Körpergefühl

Wie ich lernte, dick und glücklich zu sein

Lange hat Mascha, 24, versucht, sich den gängigen Schönheitsvorstellungen anzupassen. Schlank wurde die 120-Kilo-Frau nicht. Heute ist sie mit ihrem Körper versöhnt.

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Mittlerweile ist ihr egal, was die anderen sagen: Sie mag sich, wie sie ist, und sie trägt, was ihr gefällt. Um Extra-Kleidung für Dicke macht Mascha dabei einen großen Bogen. Sie will sich nicht verhüllen: keine Zelte, sondern Mode - auch mit Größe 54

Mittlerweile ist ihr egal, was die anderen sagen: Sie mag sich, wie sie ist, und sie trägt, was ihr gefällt. Um Extra-Kleidung für Dicke macht Mascha dabei einen großen Bogen. Sie will sich nicht verhüllen: keine Zelte, sondern Mode - auch mit Größe 54

Mascha sagt, sie sei fett. Nicht dick oder pummelig - fett. Verletzend findet sie nicht das Wörtchen "fett". Eher das Herumgeeiere, wenn verharmlost werden soll, was offensichtlich ist. Du bist doch nicht fett, heißt es dann. Korpulent vielleicht. "Bei diesem Eiertanz fühle ich die Ablehnung am allermeisten", sagt Mascha. Andere sind weniger zimperlich: "Das würde ja nicht mal ich anziehen!", zischte eine junge, ziemlich dünne Frau kürzlich ihrer Freundin zu, als Mascha auf einer Party neben den beiden auftauchte. Mascha trug einen schmalen, mit Rosen bedruckten Rock, dazu Shirt und Jeansjacke. Abschätzige, scheinbar beiläufige Blicke, verhaltenes Grinsen. Die Lautstärke so wohltemperiert, dass kein Wort verloren geht. Mascha war die "fette Qualle", die "dicke Kuh", die Frau, die man im Vorübergehen mal kurz darüber informiert, wie unmöglich sie aussieht. Oder über die man im Café die Augen verdreht, wenn sie ein Stück Kuchen serviert bekommt. "Ich höre immer die gleichen Bemerkungen", sagt Mascha. "Wenn's ums Beleidigen geht, hält sich der Einfallsreichtum in Grenzen." Kürzlich hat ihr einer "Cindy aus Marzahn" hinterhergerufen. Endlich mal was Anderes. Sie musste lachen. 120 Kilo machen Mascha fett.

Wäre es halb so viel Gewicht, Mascha wäre eine 24-Jährige wie viele andere auch: 1,76 Meter groß, hübsch, mit dunkelbraunem, schulterlangem Haar und dunkelbraunen Augen. Eine junge Frau, die gerade ihren Master in English Literatures an der Humboldt Universität Berlin macht und sich selbst als "fröhlich, aufgeschlossen und kontaktfreudig" beschreibt. Und, ja, auffallend findet sie sich auch, weil sie Mode mag und das auch mit Konfektionsgröße 54 zeigt: an den schlechten Tagen Jeans und Kapuzenpulli, an den guten ein feminines Kleid. Am liebsten das orangerote im Fifties-Look mit dem schwarzen Band in der Taille. Keine Tarnung, keine Zelte, nichts Verhüllendes, das sie zur Staffage macht.

"Eine schlanke Frau würde in meinen Kleidern gar nicht auffallen", sagt Mascha. "Ich tue das nur, weil so ein Look mit meiner Figur ungewöhnlich ist." Mascha sagt, dass sie aus dem Anerkennungsraster fast aller Menschen herausfalle. So was tut weh. Als Kind und Teenie war es für Mascha besonders hart. "Wenn du jetzt noch abnimmst, bist du ein hübsches Mädchen", hat ihr der Kieferorthopäde, der eigentlich für ihre Zahnspange zuständig war, nach jeder Kontrolle prophezeit. Vom Hausarzt bekam sie jahrelang ungefragt Ernährungspläne in die Hand gedrückt. Sportunterricht gab es gleich zweimal die Woche. "Wenn du fett bist, dreht sich plötzlich alles um deine Figur", sagt Mascha. "Du bist ein Mensch zweiter Klasse." Mehr als zehn Jahre lang hat Mascha mit Anpassungsversuchen und Diäten reagiert. Mal hat sie 15 Kilo in drei Monaten abgenommen, mal zehn. Halten konnte sie das durch Sport und Verzicht hart erkämpfte Gewicht aber nie.

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  • Ein Artikel aus BRIGITTE Heft 25/2012
    Text: Dorette Gühlich
    Foto: Thomas Rusch
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