Mallorca
Alaró: Siesta unterm Feigenbaum

Alaró - schon mal gehört? Nein? Dann wird's aber Zeit: Im Inselinneren Mallorcas verwandeln sich immer mehr Dörfer und Städtchen in kleine Schönheiten. Ein Besuch in Alaró - mit noch mehr Adressen für einen Urlaub auf dem Land.

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Zur Fotostrecke "Mallorca: Kleinod Alaró"

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Die Plaça von Alaró schimmert in der Abendsonne wie polierter Marmor. Das Rathaus und seine Arkaden strahlen honiggelb. Die Balkone der Bürgerhäuser blitzen frisch lackiert. Alte Männer schweigen nebeneinander auf einer Holzbank unter Platanen. Spielende Mädchen hüpfen übers Pflaster. Nur ich passe nicht ins Bild.

Ich ziehe nun schon zum dritten Mal meinen Rollkoffer über den Platz und finde mein Hotel nicht. Statt mich auf die Gassen zu konzentrieren, habe ich hierhin und dorthin geguckt. Und überlegt, ob ich mich nicht einfach in die Bar "Sa Plaça" setzen und einen Café con leche trinken sollte. Aber alle Tische draußen sind schon besetzt. Da stellt ein Mann in den Vierzigern, Typ Künstler mit Cordhose und Stiefeln, sein Glas ab und schlendert herbei. Ob er mir helfen könne? Was ich suche? "Das 'Ca's Prebe'?" - "Keine fünf Minuten von hier!", sagt er. "Aber vorher erzählen Sie mir bitte, warum Sie ausgerechnet in unserem Städtchen Urlaub machen. Im Inselinneren, nicht an der Küste." Lorenzo holt ein Glas Wein für mich.

BRIGITTE-Autorin Nicole Schmidt

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Ich kenne Mallorca gut, mag Palma und die Strände, aber was mich zuletzt richtig begeistert hat, sind die Dörfer. Was die alles gemacht haben, damit man anhalten und bleiben möchte! Fußgängerzonen geschaffen, Museen eingerichtet, Häuser renoviert, Verschönerung von vorn bis hinten. Ich liebe den Kontrast aus alten Bruchsteinmauern und modernem Design, ich mag dunkle Balken an niedrigen Decken. Ich kann nicht genug kriegen, wenn es zum Frühstück hausgemachte Marmelade und Wurst gibt. Deshalb habe ich mir ein Hotel in Alaró ausgesucht.

Bei Lorenzo kann man guten Wein trinken

Bei Lorenzo kann man guten Wein trinken

"Lorenzo, woher kommt denn dieser gute Wein, den ich gerade trinke?" Er ist prallgelb wie Stroh, duftet nach Mango und Limette. "Aus Alaró", sagt Lorenzo und strahlt. "Es ist mein eigener Wein, ein Chardonnay." Gekeltert wurde der Weißwein in einer Gerberei, die Lorenzo zu einer Bodega umgebaut hat. Eigentlich ist er Architekt, aber wirklich glücklich macht ihn das Keltern von Wein. Am liebsten Malvasia. Die Gegend um Alaró ist für den Anbau dieser Rebsorte ideal: ein Tal am Fuße des Gebirges Serra de Tramuntana. Rote Erde, große Landgüter, Oliven-, Feigen- und Orangenbäume. Waldige Hügel am Rand der Ebene. Alles überragend: zwei schroffe Felskolosse, über 800 Meter hoch, Wolken- Barrieren, die hin und wieder für Regen sorgen - gut für den Wein. "Malvasia ist mallorquin bis in die Wurzeln", sagt Lorenzo. "Er hat einen eigenen Charakter und eine moderne Note. Wie Alaró."

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Die Glocke der großen alten Kirche Sant Bartomeu schlägt sieben. Ein Ober im weißen Hemd mit Fliege eilt an unseren Tisch und serviert frisch zubereitete Tapas: Lammkotelettchen mit Knoblauch und Rosmarin, Spinatsalat mit gebackenem Ziegenkäse. Am Nachbartisch bestellt ein Schwarm Radfahrer in Neongrün das Gleiche und schwirrt nach dem Essen davon.

Mit meinem Hotel habe ich schon nach der ersten Nacht einen Platz gefunden, von dem ich nicht mehr wegwill. Das "Ca's Prebe" war früher das Zuhause eines Schuhmachers. Der Meister muss gut im Geschäft gewesen sein, er konnte sich ein Palais leisten. Bogenförmige Eingangstür, Fensterläden, Sprossenfenster, Terrakottafliesen, Deckenbalken. Im Garten quillt das Grün über Mäuerchen und Treppen. Große und kleine Palmen, Bougainvilleen, Bäume und Rankengewächse. Im Springbrunnen schwimmen Seerosen, im Pool die Gäste. Viele sind es nicht. Es gibt nur fünf Zimmer und Suiten. Gestaltet sind sie nicht zu nüchtern und nicht zu verspielt.

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Dieser Stil begegnet mir in Alaró mit seinen überwiegend bescheidenen Natursteinhäusern immer wieder. Das Städtchen, knapp 30 Kilometer nordwestlich von Palma de Mallorca, ist typisch für die Verwandlung bislang unscheinbarer Orte in kleine Schönheiten.

