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Nizza - diese Stadt ist perfekt. Das ist jedenfalls der erste Eindruck. Wie jeder Besucher, der die Sache gründlich angehen will, fahre ich gleich nach der Ankunft hoch auf den Schlosshügel. Hinter mir schließt sich die Tür des altmodischen Aufzugs, ich trete auf die Aussichts-Terrasse und bin einen Moment fast erschrocken: Welch ein Panorama! Da ist das Meer, dem die "blaue Küste" ihren Namen verdankt und das am Horizont mit dem wolkenlosen Himmel verschmilzt. Da ist die berühmte Uferpromenade mit der rosafarbenen Kuppel des Negresco, eines der letzten Grandhotels der Riviera. Und da ist vor allem jenes klare und zugleich sanfte Licht, "La lumière de Nice", das die Fassaden der Neustadt perlweiß und apricot schimmern lässt und so wunderbar zum Ruf der Stadt passt, ein Ort des heiteren Nichtstuns zu sein.
Geld und Glamour
Im 18. und 19. Jahrhundert galt Nizza als heimliche Winterhauptstadt Europas. Wetterflüchtige englische Lords kurierten hier von Oktober bis April ihre Bronchitis aus; russische Fürsten veranstalteten glanzvolle Bälle und verspielten ihr Geld im Casino. Daneben gab und gibt es aber immer auch das andere Nizza: das der kleinen Leute, die Altstadt. Da unten liegt sie, ein wenig verdeckt von den schirmförmigen Kronen der Pinien, ein Gewirr von verwinkelten Gassen, ziegelroten Dächern, barocken Kirchtürmen und unscheinbaren Hinterhöfen, in denen Wäsche von Balkonen flattert und wo nach wie vor richtig mit den Händen gearbeitet wird.
Nizza kulinarisch
Nizza ist atemberaubend schön, aber zum Glück an jeder Ecke der Stadt auf eine ganz eigene, unverwechselbare Weise. Anders als dieser durchgestylte Karneval, bei dem die Zuschauer - eingeschüchtert von so viel Perfektion - meistens regungslos auf ihren nummerierten Plätzen verharren. Die Stadt ist lebendig und vielfältig, alle Stile und Lebensformen sind hier erlaubt, jeder Beitrag ist willkommen. Da ist zum Beispiel die Socca-Verkäuferin auf dem berühmten Blumenmarkt."Wer ist der Nächste?", ruft Thérésa mit ihrem singenden Akzent. Morgens um zehn, zur Zeit der Frühstückspause, drängeln sich die Leute vor ihrem Stand. Jeder will ein Stück Socca ergattern, das für Nizza typische Fladenbrot aus Kichererbsenmehl, Olivenöl, Salz und Wasser.
Ein paar Schritte weiter die nächste Nizzaer Institution, wesentlich distinguierter: die Confiserie Auer. Ihre Geschichte beginnt in einem kleinen Dorf im Engadin, wo ein Schweizer Zuckerbäckermeister vor 180 Jahren auf die Idee kam, im Nachbarland Frankreich sein Glück zu versuchen. Nach einigen Umwegen landete er in Nizza, und nun steht sein Ur-Urenkel hinter der reich verzierten Fassade des ehrwürdigen Ladenlokals und bereitet die kandierten Früchte auf dieselbe mühsame, aber einzig wahre Art zu, wie das in diesem Hause seit fünf Generationen üblich ist.
In den engen Gassen rund um die Kathedrale Sainte-Réparate werden in unzähligen Krämerläden Oliven, duftende Kräuter und Gewürze, klebrige kleine Kuchen, frische Pasta und Gnocchi mit den unterschiedlichsten Füllungen feilgeboten - kulinarische Grüße aus Italien, bis zur Grenze sind es gerade mal 30 Kilometer. Vor den Gemüseläden türmen sich frische Erdbeeren und Spargel. Der Eissalon auf der Place Rossetti hat 90 Sorten im Angebot. "Basilikum mit Tomate" scheidet aus - zu gewagt! Ich entscheide mich für "Jasmin" und "Bergamotte", ein kalkulierbares Risiko, setze mich mit meiner Waffel an einen Brunnen und blinzle in die Sonne.
Wo sich die Einheimischen treffen
Auf der Terrasse der Brasserie des Ponchettes versammelt sich nachmittags tout Nice - zumindest im Winter, wenn die Sonne noch als Wohltat empfunden wird und die Einheimischen gegenüber den Touristen in der Überzahl sind. Studenten treffen sich nach der Vorlesung auf ein Bier; alte Damen verspeisen winzige Zitronentörtchen; Rentner studieren den "Nice Matin", eine Zeitung, die grundsätzlich nur mit Lokalnachrichten aufmacht.
Auf der Beletage Nizzas, dem Hügel Les Baumettes, liegt das Musée des Beaux-Arts, das Kunstmuseum. Es ist im ehemaligen Wohnhaus der ukrainischen Prinzessin Kotschoubey untergebracht, die es im Jahre 1878 im Stil eines italienischen Renaissance-Palastes bauen ließ. Statt besonders kostbarer enthält es vor allem die für Nizza typischen Kunstwerke. Zum Beispiel auch die Entwürfe, die in den vergangenen hundert Jahren für den Karneval gemacht worden sind.











