Partnersuche: Der Morgen danach

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat sich zwei Jahre lang mit dem Thema beschäftigt, welche Auswirkungen "Der erste Morgen danach" für eine Beziehung hat.

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Brigitte: Herr Kaufmann, in Ihrem Buch unterscheiden Sie die Phasen: Erwachen - Bett als Refugium - Aufstehen - Morgentoilette - Frühstück. Warum diese Unterteilung?

Jean-Claude Kaufmann: Der erste Morgen ist eine Abfolge von Sequenzen, in denen sich die Beteiligten stets neu verhalten. Im Bett sind sie verliebt, zärtlich, albern rum, doch kaum aufgestanden, fühlen sie sich schutzlos, haben Schamgefühle oder wollen sich in Szene setzen. Jede Phase ist zudem eine Auseinandersetzung mit Objekten, die über die Persönlichkeit des Partners Aufschluss geben. Glaubte man in der Intimität der Nacht, den anderen bereits zu kennen, so offenbart sich erst am Morgen seine zweite, alltägliche Seite.

Brigitte: Das heißt, die Erlebnisse am ersten Morgen zeigen, ob wir es tatsächlich länger miteinander aushalten?

Jean-Claude Kaufmann: Der erste Morgen sendet zumindest Zeichen, die darüber Aufschluss geben. Das heißt nicht: gleiche Lebensgewohnheiten gleich perfektes Liebespaar. Die Botschaften sind nicht immer einfach zu entschlüsseln, viele sind widersprüchlich oder sogar negativ. Schnell werden Vorwände gesucht, um in das alte ruhige Single-Leben zurückzukehren. Kleinigkeiten, wie eine hässliche Unterhose oder ein kitschiges Bild an der Wand, werden zum Anlass genommen, die Sache vorschnell zu beenden. Doch Vorsicht: Der Start in eine neue Beziehung ist immer unbequem. Vielleicht verschuldet man die negativen Erfahrungen selbst, indem man sich nicht aus seiner Höhle wagt, keinen Schritt auf den anderen zugeht. Der erste Morgen zeigt auf jeden Fall, wie weit man sich engagieren will. Es geht ja nicht allein darum, sich für ein Ja oder Nein zu einer Beziehung durchzuringen, sondern ob man bereit ist, sich in die Welt des anderen zu wagen und dafür auch einen Teil von sich aufzugeben.

Brigitte: Welche Weichen werden denn am Morgen für die Zukunft gestellt?

Jean-Claude Kaufmann: Es wird ein Stil gesetzt, hunderte von Lebensparametern festgelegt. Man einigt sich auf Verhaltensweisen, ohne es zu merken. Nehmen wir zum Beispiel das Autonomieverhalten: Während sich manche Frau völlig der Liebe hingibt, versucht mancher Mann seine Gefühle durch Flucht - ins Badezimmer, zum Brötchenholen - zu vertuschen. Er braucht einen Moment der Reflexion, der Distanz. Und setzt damit eine Basis in Sachen Autonomie. Auch wenn später daran noch rumgedoktert wird, die grobe Richtung bleibt. Ähnlich ist es mit der Kommunikation. Ein Paar, das am ersten Morgen keine zärtlichen Worte ausgetauscht hat, wird es auch später nicht tun.

Brigitte: Gibt es Verhaltensregeln für den perfekten ersten Morgen?

Jean-Claude Kaufmann: Nein, an diesem Morgen ist alles möglich. Es gibt keine magische Formel, kein Modell, das für alle passt. Aber es ist besser, sich vorab keine Strategie zurechtzulegen. Ich empfehle: Seien Sie möglichst locker. Vor allem verpassen Sie nicht diesen seltenen, wertvollen Moment, an dem das Leben alles offen hält. Und: Beobachten Sie sich nicht selbst!

Zur Person

Jean-Claude Kaufmann

Jean-Claude Kaufmann

Jean-Claude Kaufmann, 55, ist Soziologe am Centre National de la Recherche an der Sorbonne, Paris. Er ist verheiratet und lebt in der Bretagne. Sein Buch "Der Morgen danach" ist im UVK-Verlag erschienen (290 S., 24 Euro).

  • Artikel vom 23.03.2004
  • Interview: Barbara Markert

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