Fornalutx, Deià und Valldemossa sind schon lange für ihren Charme bekannt, aber jetzt haben sich auch die "normalen" Dörfer und Städtchen herausgeputzt, zum Beispiel Esporles, Santanyí, Porreres, Ses Salines und eben Alaró. Weil die Inselregierung lange Zeit für den Tourismus ganz auf "Sol y Playa", Sonne und Strand, gesetzt hatte, wurden die Orte im Inselinneren vergessen. Und das ist ein Glück. So gibt es hier statt unzähliger Mega-Discos und Souvenirshops kleine Geschäfte mit Charakter.

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Wie in der Einkaufsstraße von Alaró, der Alexandre Rosselló. Zwischen einem Schuhgeschäft für die reifere Frau, einer Galerie und einem altertümlichen Lotto-Laden steht eine Schaufensterpuppe und deutet nach oben. Etliche Treppenstufen höher stehe ich im Atelier von Margalida Mayol. Mit Blick über die Flachdächer der Kleinstadt sitzt die junge Frau an ihrer Nähmaschine, ringsum ein Wust von Schneiderpuppen, Stoffen, Garnen, Modellzeichnungen und Ballettkleidchen. Die schwarzen Locken hat sie mit einem Gummi gebändigt, ihr bequemes T-Shirt-Kleid ist eine Eigenkreation, das Atelier gleichzeitig ihr Laden. Ob ich sie störe? Aber nein. Sie müsse eben nur ein kleines Schwarzes fertig nähen. Für ihre Mutter, die heute Geburtstag hat.

Was macht eine junge Mode-Designerin in Alaró? Das habe sie sich nach dem Studium auch gefragt. Ihr Heimatort kam ihr damals öde vor, deshalb zog sie nach Madrid. Aber bei jedem Besuch merkte sie, wie Alaró sich veränderte, lebhafter, attraktiver, interessanter wurde. Sie vermisste die Berge, das Licht. "Wenn es ein Stück wahres Mallorca gibt, dann hier im Inselinneren. Alaró hat seine Seele nicht verkauft", sagt Margalida, die jetzt im Haus ihrer Oma lebt. "Wie ich sind viele Junge abgehauen. Und wiedergekommen. Wir haben aus den Fehlern unserer Vorgänger gelernt: Wir sind aufgeschlossen für Änderungen, aber alles in Maßen." Dass das Alte und Moderne gut zusammenpassen, wolle sie mir gern zeigen. Sie müsse eh noch Garn besorgen und mit ihren Hunden spazieren gehen.

Noch nicht lange her, da sei diese Straße mit Autos verstopft gewesen, sagt Margalida. Inzwischen hat die Gemeinde daraus eine Fußgängerzone gemacht, den Verkehr beruhigt, das Kulturleben aufgefrischt. Es gibt ein Theater, in dem moderne Tanzensembles und Zirkustruppen auftreten. Eine lichtdurchflutete Bibliothek. Ein Kulturzentrum aus alten Marès-Steinen und Beton. Was mir Margalida dann zeigt, ist eine Kunst für sich: der Gemischtwarenladen Can Bou. Am Eingang stehen Reisigbesen und Plastikeimer, drinnen hängen Pfannen und Klobürsten von der Decke, stapeln sich in Regalen Dinge von der Schuhcreme bis zum Hundefutter. Die Preisschilder sind mit Füller beschrieben.

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Eine elegante Dame im blau-weißen Kleid, das weiße Haar in leichten Wellen frisiert, kommt auf uns zu. Sie mag älter als 80 sein. Margarita Rosseló. Sie hat gegen jeden Fleck ein Mittelchen, sie weiß, wie man stumpfe Fliesen blank kriegt. Schon als Mädchen bediente sie in dem Laden, den ihr Großvater gründete. Wir dürfen in ihre Wohnung. Fünf Stufen treppabwärts, schon stehen wir in ihrem Salon. Pendeluhren, Aschenbecher aus schwerem Glas, Spitzenvorhänge. Ich sinke in einen tiefen Sessel. Hier tauschen Sie also den neuesten Klatsch aus? "Klatsch und Tratsch? Ich bitte Sie! Wir reden hier nicht schlecht über andere", sagt Margarita und ruckelt ihren Rock gerade. Sie wolle mir lieber von Alaró erzählen.

Die Mauren haben die Siedlung gegründet, weil zwei Quellen den Ort mit Wasser versorgen konnten. Margarita ist stolz auf ihren Geburtsort: "Wir hatten hier schon im August 1901 Strom. Vor Palma!" Denn Alaró war schon damals kein bloßes Bauernnest, hatte viele Schuhwerkstätten und Fabriken. Wegen der Arbeitsplätze zogen Fremde hierher. "Nur eine Fabrik hat überlebt, aber die Offenheit gegenüber Ausländern ist geblieben. Wir leben gut zusammen mit Deutschen, Engländern, Kolumbianern und Venezolanern, haben sogar eine internationale Fußballmannschaft!" Es stimmt, was die alte Dame und die junge Designerin sagen: In Alaró fügt sich eines zum anderen, und aus gänzlich Verschiedenem entsteht neue Harmonie. Samstag in der Kirche Sant Bartomeu. Auf dem Platz davor ist Markt. Um halb zwölf Uhr hat in der Kirche eine kostenlose Matinee mit Orgelspiel begonnen. Die Tür steht weit offen, und langsam vermischt sich der Weihrauch mit dem Geruch von Käse und Brathähnchen.

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  • Ein Artikel aus BRIGITTE
    Text: Nicole Schmidt
    Fotos: Urban Zintel
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