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Der König ist tot, es lebe der König
Der Karneval ist ein wochenlanges Spektakel mit vielen Gesichtern
Apropos Karneval: Auf der Promenade des Anglais herrscht reger Betrieb. Die ehemalige Prachtstraße, einst von betuchten Engländern angelegt, ist heute eine der Hauptverkehrsachsen der Stadt. Autos und Reisebusse rasen auf acht Spuren an den in Würde gealterten Hotelpalästen vorbei. An der Uferpromenade absolvieren Jogger und Inline-Skater ihr Pensum. Und noch preisen Händler Narrenkappen, Konfetti und Spraydosen an, die einen scheußlich klebrigen Schaum enthalten.
Patrick Garneron hat den besten Job überhaupt: Er ist Herunterheber von schönen Frauen. Normalerweise arbeitet er in einer Schreibstube im Bürgermeisteramt. Aber einmal im Jahr, am Ende der großen Karnevals-Umzüge, bevor die Prunkwagen in die Depots zurückkehren, kommen seine Muskeln zum Einsatz. Während Patrick sein T-Shirt hochkrempelt, nähert eine weitere Traumgestalt: eine Meerjungfrau in eng anliegendem Schuppenkleid aus Strass und Pailletten. Auf dem Kopf trägt sie eine Kaurimuschel, die nackten Arme sind von langen weißen Handschuhen bedeckt. Patrick rafft die silbern glänzende Schleppe, schlingt den Arm um die Taille des zarten Geschöpfes und holt es vorsichtig in die Niederungen des Alltags zurück.
Patricks Job passt zum Karneval von Nizza. Hier bleibt nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Nicht, wie die jungen Damen von den geschmückten Wagen herunterkommen. Und schon gar nicht, wie sie heraufkommen: Nur die hübschesten Mädchen der Côte d'Azur dürfen oben auf den Festwagen stehen, lächeln und Nelken, Mimosen und Gerbera in die Menge werfen. Morgen werden sie verschwunden sein, genauso wie das Riesenrad, das auf der Place Masséna seine Runden dreht. Denn heute abend wird seine Majestät König Karneval verbrannt.
Vier Wochen organisierter Frohsinn
Bei Einbruch der Dunkelheit strömen die Menschen am Strand zusammen. Knallfrösche explodieren, Raketen fliegen. Eine Stimmung freudiger Erwartung breitet sich aus, als sehne die Stadt sich danach, nach vier Wochen organisierten Frohsinns endlich zu sich selbst zurückzukehren. Zum letzten Mal rollen die großen Köpfe aus Pappmaché die Avenue Jean-Médecin herunter, drehen die Folkloregruppen aus aller Welt eine Ehrenrunde um die Place Masséna. Und dann tritt die Strohpuppe, die den König darstellt, ihren letzten Gang an. In einer mittelalterlichen Prozession wird sie von weiß gekleideten Henkern zum Scheiterhaufen geführt. Schon zündeln die Flammen am Saum, der gigantische Kopf grüßt noch ein letztes Mal, dann geht ein begeisterter Aufschrei durch die Menge: "Er brennt!" Die lodernde Figur wird ins Wasser gezogen, ein Schiff schleppt sie aufs Meer hinaus. Ein schönes Fest geht mit einem grandiosen Feuerwerk zu Ende. Aber niemand ist traurig - im Gegenteil! Denn eigentlich hat Nizza diesen Karneval gar nicht nötig. Das eigentliche Fest ist die Stadt selbst.















