Marseille, das Meer und andere Träume

Buchten und Strände, die man nur per Fuß oder Schiff erreichen kann. Und Dörfer, die so ursprünglich sind, dass man sie in keinem Reiseführer findet.

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Das Viertel Cours Julien in Marseille; im Viertel Panier in Marseille gibt es jetzt immer mehr Bars und Galerien; Strandleben an der Plage de Sainte Croix

Das Viertel Cours Julien in Marseille; im Viertel Panier in Marseille gibt es jetzt immer mehr Bars und Galerien; Strandleben an der Plage de Sainte Croix

Der Mann holt aus, geht auf den Jungen zu, gleich fängt der sich eine Ohrfeige, denke ich, aber im letzten Moment weicht er aus. Jetzt versucht der Mann, ihm ein Bein zu stellen - wieder dreht sich der Junge geschickt weg. Trommelmusik, der Junge und der Mann tanzen, leichtfüßig, ein brasilianischer Tanz, die Zuschauer klatschen. Dann hören die Trommeln auf. Die Menge applaudiert.

Auch die Querstraßen des Cours Julien im Viertel La Plaine werden an diesem Wochenende von Einheimischen geflutet. Gemeinsam mit den Touristen strömen sie in die Bars, Boutiquen und Antiquitätenläden. Es ist Sonnabend, später Nachmittag, Party-Stimmung beim Straßenfest im Multikulti-Viertel. In der Rue des Trois Rois reihen sich die Spezialitätenrestaurants aneinander, griechisch, ukrainisch, libanesisch, kaum eine Küche fehlt. Einen Moment lang überlege ich, in welcher Stadt ich eigentlich bin - das passiert mir in Marseille immer wieder: ob ich durchs Araberviertel im Norden laufe oder die schnurgerade Hauptverkehrsader Canebière entlang, wo Menschen aus allen Kontinenten flanieren oder sich in Busse quetschen. Marseille nimmt die Welt in sich auf wie ein Schwamm.

Die größte Hafenstadt Frankreichs hat die Kurve gekriegt. Lange Zeit kämpfte sie, gegen Kriminalität, Korruption, Arbeitslosigkeit, Fremdenangst - gegen ihr schlechtes Ansehen. Zwar ist dieser Kampf noch nicht vorbei, aber das Image ist besser geworden. Eigentlich sogar richtig gut: Marseille ist die angesagteste Stadt des Landes.

Neue Promenaden wurden angelegt, Parks und Plätze umgestaltet, der Vieux Port aufgepeppt, Designer eröffneten im Einkaufsviertel um die Oper ihre Boutiquen. Die Immobilienpreise stiegen in einigen Vierteln rasant an - auch wegen der reichen Pariser, die sich hier eingekauft haben, um am Wochenende mit dem französischen Schnellzug TGV in drei Stunden von der Seine ans Mittelmeer zu kommen. Dann fahren sie an die Côte Bleue im Westen der Großstadt. Oder wandern zu den Calanques, in den Fels geschnittene Buchten, von denen einige nur zu Fuß oder mit dem Schiff zu erreichen sind. Dazu: Cassis oder Martigues. Und die vielen kleinen Dörfer, die in keinem Reiseführer erwähnt sind. Jedes mit eigenem Charme und nur einen Katzensprung von Marseille entfernt. Es ist anders als an der mondänen Côte d'Azur, stiller, unspektakulärer. Marseille, so lautet ein Sprichwort, wendet Frankreich den Rücken zu und blickt aufs Meer. Von dort kommen die Menschen seit 2600 Jahren: Griechen, Römer. Und viele mehr. Wenn ich Einheimische nach ihren Wurzeln frage, bekomme ich häufig komplizierte Antworten: "Mein Vater ist Italiener, meine Mutter Marokkanerin, mein Großvater Kurde, meine Großmutter ... Vous comprenez?"

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  • Text: Franziska Wolffheim Fotos: Astrid Prangel
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