Runter von der Matte, rauf aufs Brett
Es geht also ums Loslassen. Wie beim Yoga. »In Brasilien ist Surfen übrigens schon lange eng mit Yoga verbunden«, erzählt Rafa. »Das machen dort alle, vor allem die Profis.« Denn es stärkt nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf. »Wenn du in den großen Wellen surfst, musst du selbst in Momenten großer Anspannung locker und konzentriert bleiben«, sagt Rafa. Rafa surft, seit er Kind ist. Ständig sei er mit seinen Freunden Surfen gewesen, damals in Brasilien. In der Teen- agerzeit, vor der Schule, morgens um halb fünf, zogen sie durchs Dorf und klopften an die Fensterscheiben der Kumpel, bis alle beisammen waren. Die Bretter unterm Arm, die Freiheit im Blut, ging's zum Strand. Das Studium der Meeresbiologie hat Rafa vor Jahren nach Portugal verschlagen. Und heute wünscht er sich manchmal, dass Surfen wieder out ist. »Der Ruf hat sich verändert. Surfen ist heute sehr angesagt und die Strände sind voll von Leuten, die Markenklamotten tragen«, sagt er. »Doch leider surfen viele aus den falschen Gründen. Um gesehen zu werden. Und nicht für sich selbst.«
Ich staune. Surfen ist spiritueller, als ich dachte. Ich spüre das in den nächsten Tagen. Irgendwann wird man im Wasser ganz ruhig. Aufregung wird zu Freude. Angst zu tiefem Respekt. Und zu einer - auch, wenn's kitschig klingt: größeren Liebe zum Meer.
Und dann, in einem selbstvergessenen Moment. Wenn man in den Wellen spielt wie ein Kind. Wenn man aufhört nachzudenken, wenn die Bewegungen wie von selbst ablaufen, wenn man vertraut, statt kontrolliert. Dann, plötzlich: Steht man! Auf dem Brett. Schwebt und fliegt. Mit der Welle. Und ist darüber so erstaunt, dass man schreit und sofort ins Wasser fällt.
Doch das macht nichts. Man hat getanzt, für eine Sekunde, zwei, vielleicht drei. Plötzlich weiß man, wofür man das hier tut. Und man wird es wieder tun. Sich in die Wellen stürzen. Berauscht. Lechzend nach mehr. Bis man so kraftlos ist, dass man zum Strand taumelt und liegen bleibt wie gestrandet. Kichert, als sei man bekifft.
Denn, bei allem Respekt fürs Yoga - eines hat nicht funktioniert: Meinen gierigen Geist hat es nicht besiegt. Mich nicht befreit von Besessenheit. Ich habe nichts mehr im Kopf - außer Wellen. Ich will mehr, immer mehr. Mehr vom Meer.











