Die Sprache der Kleider

Wie wir uns anziehen, so werden wir gesehen. Kleider sprechen eine eigene Sprache, die wir nutzen sollten - bevor sie gegen uns verwendet wird.

Herzogin Kate im hellblauen Spitzenkleid.

Es war das perfekte Kleid. Knielang, zartblau, mit einem Hauch weißer Spitze darüber. Nicht aufregend, dafür elegant. Tailliert, aber sittsam hochgeschlossen. Catherine, Herzogin von Cambridge, sah zauberhaft aus. Und hatte einen sauberen Konter gesetzt. Tags zuvor waren Paparazzi-Bilder in einem französischen Klatschblatt erschienen, auf denen die Herzogin ganz ohne Kleid zu sehen war. Aus dem Buckingham-Palast kam Empörung - "Bodenlos!", "Grotesk!" -, doch das keusche Kleid bei Kates erstem offiziellem Fototermin danach war ein noch deutlicheres Statement. Jeder, der sie darin sah, begriff: Die Frau des britischen Thronfolgers ist über ein paar verschwommene Oben-ohne-Fotos erhaben. Skandal? Oh please... Man muss nicht eine der meistfotografierten Frauen der Welt sein, um zu ahnen: Jedes Kleid trägt eine Botschaft. Es genügt der Blick in den eigenen Schrank. Da hängt der Hosenanzug, mit dem man beim Vorstellungsgespräch schon vor dem ersten Satz Kompetenz demonstrieren wollte. Die Bluse, die man nur zum Besuch bei den Eltern anzieht. Das Kleid, das dem Mann beim ersten Date die Sprache verschlug.

Was man daneben auch findet: Teile, die ihre Aussage komplett verfehlten. Wie die Schuhe - sehr hoch, sehr spitz, sehr rot -, in denen man den ersten Arbeitstag unter lauter Turnschuhträgerinnen antrat. Noch schneller, als die neuen Kolleginnen "Zicke" dachten, verschwanden die Stilettos unterm Schreibtisch. Man könnte drüberstehen und das Ganze unter "gute Schuhe, schlechtes Timing" verbuchen - der erste Arbeitstag ist eben eine Ausnahmesituation. Andererseits: Nach seiner Kleidung wird man nicht in Ausnahmefällen beurteilt, sondern in der Regel. Ob es einem gerade passt oder nicht, die anderen gucken immer. Dabei schafft man es morgens oft gerade mal, sich die Frage "Was ziehe ich an?" zu beantworten, ohne sich dabei auch noch die Bonus-Frage "Wie wirke ich darin?" zu stellen. Lassen sich modische Missverständnisse also überhaupt vermeiden? Und wenn nicht: Schert's wen?

Die amerikanische Psychologin Dr. Jennifer Baumgartner beschäftigt sich damit, wie Frauen ihre Garderobe auswählen, und hat über die Sprache unserer Kleidung das Buch "You Are What You Wear: What Your Clothes Reveal About You" (Perseus Books) geschrieben. Sie sagt: "Den meisten Menschen kommt es banal vor, ein Outfit auszusuchen. Andere ziehen aus der Wahl der Kleidung Schlüsse über das Innenleben der Trägerin." Was man unbewusst aus dem Kleiderschrank zieht, kann beim Gegenüber konkrete Eindrücke bewirken: Wer neutrale Farben trägt, ist ängstlich und scheu. Zu viel Schmuck? Die will bestimmt von Unsicherheit und finanziellen Problemen ablenken. Ein tiefes Dekolleté? Die Frau ist machthungrig!

Stil- und selbstbewusst: Michelle Obama.

Vorurteile - aber die können ewig haften bleiben. Bewundern wir lieber Frauen, die konstant die kritische Aufmerksamkeit parieren und sie geschickt für sich nutzen: Amerikas First Lady Michelle Obama ist darin sehr gewandt. Sie trägt gern eine Mischung aus amerikanischen Modedesignern (patriotisch) und Kaufhausmode (bodenständig), bevorzugt ärmellose Kleider, die ihren beachtlichen Bizeps freilegen (starke Frau), und wird für ihren Stil gefeiert. Gwyneth Paltrow, kürzlich von der Zeitschrift "People" immerhin zur bestgekleideten Frau der Welt gewählt, hat diese Auszeichnung schon für ihren Sinn für Anlässe verdient: weiße Robe mit Cape zur Oscar-Verleihung (selbstbewusst), Jeans-Shorts und Streifenpulli zur Lesung aus ihrem Kochbuch (nahbar). Und für alles, was dazwischen liegt. Dass Paltrow auch in einem Kartoffelsack sensationell aussähe - geschenkt.

Ein ganz anderes Beispiel liefert da unsere Bundeskanzlerin. Seit Jahren tritt Angela Merkel im gleichen Blazer auf, egal, ob gerade EU-Gipfel, Staatsbesuch oder Zapfenstreich ist. Nur die Farbe wechselt. Der Eindruck: Sie ist uneitel, kompetent, konzentriert aufs Wesentliche. Der Blazer ist Merkels Uniform. Wäre es möglich, dass sie sich erst wie die Kanzlerin fühlt, wenn sie den Blazer trägt? Groß war die Aufregung, als sie im tief dekolletierten Kleid bei den Festspielen in Bayreuth auftauchte. Na und? Vielleicht hatte sie einfach Lust, mal nicht Kanzlerin zu sein - darf sie das nicht? "Kleidung hilft, den angestrebten Platz im Leben zu erreichen", sagt Dr. Baumgartner. "Und wenn man etwas Bestimmtes anzieht, ordnet man sich innerlich neu. Nicht nur Schauspielern hilft die Kleidung, ihre Rolle zu finden. Das gilt natürlich genauso auch im wahren Leben."

Gwyneth Paltrow bei der Oscar-Veleihung.

Noch mal zurück ins britische Königshaus. Man kann sich vorstellen, dass Kate am Tag nach den Fotos am liebsten unsichtbar gewesen wäre. Stattdessen musste sie Haltung zeigen. Das Kleid: ihr bester Komplize. Etwas Schönes anziehen, um sich besser zu fühlen - eine gute Taktik. Die nebenbei ziemlich einfach ist. Es hat schließlich jeder die eine Jeans, in der er sich unschlagbar fühlt. Einen Blazer, in dem man für alles gewappnet ist. Eine Bluse, für die man immer Komplimente bekommt. Ein Kleid, in dem man sich gut fühlt, drückt nach außen aus: Mir geht's heute sagenhaft. Die Sachen, die man für sich anzieht, machen am Ende nämlich auch auf andere Eindruck. Zum Beispiel den, dass man gerade gern seine Ruhe hätte. Dieser Text wurde in einer Jogginghose und einem marmeladenbekleckerten T-Shirt geschrieben. Nicht schön, kein bisschen sexy, auch nicht beeindruckend. Aber für heute: das perfekte Outfit.

Text: Marlene Sørensen Teaserbild: Pool/Getty Images

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