Weibliche sexuelle Dysfunktion: Die erfundene Krankheit

"Weibliche Sexuelle Dysfunktion" ist eine neue Krankheit aus Amerika. Frauen mit Sexproblemen gelten danach als "krank". Werden Sexprobleme von Frauen endlich ernst genommen? Oder ist alles ein gigantischer Werbetrick, weil die Pharmaindustrie einen Milliardenmarkt wittert? Die Krankheit kommt nun auch zu uns - und mit ihr eine der heftigsten Medizindebatten.

In den Frauenarztpraxen Amerikas tobt ein Glaubenskrieg, der bald auch nach Deutschland kommen könnte. Es ist der Kampf um eine Krankheit, die es bis vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Sie trägt den Namen "female sexual dysfunction" (FSD), die weibliche sexuelle Dysfunktion. Unter diesem Oberbegriff sammeln sich vier sexuelle Störungen, die schon lange bekannt sind: geringe Lust, Orgasmusschwierigkeiten, Schmerzen beim Sex und Probleme, überhaupt erregt zu werden. Leidet eine Frau unter einem dieser Symptome, hat sie FSD, so die Definition. Und das betreffe immerhin 48 Prozent aller Frauen, wie die Yale School of Medicine im Mai 2005 herausfand.

Der Kampf um die Krankheit

FSD löste eine der hitzigsten Debatten der jüngeren Medizingeschichte aus. "Endlich werden sexuelle Störungen auch bei Frauen als medizinisches Problem wahrgenommen", frohlockt etwa Laura Berman, Leiterin des Zentrums für weibliche Sexualmedizin an der Uni Los Angeles. Sie ist, wie ein Blick auf ihre Homepage zeigt, eine der herausragenden Promoterinnen des neuen Leidens.

Alles Quatsch, sagen die Kritikerinnen. Die Krankheit gebe es gar nicht. "Die Medikalisierung weiblicher Sexualprobleme wird von der Pharmaindustrie und der Urologenlobby aktiv gefördert, um einen neuen Markt aufzubauen", sagt etwa Leonore Tiefer, Psychotherapeutin aus New York ihre Protesthomepage. Kurz: Die Krankheit wurde erfunden, um mit ihrer "Heilung" Geld zu verdienen.

Sexpillen für Frauen - ein Milliardenmarkt

Die Vorstellung ist nicht ganz abwegig. Der Markt für ein neues Medikament gegen Sexualstörungen bei Frauen hat Blockbuster-Potenzial. Mit ähnlichen Pillen für Männer verdienen die Pharma-Riesen Milliarden. Der amerikanische Konzern Pfizer setzte im Jahr 2004 allein mit der Potenzpille Viagra 1,7 Milliarden Dollar um.

Warum also nicht auch eine Sexpille für Frauen entwickeln? Eine Art "rosa "? Dazu aber benötigten die Konzerne eine klar umrissene Krankheit - eben FSD. Denn nur bei eindeutigen Symptomen kann man auch ein Mittel dagegen verkaufen. Dass die Firmen die passenden Krankheiten teilweise erfinden, zeigte der Autor Jörg Blech in seinem Buch Die Krankheitserfinder.

Und genau das sei bei der weiblichen sexuellen Dysfunktion der Fall, sagen die Skeptiker. FSD sei "das jüngste und klarste Beispiel für eine firmengesponserte Erschaffung einer Krankheit", heißt es im angesehenen British Medical Journal.

Eine Krankheit als gigantischer Werbetrick?

Die Industrie wehrt sich. "Diese Argumente gehen an der Realität vorbei, man kann eine Krankheit nicht erfinden. Weibliche sexuelle Dysfunktion ist ein sehr reelles Problem", sagt Martin Burkart aus der medizinischen Abteilung des Pharma-Riesen Pfizer.

Die Krankheit kommt zu uns

Ob erfunden oder nicht, FSD erobert bei uns bereits die Fachwelt. Kein Urologen- oder Gynäkologenkongress lässt FSD aus.

Beispiel 1: Das Informationszentrum für Sexualität und Gesundheit (ISG) mit Zentrale in der Uniklinik Freiburg. Sexuelle Probleme seien "eine Krankheit wie jede andere", heißt es dort. Kümmerte sich das ISG zunächst hauptsächlich um männliche Erektionsstörungen, rücken nun die Frauen in den Mittelpunkt. In diesen Tagen wird die Homepage erneuert - mehr Aufmerksamkeit für FSD. "Unser Ziel ist es, für dieses Thema zu sensibilisieren und darauf aufmerksam zu machen", sagt Geschäftsführerin Sabine Pirnay-Kromer. "Frauen brauchen Hilfe. Und keine Firma pusht wirklich die Entwicklung eines Medikaments, solange es dafür keine Öffentlichkeit gibt." Im Klartext: Das ISG will die Krankheit promoten. Im Förderkreis des gemeinnützigen Vereins sitzen fast alle Pharmafirmen, die im Bereich Sexualmedizin forschen: Pfizer, Bayer, Glaxo-Smith-Kline, Eli Lilly und andere.

