Pornosucht: "Am Computer kannst Du doch immer!"

Er hat Sex. Jede Nacht. Während seine Frau im Bett liegt und sich nach Nähe sehnt, lebt er seine Pornosucht aus. Am Bildschirm. Mit Bildern, Chats und geilen Fantasien.

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Worauf mein Mann steht? Das ist schwer zu sagen. Die Frau, die ihn scharf macht, ist mal knabenhaft, mal füllig und grell geschminkt, mal strenge Lehrerin. Er überlegt, wonach ihm gerade ist, geht ins Internet und findet immer, was er braucht. Er kann diese Frauen nicht anfassen, aber er will sie. Mich könnte er anfassen. Aber mich will er nicht.

Mein Mann schläft nicht mit mir. Er hat Sex mit Bildern.

Mein Mann schläft nicht mit mir. Er hat Sex mit Bildern. Er braucht Szenen, die ihn scharf machen, er jagt sie auf hunderten von Websites. Bis spät in die Nacht hockt er am Computer in seinem Arbeitszimmer. "Ich muss noch ein bisschen was tun": Das sagt er immer, fast jeden Abend seit einem Jahr. Der arme Kerl ist total überarbeitet, dachte ich anfangs, wenn er plötzlich nicht mal mehr am Wochenende was von mir wollte, und das hatten wir eigentlich immer irgendwie hingekriegt: uns an einem entspannten Wochenende Zeit zu nehmen, lange im Bett zu bleiben und miteinander zu schlafen. Eines Tages fragte mich meine Freundin mehr im Scherz, ob nach 20 Jahren Beziehung bei uns noch was liefe. "Na ja, im Moment sind wir beide vor allem müde", sagte ich. Und rechnete im Stillen nach, dass wir fünf Monate nicht miteinander geschlafen hatten.

Plötzlich war ich alarmiert, es war mehr als nur ein paar Monate ohne Sex. Uwe wirkte abwesend, wir hatten kaum noch Körperkontakt, irgendwas war anders. Ich dachte an eine Affäre, ging sofort auf Spurensuche. Es war ein Montagmorgen, Uwe war im Büro, ich fahndete nach Restaurant- oder Hotelrechnungen, verräterischen Haaren, Liebesbriefen, und natürlich setzte ich mich irgendwann an seinen Computer. Gefunden habe ich einen Internetverlauf mit massenweise Sexseiten, dazu einige Pornobilder, die er runtergeladen hatte. Mein Herz hämmerte fast schmerzhaft, als ich das sah, mein ganzer Körper war in Panik. Einer Rivalin hätte ich mich stellen können, glaube ich, das war es ja, womit ich gerechnet hatte, auch wenn es nicht zu ihm passte, Uwe ist ein stiller, eher schüchterner Mensch. Stattdessen saß ich fassungslos vor einem Bildschirm. Kalt, seelenlos, ein Ding zum Ein- und Ausschalten.

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  • Protokoll: Silke Pfersdorf
    Foto: iStockphoto.com
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 24/09
Letzte Kommentare
  • Tig
    am 24.05.12 um 23:43
    Nach meinen (28 m) Erfahrungen haben Pornos großes Suchtpotential, wenn man einmal angefixt ist. Ich hatte Phasen in denen es ähnlich war wie hier beschrieben (mehrere Stunden täglich, im Büro etc). Als ich dann in einer sehr glücklichen Partnerschaft war, war es erst mal weg, ist aber dann bei Stress, Ärger etc wiedergekommen. Es macht mir auch Angst, weil ich gemerkt habe, wie ich dann sehr bald immer weniger Lust auf wirklichen Sex habe. Vom Vertrauensbruch, den Lügen, dem Ekel meiner Freundin, der Scham und dem Selbstbetrug zu schweigen. Pornos alleine schauen hat für mich nichts mit wirklichem Sex zu tun, weil es nicht um Menschen geht, sondern nur um autistische Selbstbefriedigung. In der Zeit wo's schlimm war hätte man mir wer weiß wen auf den Bauch binden können, ich hätte trotzdem nicht aufgehört. Ich glaube, dass ich das allein nie mehr ganz aus dem Kopf kriege, wer also einen guten Verhaltenstherapeuten in Berlin kennt...
  • Kristall
    am 02.05.12 um 07:31
    Egal wie lange eine Frau versucht gegen diese Pornosucht anzukämpfen, diesen Kampf verliert jede Frau. Das liegt wahrscheinlich daran, das wir betroffenen Frauen nicht mit den Damen im Internet mithalten können. Damit meine ich, wir sind nicht so wandlungsfähig. Es sind immer andere Frauen mal blond mal braun. Aber alle sind ohne Scham. Wir hätten den ganzen Tag damit zu tun den Herren zu gefallen um die Phantasie anzuregen. Weil, es gibt ja dann auch nichts anderes im Leben mehr bei dieser Sucht. Weder Verantwortung, noch Respekt gegenüber dem Partner. Noch nicht einmal Scham, wenn man aufgefallen ist. Jede Minute, die ich darüber nachgedacht und geweint habe, war verschenkte Zeit. Ich mache mir keine Vorwürfe mehr das es an mir gelegen hat. Aber ich kann es leider auch nicht vergessen, auch wenn dieser Mann nicht mehr in meiner Nähe ist. Leider hat es mich zu sehr geprägt. Seitdem er weg ist, bin ich befreit von diesem Schmutz. Das war doch kein Leben, es war zerstörend.
  • Löwenzahn
    am 29.04.12 um 15:29
    Es tröstet doch, dass frau nicht allein ist seit 40 Jahren. Ich könnte alle Beiträge hier noch einmal abschreiben, denn in meinem Haus läuft dasselbe ab. Ich kann alles dick unterstreichen. Man stumpft mit der Zeit ab, wird sarkastisch, ist verzweifelt, sucht anfangs die Schuld bei sich.
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