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So schön können Fototapeten-Klischees sein: das "White Sands Inn" auf Grassy Key
"Schon mal sliced ice probiert?" Ich schüttele den Kopf. "Komm, ich schenk dir eins, es sieht aus wie das Meer." Eine Maschine schreddert die Eiswürfel, der Eismann gießt zwei Farben Sirup darüber - Waldmeistergrün und Curacao-Blau - und reicht mir strahlend einen Plastikbecher voll mit Fake-Ozean. Wobei, so fake ist der gar nicht, das Meer hat tatsächlich etwa diese unwirkliche Schwimmbadfarbe, hier an Robbies Marina, einem der Orte, die sie auf den Inseln der Florida Keys "fun places" nennen. Es sind Orte, deren einzige Bestimmung es ist, Spaß zu machen - und an Robbies Marina besteht der Spaß darin, vom Steg aus Tarpune zu füttern, Fische mit riesigen Mäulern. Die Mutigen halten ihnen kleine Fische ganz nah über ihre Schlünder, und dann gibt es viel Gegacker und Gekreische, wenn einer hoch springt und zuschnappt.
Die Sonne rutscht Richtung Everglades Nationalpark und zeigt hier auf der "Bayside" der Keys ein Florida-Klischee, mit einem Rosa-Orange-Programm hinter Palmen. Fast schon ein bisschen dick aufgetragen, kein Romantik-Poster könnte das besser. Aber Poster können nicht plätschern wie das Wasser, nicht klirren wie die Bierflaschen der Jungs an der Bar, nicht rauschen wie der Highway, der sich neben der Marina im Himmelspink verliert. Ich zupfe an den Scampis auf meinem Teller, trinke einen Schluck Fake-Ozean, klopfe den Sand von meinen Flipflops, dann fahre ich weiter in den abendgoldenen südlichsten Süden der USA, auf meiner Tour über den Overseas Highway US 1, von Miami bis Key West und wieder zurück. "Enjoy the Keys", rufen mir die Jungs von der Marina nach - das sagen sie hier alle statt "Auf Wiedersehen".
Ich lasse mir Spaß und Genuss eigentlich nicht gern diktieren, aber hier müsste ich mich schon aktiv sträuben, um beidem zu entkommen. Am nächsten Morgen geht beim Sonnenaufgang über dem Atlantik das Farbspektakel von vorne los, dann gibt es dicke Buttermilch-Blaubeer-Pancakes zum Frühstück, bevor ich am "Dolphin Research Center" stoppe - und mein Herz verliere. Er heißt Jax, ist ein Delfin, hat eine gezackte Flosse von einem Haifischbiss und lebt, springt und lacht hier mit vielen anderen Delfinen. Als ich ihm die Arme entgegen halte, streckt er sich aus dem Wasser, und als sich unsere Nasen berühren, ist es um mich geschehen. Später laufe ich über die alte Seven-Mile-Bridge, wo unter mir nur Blau und über mir nur Blau ist, und treibe im Badewannenwasser vor der Insel Bahía Honda, mittendrin im Blau. Hier stranden, die Flipflops nie mehr ausziehen, immer im Warmen sein, von Fisch und Sonne und irgendeiner Idee leben wie so viele hier - warum nicht? Die Keys, das sind Inseln für Glücksritter, Menschen, die ihr Leben verändern wollen oder jetzt in der Krise sowieso vom Leben zurück auf Start gesetzt worden sind. Oder Menschen, die wie ich wegen der Sonne hierher kamen. Und blieben. Sie bieten Touren mit Fahrrad, Boot oder Schnorchel an, sie eröffnen Läden, Restaurants, Bars und immer neue Bed&Breakfast-Oasen. Entlang des Highways findet jeder Freak seinen Platz.
Ron Augustine, Wahrsager am Mallory Square, wo jeden Abend die Sunset Celebration stattfindet.
Ron Augustine hat ihn vor neun Jahren in Key West gefunden, er sitzt am Mallory Square, dem fun-place unter den fun-places. Rons Augen leuchten grün und die Kristallkugel in seinen Händen funkelt geheimnisvoll. Er ist noch nicht lange Wahrsager. Eigentlich macht er Schmuck, aber momentan seien Ausblicke in die Zukunft lukrativer, meint er. Eine Weisheit gibt er mir umsonst mit: Dieser Ort, mitten im Ozean rund 145 Kilometer nördlich von Kuba, sei ein Ort der Verjüngung, aufgeladen mit sehr viel Energie. Und woher die kommt, das weiß er auch, "mit der Strömung vom Bermuda-Dreieck". Ich drehe mich um zu all den Jongleuren, Flaneuren, Tänzern und denke: An der Sache mit der Energie ist was dran. Vielleicht kommt sie aber auch nur dadurch, dass so viele Freigeister sich hier auf wenig Platz drängeln.
Dennoch genug Platz für ruhige Nebenstraßen, versteckte Terrassen und kleine, entspannte Strände. Die Lauten bleiben hier unter sich und lassen den Leisen viel Raum. Als ich von den Glitzerbars der Duval Street zwischen hübschen alten Holzfassaden zu den Galerien der White Street laufe, fühle ich, wie der Ton um mich langsam ruhiger wird. Stundenlang schlendere und radle ich durch den entspannten Teil Key Wests, esse hier ein Eis und da ein Lobster-Sandwich, plaudere mit jedem, der plauderwillig ist, also eigentlich jedem, der mir über den Weg läuft, sauge dazwischen die Ruhe auf.
Schaulaufen rund um den Ocean Drive in Miami Beach
Energiebetankt fahre ich dann den Spaß-Highway wieder nach Norden, 250 Kilometer dann bin ich in Miami. Das Klischee: sonnenbebrillte Snobs, moderne Kunst, pastellfarbene Art-Deco-Fassaden und Körperkult auf kilometerlangem Sandstrand. Die Wirklichkeit: genau das, faszinierend genau das. Wenn ich früh morgens aus meinem Hotelzimmer in Miami Beach auf den Ocean Drive blicke, ist dort schon eine riesige Sixpack-Parade am skaten, joggen und Situps machen. Nachts ist eine aufpolierte Autoparade unterwegs und jeder, der kann, lässt die Türen wie Flügel ausklappen, die Felgen rotieren, die Anlage wummern.
Dort, an meinem Hotelfenster, wird mir klar, was das Besondere an all den Florida-Klischees ist: Sie werden einfach nicht langweilig. Florida hat mich um etwas erleichtert: meine Skepsis vor "fun places". Und Genuss kann mir jetzt gar nicht mehr zu dick aufgetragen sein.
Tinka Dippel











