Auf einmal fühlt sich alles leichter an. Die dicken Schuhe, die mich in den letzten Tagen oft gequält haben, spüre ich kaum noch. Der Rucksack, der an meinen Schultern gezogen und gezerrt hat, stört nicht mehr. Weil uns jetzt alles zu Füßen liegt und der Weg von hier nur noch nach unten geht. In alle Richtungen nichts als Berge. Untenrum tragen sie einen grünen Rock, der nach oben immer heller wird und sich in den zackigen braungrauen Felswänden verläuft. Ein paar weiße Farbtupfer zeigen, wo auch jetzt im August noch Schnee liegt. Wolken in allen Weiß- und Grauschattierungen ziehen über den Himmel, und ihre Schatten wandern über den Bergen mit.
"Da hinten, siehst du, dort haben wir vorgestern die Schneeballschlacht gemacht", Niki deutet über einige Zacken hinweg, hinüber nach Italien, wo unter einem Pass noch etwas Weiß erkennbar ist. Meine große Schwester, immer behält sie die Orientierung. Sie kneift die Augen zusammen und fährt mit dem Finger in der Luft den Weg über Pässe, Wiesen und Geröllfelder nach, den wir gegangen sind, bevor wir über die Grenze nach Frankreich kamen.
Was hab ich gekeucht auf dem Weg, meine Schwester meist eine Serpentine über mir. Irgendwie kamen da Erinnerungen auf an eine kleine Tinka, die, dem Kraxen-Alter entwachsen, viele Wochenenden fluchend hinter ihrer Familie die Berge südlich von München hochstapfte. Damals hätten meine Eltern bestimmt nicht darauf gewettet, dass ihre beiden Töchter mal freiwillig beschließen würden, von Italien über die Alpen nach Frankreich zu wandern. Dass sie mit 35 und 31 Jahren für sich entdeckt haben, dass es nicht nur darum geht, irgendwo anzukommen, sondern jeden Schritt zu genießen - na ja, fast jeden.












