Orgasmus: Schatz, kommst Du?

Nur ein Viertel aller Frauen kommt beim Sex regelmäßig zum Orgasmus, manche erleben ihn nie - schwanger werden sie trotzdem. Wissenschaftler streiten über die Funktion des weiblichen Höhepunkts. Eine US-Forscherin behauptet jetzt: Der weibliche Orgasmus ist evolutionsbiologisch sinnlos.

Er ist das, wonach wir alle streben, das schönste und intensivste Gefühl, das wir kennen - und er besticht bei Frauen gern durch Abwesenheit: Der weibliche ist launisch, bockig, ja unberechenbar und führt deshalb seit Anbeginn der Geschichte zu immer neuen Diskussionen und Spekulationen unter Philosophen, Medizinern und Psychologen.

Der männliche Orgasmus findet nicht ansatzweise so viel Beachtung - zu regelmäßig-eintönig ist sein Auftreten, zu offensichtlich seine Rolle bei der Fortpflanzung. Frauen hingegen können Sex haben und schwanger werden - ohne je einen Orgasmus zu erleben. Welchen Sinn hat also der weibliche Höhepunkt?

Womöglich ist alles ganz einfach. Der weibliche Orgasmus ist evolutionsbiologisch sinnlos - und deshalb so selten, schreibt die amerikanische Biologin und Wissenschaftsphilosophin Elisabeth A. Lloyd in ihrem neuen Buch "The Case of the Female Orgasm". Lloyd lehrt an der Indiana University in Bloomington.

Sie untersuchte 20 der wichtigsten Theorien zur Funktion des Orgasmus und kam zu dem Schluss, dass fast alle falsch seien. Überzeugend findet die Forscherin nur eine Theorie des US-Anthropologen Donald Symons. Demnach ist der weibliche Orgasmus ein Nebenprodukt der Entwicklung von männlichen und weiblichen Embryonen, die in den ersten acht Wochen parallel verläuft.

In diesem Zeitraum werden die Nervenbahnen für den Orgasmus angelegt, erst danach bilden sich die unterschiedlichen Geschlechtsmerkmale. Jungs entwickeln einen Penis, Mädchen behalten einfach die angelegten Orgasmusnervenbahnen.

Manche Frauen erleben nie einen Orgasmus

Außerdem analysierte Lloyd 32 Studien aus den letzten 74 Jahren, die sich mit der Häufigkeit weiblicher Orgasmen beschäftigen. Ergebnis: Nur etwa 25 Prozent aller Frauen hatten regelmäßig beim Sex einen Orgasmus, bis zu zehn Prozent erlebten nie einen Höhepunkt. Viele Frauen wurden trotzdem schwanger. Die Klitoris, folgert Lloyd deshalb, sei evolutionsbiologisch sinnvoll, weil sie die Frauen errege und zum Sex antreibe, der Orgasmus dagegen just for fun.

Nicht alle Experten unterstützen diese Theorie. Dietrich Klusmann, Evolutionspsychologe am Universitätsklinikum Hamburg, glaubt nicht, dass es sich beim weiblichen Orgasmus um ein bloßes Nebenprodukt handelt, zumal unwichtige Nebenprodukte in der Evolution gewöhnlich verfallen würden.

Nun ließe sich einwenden, dass - wie von Lloyd vermutet - auch die männlichen Brustwarzen ein unnützes Nebenprodukt der Evolution sind, die sich trotzdem erhalten haben. Oder der Blinddarm, der ebenfalls nutzlos ist. Aber wer wollte Brustwarzen und Blinddarm schon mit einem weiblichen Orgasmus gleichsetzen?

Orgasmus: Schatz, kommst Du?

Klusmann meint, der weibliche Orgasmus sei "die Art des Körpers auszudrücken, dass die Wahl richtig ist". Der Orgasmus als Auswahlmechanismus: Wie fit und attraktiv ist ein Mann, sprich, wie gut sind seine Gene, wie gut kümmert er sich - und wäre er deshalb als potenzieller Vater geeignet?

