Sex-Praktiken

Sadomasochismus: "Wir nehmen uns, was wir brauchen"

Ist Sadomasochismus sexistisch? Wie beeinflusst die Neigung den Alltag? Coco, 35, Soziologin und seit rund 15 Jahren in der SM-Szene aktiv, erzählt, wie sie ihre Sexualität entdeckte, warum sie lange ein schlechtes Gewissen hatte und was das Ganze mit Politik zu tun hat.

  • 4 Kommentare
  •  
  •  
In diesem Artikel:
Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch  "Lust auf Schmerz" von Cornelia Jönsson (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch "Lust auf Schmerz" von Cornelia Jönsson (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Seit wann siehst du dich als SMerin?
Ich hätte das früher nie so genannt, aber mein sexueller Appetit war schon immer fordernd. Ich wollte mir das nehmen können, wonach es mich gelüstet. Diese Macht wollte ich haben, und das eigentlich schon immer. Auch als Kind, da wollte ich andere Kinder auf den Po hauen und ich wollte auch bestimmen, was gespielt wird und wem welcher Part dabei zukommt.

Seit wann benutzt du den Begriff "Sadomasochismus" zur Benennung deiner Sexualität?
Dass es SM gibt, habe ich schon früh gewusst. Und ich hatte so ein unangenehmes Gefühl, dass das etwas mit mir zu tun haben könnte, aber ich habe es erst mal erfolgreich weggeschoben.

Meine erste Liebesbeziehung hatte ich mit einer Mitschülerin. Ihr gegenüber habe ich mich für dieses Grobe, was mich manchmal überkam, geschämt. Sie war selbst ganz sanft und sie hat das auch von mir erwartet. Meine dominanten Fantasien habe ich dann auf Männer projiziert - ich war auch bei Terre des Femmes aktives Mitglied, was ich immer noch bin. Männern gegenüber brutal zu sein, kam mir selbstbewusst vor. Die Täter zu Opfern machen und so. Frauen gegenüber war Gewalt aber einfach schlecht.

Männern gegenüber brutal zu sein, kam mir selbstbewusst vor.

Mit Anfang zwanzig kam ich mit einem Kommilitonen zusammen, dem meine Brutalität sehr gefallen hat. Er mochte es, sich mit mir zu balgen und zu verlieren. Oder wenn ich ihn ganz doll kitzelte oder in seine Brustwarzen kniff. Er war ein richtiger Kavalier - Türen aufhalten, Feuer geben, mir Wünsche von den Augen ablesen... An meinem Geburtstag hat er mir auf Knien einen Blumenstrauß überreicht, das war schon ziemlich sexy.

Er fing dann irgendwann damit an, dass das SM sei, was wir da machten. Ich wollte damals von so was nichts wissen, weil ich bei Terre des Femmes war und mich um illegale Einwanderinnen gekümmert habe und so - ich sagte dann, das würde nicht stimmen, SM habe doch was mit Schlägen zu tun. Dann schlag mich doch, hat er geantwortet. Ich habe mir Bedenkzeit erbeten, ein paar Wochen gar keinen Sex mit ihm gehabt und dann aber Bücher gelesen, die er mir gegeben hat. Und die fand ich gut, auch welche aus der queeren Ecke - na ja, dann haben wir damit angefangen und es hat sich verdammt geil angefühlt. Aber mein schlechtes Gewissen war immer noch da. Das wurde erst besser, als wir uns aus anderen Gründen getrennt haben und ich nach Berlin zog. Ich wollte erstens einfach weg, auch wegen ihm, und zweitens hatte ich sowieso gerade das Studium beendet. Und dann erschien mir Berlin schon auch deswegen verlockend, weil sowohl in Sachen Queerness als auch für Sadomasochisten hier einfach besonders viel geboten wird.

Und warum hast du heute kein schlechtes Gewissen mehr?
Weil ich in Berlin wirklich viel in die Szene gegangen bin, es gibt hier ja alles Mögliche, und ich habe gemerkt, durch die vielen Gespräche und auch durch Beobachten, dass das wirklich überhaupt nichts mit Politik zu tun hat, dominant zu sein, auch Frauen gegenüber. Oder dass es vielmehr schon politisch ist, aber dass man zusammengehört, Tops und Bottoms, dass wir alle eben Sadomasochisten sind und dass das schon etwas sehr Politisches ist, aber auf positive, also auf linke Weise.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  • Interview aus dem Buch "Lust auf Schmerz" von Cornelia Jönsson (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)
    Foto: Getty Images
Letzte Kommentare
  • BRIGITTE.de-Team
    am 26.08.11 um 10:24
    Hallo Peter!

    Eine kurzer Hinweis:

    1. Meinung zum Erotik-Artikel schreiben: Hervorragend, gerne.
    2. E-Mail-Adresse hinzufügen: Nein, dafür gibt es Dating-Portale.

    Wir haben daher Ihren Hinweis, Ihnen zu schreiben (und Ihre Adresse) entfernt.

    Gruß

    das BRIGITTE.de-Team

  • Peter
    am 26.08.11 um 09:45
    Hi,
    Also ich kann vieles nachvollziehen. Ich organisiere eintägige Fantasien für Männer wie Frauen, aber das dominante Frauen die Frauenbewegung weiterbringen, weil sie den Spieß umdrehen, siche nicht. Und ich halte es auch nicht für eine Störung, eher ist das unterdrücken der Neigung die Störung. Einnmal den Sklaven raus lassen, einmal mit 5 Männern schlafen... das tut der Seele gut. Besser als 10 Stunden auf der Couch!
  • Scribbler
    am 19.12.09 um 10:39
    Soziologie und S/M... noch ne Pommes dazu?

    Schön und gut, dass die Dame sich gefunden hat, aber ihre "Heilsprognose" und die Tatsache, dass ganze als political correct zu klassifizieren, ist doch ziemlich weit her geholt. Da ich selber in der Szene aktiv bin, kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dass die Autorin mit ihrer Einstellung ziemlich einsam dasteht. Aber nun gut: Jedem wie er mag.

mehr (4)
Kommentar schreiben
Wird nicht angezeigt.
Unter diesem Namen erscheint Ihr Kommentar
Bitte schreiben Sie den Sicherheitscode ab * Andere Zeichenfolge
noch 1000 Zeichen übrig!
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder, alle anderen sind optional.
BRIGITTE im ABO