Neuer Freund: Kann man Sex verlernen?
Obwohl ich auf Beispiele aus dem Tierreich dann doch verzichte, schaut mich meine Freundin mitleidig an und legt los: dass sie sich nicht mehr vorstellen könne, selbstbewusst Hand an einen männlichen Körper zu legen. Sie erzählt von der Angst, sich nackt zu zeigen, sich von fremden Händen berühren zu lassen. Dass sich wahrscheinlich alles falsch anfühlen würde, weil sie in den Jahren mit sich allein gemerkt hat, was ihr tatsächlich Spaß macht. Dass sie fürchtet, gar keine Lust empfinden zu können. Typisch für jemanden, der eine ganze Weile keinen Sex hatte, meint Claudia Clasen-Holzberg. "Je länger die Abstinenz dauert, umso größer werden die Zweifel an der eigenen Attraktivität, an der sexuellen Potenz und oft daran, sich unverkrampft auf körperliche Nähe einlassen zu können. Das ganze Kopfkino der Versagensängste und Selbstzweifel kann da leider tatsächlich jede Lust ersticken."
Anscheinend habe ich Betty die ganze Zeit über Unrecht getan: Egal, wie erfolgreich, klug oder schön - für das Selbstbewusstsein scheinen sexlose Zeiten so überflüssig wie ein Kropf zu sein und so nachhaltig wie Nikotinsucht. Als Betty mir am Ende unseres italienischen Abends dann noch von ihrer Befürchtung erzählt, sofort nach dem Beischlaf unter die Dusche zu springen und nach Hause zu fahren, ist mir klar, wohin die Reise wirklich geht.
Nicht der Sex spielt die Hauptrolle in diesem Drama. Betty hatte wegen etwas anderem die Hosen gestrichen voll: wegen dem Davor und dem Danach. Wegen dem Zulassen und dem Aushalten einer Intimität und Nähe, die nichts mit Lust, sondern mit Gefühlen zu tun hat. Sie weiß: Bei echter Hingabe wäre sie wie ein offenes Buch, in dem Ben nach Herzenslust lesen, das er aber auch ohne Vorwarnung zuschlagen könnte - und ihre in sechs Jahren eroberte innere Unabhängigkeit wäre schnell dahin. "Jeder hat Nähe schon mal als gefährlich oder verletzlich erlebt. Was geschieht, wenn ich jemanden emotional und körperlich in mein Leben lasse? Kann ich eine Enttäuschung verkraften? Was muss ich aufgeben? Je offener und intimer die sexuelle Beziehung ist, desto größer das Risiko. Dazu gehört Mut und Selbstvertrauen", erklärt die Psychologin.
Man kann also nicht verlernen mit jemanden ins Bett zu gehen. Aber man kann verlernen, seinem Bauch zu vertrauen. Weil das aber kein Zustand für die nächsten 35 Jahre sein kann, beschließe ich, sanften emotionalen Druck auszuüben: Betty könne ja weiterhin jammern, aber dann wüsste ich eine wirklich nette Frau, der ich Ben gern vorstellen würde - sie selbst könne sich ja stattdessen eine erstklassige Sammlung an Vibratoren zulegen. Ich will mich ja nicht loben, aber die beiden haben in dieser Nacht ihre Hände endlich mal anderweitig benutzt.















