XL-Model Crystal Renn im Interview

XL-Model Crystal Renn im Interview

"Bis an eine lebensbedrohliche Grenze", sagt XL-Model Crystal Renn, 23. Vier Jahre litt sie an Magersucht, um Supermodel zu werden. Heute ist sie gefragter denn je - und zufrieden mit ihren Rundungen.

Hier geht's zur Modestrecke mit Crystal Renn!

BRIGITTE: Vor fünf Jahren waren Sie kurz davor, sich für Modeljobs zu Tode zu hungern. Was gab den Ausschlag, wieder normal zu essen?

Crystal Renn: Ich wollte nicht sterben. Der Grund für meine Magersucht war mein Traum von der Modelkarriere. Dafür hungerte ich vier Jahre lang und wurde trotzdem immer wieder bei Castings weggeschickt. Zuerst schien alles gut, ich wog nur noch 45 Kilo bei 1,75 Metern und hatte hin und wieder gute Aufträge. Aber mit 17 veränderte sich mein Körper, weil er einfach nicht dazu gemacht ist, so dünn zu sein. Er rebellierte und nahm zu. Da halfen auch Nulldiät und stundenlanger Sport nicht. In der Agentur rümpfte man die Nase und riet mir, "den Speck" an den Hüften abzutrainieren. Das war's. Irgendwas in meinem Kopf machte "Klick". Ich wollte essen.

XL-Model Crystal Renn im Interview

BRIGITTE: Aber warum hat es nicht schon früher Klick gemacht, zum Beispiel, als Ihre Periode ausblieb oder das Herzrasen begann?

Crystal Renn: Weil ich verbohrt war und nur das Ziel vor Augen hatte: Supermodel werden. Modeln war die Chance, meiner verhassten Kleinstadt-Jugend in Mississippi zu entfliehen. Wenn dir in diesem Moment jemand sagt, dass der Preis zur großen weiten Welt eine Diät ist, dann ergreifst du diese Möglichkeit, ohne groß darüber nachzudenken.

BRIGITTE: Wie sahen Sie aus, als Sie anfingen zu modeln?

Crystal Renn: Als ich mit 14 Jahren entdeckt wurde, wog ich 75 Kilo bei 1,73 Metern. Für jemand, der Supermodel werden will, ist das fett. Von einem Tag auf den anderen begann ich mit meiner Diät, aß nur noch zuckerfreien Wackelpudding und kaute stundenlang auf gedünstetem Gemüse herum. In drei Monaten verschwanden zwölf Kilo. Weil alles so einfach schien, machte ich weiter. Irgendwann war so gut wie alles von meinem Speiseplan gestrichen. Am Ende maß mein Taillenumfang 84 Zentimeter, und ich hatte 40 Prozent meines Körpergewichts verloren.

BRIGITTE: Dass Ihr Körper rebellierte, ignorierten Sie?

Crystal Renn: Das waren lästige Nebenerscheinungen, die mich eher anstachelten. Mein Haar fiel büschelweise aus, meine Venen zeichneten sich ab, ich hatte dauernd furchtbare Magenschmerzen. Alle Gelenke knackten, manchmal konnte ich kaum laufen. Die meiste Zeit wollte ich einfach nur liegen, weinen und nicht mehr aufwachen. Man spürt genau, dass kein Funken Energie im Körper übrig ist, und rennt trotzdem noch drei Stunden auf dem Laufband, denn was zählt, sind die verbrauchten Kalorien. Also macht man weiter.

BRIGITTE: Das klingt unmenschlich. Weshalb blieben Sie trotz dieser Erfahrungen in dem Beruf?

Crystal Renn: Mein Traum war ja immer noch lebendig. Ich wollte in die "Vogue". Hätte ich vor fünf Jahren alles hingeschmissen, wären all die Schmerzen umsonst gewesen, aber jetzt durchschaue ich das Business und spiele nach meinen eigenen Regeln. Wer heute mit mir arbeiten will, muss mich so nehmen, wie ich bin. Da mache ich keine Kompromisse mehr.

BRIGITTE: Jetzt, als 23-Jährige, können Sie das mit Bestimmtheit sagen, mit 14 fehlte Ihnen dafür die Weitsicht. Und manche Mädchen beginnen noch früher mit dem Modeln. Sollte es eine striktere Alters- und Gewichtsbegrenzung geben?

Crystal Renn: Auf jeden Fall. Vor ein paar Jahren gab es dazu Ansätze, als in kurzer Folge mehrere Models an den Folgen ihrer Magersucht gestorben waren. Ich bezweifle aber, dass es sich konsequent durchgesetzt hat. Man darf aber auch nicht vergessen, dass viele Mädchen einfach wirklich knabenhaft dünn sind. Das ist dann Veranlagung und hat nichts mit Hungern zu tun.

BRIGITTE: Die mageren Models wurden zu Symbolen unseres heutigen Körperbilds. Junge, beeinflussbare Mädchen eifern ihnen nach. Wie Sie damals glauben viele, dass Extremdiäten der Weg zum Ziel sind.

Crystal Renn: Ich kann verstehen, dass magere Models mit Essstörungen in Zusammenhang gebracht werden. Doch ihr Anblick löst nicht gleich Magersucht aus. Anorexie ist mit Depressionen und Zwangsstörungen verknüpft, die durch einen unausgeglichenen Chemiehaushalt im Gehirn verursacht werden. Ich bin beispielsweise zwanghaft perfektionistisch. Viele Wissenschaftler sind zudem der Meinung, dass die Krankheit genetisch bedingt sein kann. Die Medien spielen also genauso eine Rolle wie Familie und Freundeskreis. Unsere Gesellschaft trichtert uns von klein auf ein, dass dünn attraktiv und dick eklig ist.

Seite: 1 2
weiter
Kommentar schreiben

Um zu kommentieren, loggen Sie sich bitte ein. Wenn Sie noch kein Bfriends-Mitglied sind, können Sie sich hier registrieren.

noch Zeichen übrig!
Letzte Kommentare
BRIGITTE.de: Nichts verpassen
BRIGITTE.de - RSS|Twitter|Facebook|Youtube|BFriends|Newsletter|BRIGITTE.de - iPhone-App

Aktionsangebot
Kleiderschrank
Partnershops
  • bonprix – it's me
  • CONLEY'S Online Shop
BRIGITTE-Initiative