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Schwärmen oder Verlieben: Was ist besser?

Für jemanden zu schwärmen - findet zumindest BRIGITTE-Autorin Elena Lappin. Denn Schwärmen geht immer - und niemand kann es uns verbieten.

Ich neige sehr zum Schwärmen, immer schon. Im Kindergarten war es ein Junge, der meine langen Zöpfe immer in die Wasserfarben stippte und auf meinen Burgen im Sandkasten herumtrampelte. Meine Mutter sagte, er sei ein Rüpel, und das machte ihn wahnsinnig anziehend für mich, deshalb würde ich für ihn schwärmen . Ich kann also schon früh bezeugen, dass es stimmt, dass Frauen auf böse Jungs fliegen. Neulich war ich auf einem Klassentreffen, und da kamen Erinnerungen ans Schwärmen des reiferen Jugendalters hoch. Und wer war es? Prompt einer, den ich in meinem Teenager-Tagebuch als das "Arschloch der Klasse" beschrieb. Er war arrogant und ein bisschen grob, aber da er auch seine weicheren Momente hatte, fand ich ihn als Objekt meiner absolut abstrakten Begierde unwiderstehlich. Bei dem Klassentreffen erfuhr ich, dass er inzwischen ein erfolgreicher Gynäkologe ist, also garantiert das Objekt zahlreicher weiterer Schwärmereien. Doch das waren nur Fingerübungen, das Trainingscamp für die echten Schwärmereien, die viel später im Leben kamen, nach meiner Heirat. Die Entdeckung, dass das Gefühlsleben ein Abgrund, ein bodenlos tiefer Ozean sein kann, mit unvorhersehbaren Stürmen, war eine sehr große Überraschung für mich. Die Ehe gibt dir Rahmen und Verankerung, aber sie gewährt keinen Schutz vor dem Gefühl der Unschuld, das Schwärmen stets begleitet.

Hat uns eigentlich irgendwer jemals darauf vorbereitet, dass wir, ganz gleich, ob wir verheiratet sind oder nicht, glücklich oder nicht, bis ans Ende unsere Tage immer wieder für andere Menschen schwärmen werden? Für jemanden schwärmen ist etwas ganz anderes, als in ihn verliebt zu sein, mit ihm eine Affäre zu haben oder auch nur eine haben zu wollen. Wenn du verliebt bist, lebst du für die Möglichkeit (oder Tatsache), dass etwas zwischen ihm und dir stattfindet. Wenn du scharf bist und eine Affäre hast oder haben willst, hast du aktiv etwas dafür getan, dass es so weit gekommen ist.

Zu spüren, dass man vielleicht lieben könnte, ist die Droge, die high macht

Eine Schwärmerei dagegen ist viel ätherischer und etwas ganz Köstliches. Du musst dazu lediglich offen für das Schöne und Aufregende am Leben sein, und dieses Aufregende schenkt die Schwärmerei dir, indem sie einen unsichtbaren, aber machtvollen Funken zwischen dir und einem Menschen überspringen lässt, von dem du weißt, dass du ihn nie, nie, nie berühren darfst. Wenn du das tätest, würde aus der Schwärmerei Liebe oder Sex oder beides, und dann die unweigerliche Mischung aus Schmerz und Freude und Enttäuschung, die sie mit sich bringen. Das wäre das Ende deiner Schwärmerei, die einem himmlischen Traum ähnelt: Wenn du aufwachst, ist er vorbei (selbst wenn du ihn aufschreibst, selbst wenn Überreste dir bleiben wie ein köstlicher Nachgeschmack - der Traum selbst ist zu Ende). Eine Schwärmerei ist berauschend, du bist schon glücklich, wenn dir bewusst wird, dass du plötzlich zu völlig irrationalen, wunderbaren Gefühlen in der Lage bist. Bei einer Schwärmerei ist deine Liebesfähigkeit die Droge, die dich high macht, und zwar ohne dass du tatsächlich gerade liebst.

Doch Schluss mit der Theorie, betrachten wir einige Fallgeschichten. Bei mir kam es - wie schon erwähnt - zu einer ganzen Reihe davon: Für einen witzigen sexy Kollegen, der sich als schwul herausstellte. Kürzlich erfuhr ich von einem schwulen Freund, dass umgekehrt schwule Männer genauso leicht für Frauen schwärmen können. So viel Glück hatte ich allerdings nicht - meine Schwärmerei wurde nicht erwidert, nein, dieser reizende Kerl schwärmte schließlich für meinen Ehemann! Lange dauerte unsere Zusammenarbeit nicht. Ich habe auch schon für einen hoch attraktiven Nachbarn geschwärmt, den ich immer nur aus der Ferne sah, ohne je mit ihm zu sprechen. Das änderte sich eines Tages (er fragte mich: "Ist das Ihre Scheißkarre, die da in meiner Einfahrt parkt?"), und damit endete auch meine Schwärmerei. Dann kam es zu einer interessanten Schwärmerei für einen Dichter, dessen Lyrik mich antörnte, und ich fühlte mich fast wie ein Teenager-Groupie, als ich ihn um ein Autogramm bat. Doch irgendwann wurden wir durch eine merkwürdige Reihung von Zufällen zu Freunden, und heute ist es eher eine langweilige Pflicht, ihn zu treffen, als etwas Aufregendes. Er hat keine Ahnung, dass ich früher mal für ihn schwärmte, und ich habe vergessen, warum. So ist das mit Schwärmereien: Sie sind so flüchtig, dass sie mit einem Wimpernklimpern weg sein können, vor allem, wenn es ein vielsagendes ist. Mit Schwärmereien muss man behutsam umgehen und sie in sicherer Entfernung von der Wirklichkeit halten.

