job, Fitnessstudio, Sozialleben", sagt der Hamburger Urologe Hartmut Porst, "nur etwa 10 Prozent der Männer unter 40 haben einen Hormonmangel, alle anderen haben kein organisches Problem." Um ihren Job gut zu machen, setzen sich selbst Männer, die weniger karriere-ambitioniert sind, permanent unter Druck. Zehn Stunden Büro, dann stürzen sie sich im Studio an die Geräte und trainieren, bis sie vollkommen erschöpft sind. Kaum verwunderlich, dass am späten Abend nicht mehr viel Energie übrig ist. Der lustlose Mann und seine fordernde Frau - eine Zeitkrankheit, die vor allem in Großstädten grassiert? "Frauen in der fordernden Rolle? Na endlich", meint der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt. "Frauen haben in den letzten Jahren Selbstbewusstsein entwickelt, Sex in Beziehungen hat sich insgesamt verändert. Bei Paaren ist immer einer von beiden in der fordernden Rolle."

Sex als Austausch der innigsten Gefühle, das sei ein weiblicher Anspruch, sagt Schmidt. Frauen haben eine viel höhere Intimität in Sachen Sexualität als Männer, wollen daraus ein kleines Kunstwerk machen. Aber nur wenige Männer kehren gern auf diese Weise ihr Innerstes nach außen. Wenn eine Frau so einen erwischt, dann hat sie großes Glück gehabt. Ein Glück, das den meisten von uns höchstens ein-, zweimal im Leben begegnet. „Reicht doch, oder?“, meint Schmidt. Der Mann, mit dem es klappt, also ein Geschenk? Wie ein Sechser im Lotto? Martina hat nach zwei Jahren mit Christian ein Auge auf ihren attraktiven Nachbarn geworfen. Julia wartet noch immer auf den Moment, in dem Lars sich endlich auf ein richtiges Gespräch mit ihr einlässt. Eine Idee, wie die Leidenschaft auf Dauer erhalten bleibt, hat freilich niemand. Die meisten Männer möchten am liebsten gar nicht darüber sprechen. Manche Frauen auch nicht. Lieber erst mal alles so lassen, wie es ist. Ist ja nur eine Phase. Wird bestimmt auch wieder anders. Oder wäre es vielleicht doch gut, mal mit ihm darüber zu reden?

  • Text: Andrea Müller
    Interview: Andrea Müller
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