Beispiel 2: Die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie, erst im vergangenen Jahr gegründet „als wissenschaftliche Fachgesellschaft und starker Interessenverband“. Auf der ersten Jahrestagung Ende Juni in München besuchten rund 200 Experten Vorträge über „Weibliche Sexualität und ihre Störungen“. Sponsoren der Veranstaltung: ebenfalls die Konzerne Pfizer, Lilly/Icos und Bayer.

Kritik auch in Deutschland

Wie in Amerika formiert sich aber auch hier Kritik. "Bestimmt hat jede zweite Frau ab und zu mal das Gefühl, nicht der Norm zu entsprechen, aber das als Krankheit zu bezeichnen, ist empörend", sagt etwa Helga Löckner vom Centrum für Sexualwissenschaften in Berlin.

"Mittlerweile wird jede Lebensphase einer Frau medikalisiert", sagt Claudia Schumann, Sprecherin der Frauenärztinnen im Arbeitskreis Frauengesundheit. Egal, ob in der Pubertät, in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren – immer häufiger müssten Frauen Medikamente schlucken, um bestimmten Normen zu entsprechen. Nun auch, um ein erfülltes Sexleben zu haben.

Fraglich sei dabei, ob die Sexprobleme überhaupt mit Tabletten heilbar sind. "Sexuelle Probleme sind in den allermeisten Fällen nicht medikamentös zu behandeln", sagt Frauenärztin und Psychotherapeutin Barbara Dennis aus Bremen. "Gerade im Bereich Sexualität ist es verkehrt, wenn die psychologischen den medizinischen Aspekten untergeordnet werden", warnt auch Rita Götze vom Bundesverband der Frauengesundheitszentren.

Die Jagd nach den neuen Pillen

"Wahrscheinlich wird es nie das eine Mittel geben, so wie Viagra für Männer", sagt auch Martin Burkart von Pfizer. "Dafür ist die weibliche Sexualität zu komplex." Trotzdem forscht Pfizer intensiv, um FSD einst behandeln zu können. Die Konkurrenten Bayer und Eli Lilly haben das Thema "im Auge".

Am weitesten fortgeschritten scheint der Kosmetikriese Procter & Gamble. Er entwickelte das Testosteronpflaster Intrinsa, das sich Frauen auf den Bauch kleben können, um die Libido zu steigern. "Ärzte und betroffene Frauen suchen händeringend nach einer Substanz gegen FSD", sagt Sonja Schmitt aus der medizinischen Abteilung des Konzerns. In Europa hofft Procter & Gamble zurzeit auf die Zulassung des Medikaments. In Amerika reichten der zuständigen Behörde FDA die firmenfinanzierten Studien nicht aus.

Bislang gibt es noch kein "rosa Viagra". Aber nach Ansicht der Kritikerinnen dienen die Kampagnen um FSD dazu, das Feld zu bereiten. Denn falls die Forscher erfolgreich sind, würden die Frauen sofort zugreifen. Weil sie sich krank fühlen - obwohl sie gesund sind.

Lukas Heiny

Kommentare (4)

Kommentare (4)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Klar ist die Pille der Lustkiller Nr.1, aber es gibt auch jede Menge anderer Ursachen für das Schwächeln der weiblichen Libido. Aber gegen alles ist ein Kraut gewachsen, in diesem Fall eindeutigg lissilust!!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    ??

  • Anonymer User
    Anonymer User
    ?? Da gehen dann auch Job usw. wieder leichter von der Hand!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Dieser Artikel ist meines Erachtens unvollständig. In Hamburg gibt es z.B. eine Praxis, die sich auf alle Aspekte der weiblichen Sexualorgane spezialisiert hat. So fallen ständige Ärztewechsel weg, bei verschiedenen Ursachen (Hormonell, Körperlich usw).

    Ich selbst leide sehr darunter, dass meine Libido eingeschränkt ist und das dauerhaft! Vielleicht ist die Theorie, ich hätte jetzt also eine Krankheit, umstritten ist, Fakt ist aber, dass ich mich freuen würde, wenn ein paar mehr Gynäkologen es endlich einmal ernst nehmen würden. Denn dann könnte den Frauen auch geholfen werden. Nicht, dass ich Medikamente nehmen würde, aber ich denke es gibt auch andere Wege, wenn sich die Ärzte umfassender damit beschäftig haben. Und das wäre eine sehr große Hilfe für mich und mit Sicherheit auch für viele andere Frauen. Übrigens glaube ich auch, dass erst Medikamente zu dem Problem führten. Nämlich die Pille!

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