Eine Freundin von mir, Claire, musste diese Lektion auf schmerzliche Weise lernen, in der riskantesten Umgebung für Schwärmereien, an ihrem Arbeitsplatz. Sie ist Immobilienmaklerin in einer kleinen Agentur und arbeitet mit lediglich zwei Partnern zusammen, beide männlich. Der jüngere ist süß, sagt sie, aber nicht süß genug, um sich in ihn zu verknallen. Der ältere dagegen, ein verheirateter Mann um die fünfzig, den wir Thomas nennen wollen, war jemand, den sie anfangs kaum beachtete: ruhig, etwas zurückhaltend, stets rücksichtsvoll. Als sie als Juniorpartnerin in die Firma eintrat, machte er mit ihr eine Führung durch einige Objekte, zur Orientierung in ihrem neuen Arbeitsfeld. Und in einem dieser Penthouse-Apartments mit Dachgarten und Fenstern vom Boden bis zur Decke mit Blick auf den Fluss geschah es: Plötzlich bemerkte sie Thomas' schöne grüne Augen, die in der Dämmerung vor einem orangefarbenen Sonnenuntergang funkelten. Beim Inspektionsrundgang von der perfekten Küche zu dem perfekten Open-Air-Whirlpool zu dem perfekten Schlafzimmer vergaß Claire beinahe, warum sie dort waren. Falls Thomas irgendetwas auffiel, zeigte er es nicht.

Schwärmen bedeutet, sich aus sicherer Entfernung dem Begehren hinzugeben

Von diesem Tag an wurde ihr Arbeitsalltag aufregend und quälend zugleich. Schon der Gedanke, in Thomas' Nähe zu sein, verpasste ihr regelmäßig einen Energieschub, und wenn sie es hinkriegte, wieder ein Objekt zusammen mit ihm zu besichtigen, zu zweit, dann war sie im siebten Himmel. Daheim, wo die Dinge zwischen ihr und ihrem Partner Jack angespannt liefen, gab sich Claire Fantasien hin, wie sie und Thomas nach einem gemeinsamen Zuhause suchten. Es wäre allerdings ein Fehler zu glauben, man könnte eine Schwärmerei immer als unschuldiges Hilfsmittel benutzen, um sein eigenes Leben ein bisschen aufzupeppen, wie eine herbeifantasierte Affäre. Wenn man verknallt ist, gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten sollte, und eines Tages tat Claire genau das, als sie Thomas und seine Frau zum Abendessen einlud. Sie war derart eifersüchtig auf die natürlich hoch unsympathische Gattin, dass sie so demonstrativ wie möglich deutlich machte, wie eng sie mit Thomas zusammenarbeitete, wie sehr sie sein Fachurteil über die besichtigten Objekte schätzte und dass das ihr Traumjob überhaupt war. Es hätte sie nicht überraschen dürfen, dass Thomas sie am nächsten Tag aufforderte, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen. (Ich hätte vielleicht erwähnen sollen, dass er auch ihr Chef war und seine Frau Mitbesitzerin der Firma.) Die Verknalltheit endete mit einem Knall, aber er hatte auch etwas Heilsames: Kaum war Claire gegangen, hatte sie Thomas vergessen. Das lag allerdings nur daran, behauptet sie, dass es im neuen Büro einen Typen namens Tim gibt, dessen blaue Augen sie nicht loslassen, wenn sie sich an der Kaffeemaschine begegnen.

Eine Schwärmerei basiert auf dem stillschweigenden Einverständnis, dass keiner dem anderen etwas schuldig ist und real nichts passieren soll. Genau wie beim Schwärmen für Promis, die uns nie erlauben werden, ihnen körperlich nahe zu kommen, aber ebenso wenig damit aufhören werden, uns aus sicherer Entfernung zu genau diesem Begehren zu provozieren. Mein vernünftiger Ehemann versteht das sehr gut, er schwärmt für Minnie Driver. Ich ermutige ihn darin, denn ich mag die Erregung, die ich an ihm sehe, wenn er sie in einem Film erlebt oder ein Lied von ihr hört. Dazu fällt mir ein anderes Lied ein, das Jennifer Paige übers Schwärmen singt: "It's just a little crush / Not like I faint every time we touch" (Ich schwärm für dich, mehr ist es nicht / Ich fall nicht um, berührst du mich). Genau. Und ich schwärme total für unseren Klempner, Mr. Miles. Immer wenn der Wasserhahn tropft oder die Spülung versagt, rufe ich ihn an (die Nummer kann ich auswendig) und warte beklommen darauf, wann er wohl kommt. Wenn er nicht auf Teneriffa ist, wo er die Hälfte seines Lebens beim Sonnenbaden verbringt, erscheint er normalerweise schon am selben Tag, in Anzug und Krawatte, sehr sexy. In diesem Outfit beugt er sich über die Kloschüssel. Das, was man in verstopften Toiletten findet, umschreibt er elegant als "Trümmer". Er zeichnet göttliche kleine Diagramme von dem, was gerade in unseren Abwasserrohren abläuft (bzw. eben nicht), und spricht darüber wie ein Künstler. Einfach... unwiderstehlich.

Text: Elena Lappin Aus dem Englischen von Frank Heibert BRIGITTE 26/2005

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