Dating in China
Wie Shanghais Frauen mühsam nach einem Ehemann suchen

Für die Liebe haben die jungen Frauen in Shanghai keine Zeit. Sie machen Karriere, sind plötzlich 30 - und damit in China fast zu alt zum Heiraten. Also müssen pragmatische Lösungen her. Und dazu gehören auch ungewöhnliche Dating-Regeln.

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Auf dem Tisch vor ihr liegen: ein Personalausweis, eine Gehaltsabrechnung und ein Hukou, die Wohnsitzberechtigung für die Stadt Shanghai. Wenjing Li sieht sich alle Papiere an, dann schiebt sie sie mit gespreizten Fingern über den Tisch, zurück zu dem jungen Mann ihr gegenüber. Wenjing lächelt verlegen. "Nicht nötig, ich glaube dir auch so." Wenjing Li ist 26 Jahre alt, trägt gelbe Hotpants und silberne Highheels, und dies ist ihr erstes Date mit Weidi, dem Nachbarssohn ihrer Eltern. Die Enttäuschung hat sich bereits nach der Vorspeise - marinierte Hühnerfüße und Kürbis-Pickles - in ihr hübsches Gesicht geschrieben. Unromantischer könnte ein Date nicht verlaufen. Nicht wegen der Bescheinigungen; aber Weidi habe sie kein einziges Mal zum Lachen gebracht, klagt sie danach: "Er hat so wenig geredet. Und dann diese Frisur!" Immerhin will er vertraglich zusichern, dass er sich im Falle der Eheschließung keine Geliebte nehmen wird, das hat er ihr erzählt, und das hält sie ihm auch zugute. Aber das genügt Wenjing nicht. Ein bisschen, ein klitzekleines bisschen Kribbeln hätte ihr ja schon gereicht. "Ist das zu viel verlangt?"

"Ich hab den idealen Mann für dich!", hatte ihre Mutter ein paar Tage zuvor ins Telefon gebrüllt. "Regierungsangestellter, Jahrgang 84, ernste Absichten, gute Familie. Die Eltern wollen euch sogar eine Wohnung kaufen." Wenjing hatte kurz überlegt. Eine eigene Wohnung, das klang gut, dann müsste sie nicht zu seinen Eltern ziehen, wie sonst häufig üblich bei jungen Paaren in China. Außerdem genießen Staatsbeamte hohes soziales Ansehen, sie gelten als gebildet und als pflichtbewusste Ehemänner, weil ihre Karriere eng an den Familienstand gekoppelt ist: keine Ehefrau, keine Beförderung. Hinzu kommen ein gesichertes Einkommen, Kranken- und Rentenversicherung und zahlreiche soziale Vergünstigungen, kurz: ein gutes Leben in der mittleren bis oberen Gesellschaftsschicht. Wenjing sagte einem Treffen zu.

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  • Fotos: Getty Images, laif, Enver Hirsch
    Text: Miriam Collée
    BRIGITTE; Heft 19/11
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