Marrakesch: Urlaub intensiv

  • 10 Kommentare
  •  
  •  

Marrakesch - Moderne prallt auf Vormoderne

Einmal daliegen wie hingegossen: BRIGITTE-Mitarbeiterin Tina Uebel im Spa des Hotels "La Mamounia".

Einmal daliegen wie hingegossen: BRIGITTE-Mitarbeiterin Tina Uebel im Spa des Hotels "La Mamounia".

Selbst mich als Liebhaberin des Bizarren verschreckt derartige Gigantomanie zutiefst, ich nehme Zuflucht am anderen Ende der Skala, in einem Riad inmitten der Altstadt. Ehemals Großbürgerhäuser, abweisend nach außen, im Innenhof von einem verspielten Gärtchen beseelt, sind die Riads inzwischen Synonyme für kleine Boutique-Hotels, die in unüberschaubarer Anzahl in der Medina sprießen. Die meist ausländischen Besitzer überbieten sich mit Design-Ideen an der Schnittstelle zwischen Orient und Avantgarde.

Durch eine versteckte Holztür in einer Nebengasse betrete ich eine Parallelwelt von berückendem Charme, das Riad "Kaïss". Rosenblüten treiben im plätschernden Marmorbrunnen des Innenhofs. Unter Orangenbäumen strolcht eine Schildkröte einher, oft in Zwiesprache mit gebraucht aussehenden Katzen. Blumenduft. Hinreißende Fliesenmosaike, einladende 1001-Nacht-Ecken, wo ich ausgiebig lungern kann. So ich es denn übers Herz bringe, mein Zimmer zu verlassen, in dem ich mich wie Scheherazade persönlich fühle. Besonders, wenn ich mich zuvor im hauseigenen Hamam habe baden, schrubben und ölen lassen. Da ist er. Der Wie-soll-ich-zu-Hause-je-wiederglücklich- werden-Effekt.

Immer wieder staunen: Der botanische Garten Jardin Majorelle in der Neustadt gehörte einst Modedesigner Yves Saint Laurent

Immer wieder staunen: Der botanische Garten Jardin Majorelle in der Neustadt gehörte einst Modedesigner Yves Saint Laurent

Am stärksten erwischt er mich auf der Dachterrasse. Zwischen wuchernden Blumenkübeln frühstücke ich und lasse mich von der Morgensonne wärmen. Wird es kurz darauf zu heiß, wechsele ich rüber auf das Baldachinlager, von dem aus sich über die Dächer schauen lässt. Eine kühle Brise vom Atlas her bauscht die Bettvorhänge, und irgendwann rufen die Muezzins, während die sehnigen Katzen auf sonnenwarmen Mauern dösen.

Nachmittags streife ich durch die labyrinthischen Souks. Im Zentrum Touristenschrott nebst schönem Kunsthandwerk, an der Peripherie verliert sich die leicht kulissenhafte Anmutung, es reihen sich Gemüsehöker, Bäckereien, Kleinstkioske aneinander. Cafés voller Männer beim traditionellen Minztee, sie sitzen dort, als hätten sie nichts anderes getan, seit einst die Mauern der Medina errichtet wurden. Durch die Gässchen bratzen Mopedfahrer im Kamikazemodus, und stoische Esel ziehen klapprige Karren. Moderne prallt auf Vormoderne, manchmal wortwörtlich. Gewürzhändler haben wohlriechendes Zeugs zu appetitlichen Häufchen getürmt. Und in der Dämmerung findet man nach Gehör zurück zum Djemaa el Fna, wo es aus Leibeskräften singt, klampft, trommelt und schlangenbeschwört.

Seite:

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
  • Text: Tina Uebel; Fotos: Stefan Volk, Thomas Kierok/laif, Corbis Ein Artikel aus der BRIGITTE 22/11
BRIGITTE
im Abo