Deshalb komme eine Frau beim Sex nicht immer zum Höhepunkt, argumentiert auch der Biologe John Alcock von der Arizona State University: "Wenn der Orgasmus automatisch wäre, könnte eine Frau sein Auftreten oder seine Abwesenheit nicht einsetzen, um die emotionale Qualität einer sexuellen Beziehung zu beurteilen"

Saugt die Gebärmutter Spermien ein?

Elisabeth A. Lloyd hält wenig von dieser Theorie. Die sexuellen Fähigkeiten eines Mannes seien nicht geeignet, um auf seine Eignung als Vater und Erzieher schließen zu können.

Eine weitere These, die Lloyd in ihrem Buch in Frage stellt, ist die so genannte "Upsuck-Theorie" der Briten Robin Baker und Mark Bellis: Demnach sollen Kontraktionen der Gebärmutter während des Orgasmus dazu führen, dass die Spermien regelrecht eingesaugt werden - eine gezielte Aktion der Frau, um sich die Spermien des attraktivsten und genetisch besten Mannes herauszufischen. Für die US-Autorin Natalie Angier ist das "der höchste Ausdruck weiblicher Entscheidungsfreiheit".

Wenn es denn stimmte. Bakers und Bellis’ Angaben lauteten: Durch den Orgasmus behalte die Frau mehr Spermien ein, vorausgesetzt, sie habe den Orgasmus eine Minute, bevor der Mann kommt, oder innerhalb der 45 Minuten danach. Elisabeth A. Lloyd will bei der Durchsicht der Originaldaten festgestellt haben, dass wichtige Ergebnisse offenbar unterschlagen wurden: Erfolgte der weibliche Orgasmus nämlich eine bis zehn Minuten nach dem Orgasmus des Mannes, war die Ausbeute sogar besonders schwach.

Womöglich ist der Orgasmus der Kitt der Beziehung

Orgasmus: Schatz, kommst Du?

Wenn es beim weiblichen Orgasmus nicht um Auswahl geht, dann vielleicht um Bindung? "Der Orgasmus ist lerntheoretisch betrachtet der potenteste Verstärker der Natur: Wer sich zusammentut und sich auch körperlich vereinigt, wird - potenziell - mit einem unvergleichlich positiven Erregungsgefühl belohnt", sagt Klaus M. Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Berliner Charité. Dadurch könne zwar auch Nachwuchs entstehen, vor allem aber trage der gemeinsam erlebte Orgasmus dazu dabei, eine Beziehung zu erhalten.

Eine schöne Theorie, die der Wirklichkeit aber nicht immer standhält: "Wie die Schlagzeilen der Regenbogenpresse illustrieren, besitzt der Wunsch nach einem Orgasmus das zerstörerische Potenzial, auch den harmonischsten Ehesegen in die Luft zu jagen", schreibt der Wissenschaftsjournalist Rolf Degen.

Was bleibt also? In jedem Fall bietet Lloyds These die Chance, ein auf den Orgasmus fixiertes Sexleben zu entkrampfen: Frauen müssen nicht immer kommen, Männer müssen Frauen nicht immer zum Höhepunkt bringen wollen.

Besonderen Charme hat eine Theorie, zu der sich der Heidelberger Sexualwissenschaftler Ulrich Clement hinreißen ließ, nachdem er seufzend gestanden hatte, Lloyds These löse bei ihm nur "relatives Achselzucken" aus. "Vielleicht", sagte Clement, "ist es evolutionsbiologisch günstiger, dass die Frauen geheimnisvoller in ihrer Sexualität sind, damit die Männer sich mehr kümmern. Bei Frauen geht eben nicht alles auf Knopfdruck. Das kann ja auch das Interessante sein..."

Marc Hasse

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