Neuseeland - das Paradies?

Neuseeland. Einsame Strände, überwältigende Natur, große Freiheit - und die Frage: Ist unser Leben zu Hause noch richtig? Beatrix Gerstberger und ihr Sohn verbrachten drei Monate auf der anderen Seite der Welt.

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Es gibt ein Land, in dem saßen Jakob und ich in einem kleinen Holzhaus am oberen Zipfel seiner Südinsel und wussten plötzlich, dass da ein Ort auf dieser Welt ist, an dem nur die eigenen Sinne Geräusche machen. Das Land heißt Neuseeland, der Ort Golden Bay, und das Haus, so einsam wie das letzte Haus der Welt, heißt Punanga, das bedeutet in der Sprache der Maori "Heiligtum". Ich war mit Jakob in dieses Land gefahren, um zu prüfen, wie tief verwurzelt wir in den Dingen zu Hause sind. Ob es an der Zeit ist - Anfang vierzig und das Kind kurz vor der Einschulung -, dem Träumer im Kopf nachzugeben. Der immer öfter flüsterte, ob ich nicht doch weit weg von allem ein anderes Leben probieren wolle - auf der anderen Seite der Welt.

Ohne Lärm und Laute zu leben war anfangs schwierig. Manchmal flog ein Tui, ein schwarzer Vogel, vorbei und schrie. Das Herz raste dann, und nur noch eine schmale Wand war zwischen mir und einer eigentümlichen Angst. Trotzdem dachte ich bald: Ist dies nicht das Paradies? Der richtige Platz, um noch einmal wie gehäutet von Neuem zu beginnen?

Neben uns ein Nachbar, der nie da war, vor uns das Meer: jeden Tag anders, wild, sanft, grau, silbern oder glühend rot - und am Horizont die Bergzüge, und eine Sandbank, die sich je nach Gezeiten mal in den Vordergrund schob, mal verschwand. So sah es aus, das Paradies. Und der Strand, dieser unendlich weite Strand, der sich einem in den Kopf und ins Herz eingräbt. Fast immer menschenleer. Manchmal nach einer rauen Nacht übersät von Treibholz und Muscheln, manchmal wie unberührt, der Sand ein frisch gewaschenes Laken, glatt gezogen. Oft lief ich frühmorgens auf einen riesigen Grauen Heron zu, der ruhig stehen blieb und nur schaute. Jakob suchte nach Schneckenhäusern, die in der Nacht von den Sternen gefallen waren: Ihre Spitzen glänzten wie Silber. In der Ferne fuhr jeden Morgen um 7.20 Uhr ein altes Ehepaar auf seinem Strandmotorrad seine Runde, und Bill, der am anderen Ende der Bucht mit seinem Labrador lebte und Gedichte schrieb, ging schon wieder nach Hause. So war das Paradies.

Nichts beherrschte den Tag, vielleicht der Hunger, dem man alle paar Stunden nachgeben muss. Dann gingen wir manchmal an den Strand und sammelten die grünen Peppiemuscheln, die bei Ebbe ihre weichen Algenfinger aus dem Schlamm stießen. Abends schliefen wir bei Sonnenuntergang ein, weil wir Teil des Tages geworden waren. Aber im Paradies geht es um Einfachheit und Gleichmaß, und das muss man erst einmal aushalten.

Jakob dachte nicht darüber nach, es wurde einfach Teil von ihm, aber es dauerte Wochen, bis meine innere Unruhe, die die Zeit einteilt, ihr ein Korsett geben will, damit sie vergeht, bis diese Unruhe nachließ. Und die Unruhe akzeptierte lange nicht, dass man doch auch gerade deswegen hierher kam: weil einfach nichts passiert. Niemand rief an, weil wir niemand kannten. Es gab keine anderen Kinder zum Spielen, denn die gingen noch zur Schule und wohnten weit verstreut in den Hügeln. Es gab nur uns, völlig aufeinander bezogen und gleichzeitig in absoluter Freiheit. "Leben alle Kinder in Neuseeland so?", fragte Jakob. Wir beschlossen, das herauszufinden. Und besuchten Sika, den ich auf dem Wochenmarkt in Nelson kennen gelernt hatte, und seine Familie.

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  • Text: Beatrix Gertstberger
    Fotos: Jörg Gläscher