Korsika - eine Insel für alle

Ein Mann, eine Frau, ein Teenager und drei völlig verschiedene Vorstellungen vom perfekten Urlaub. BRIGITTE-Mitarbeiter Stephan Bartels verbrachte mit seiner Familie eine Woche auf Korsika und testete, ob hier jeder glücklich werden kann.

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Ich sage es nicht gern, aber nach ungefähr zwei Stunden finde ich Korsika ziemlich zum Kotzen. Wir sind in Bastia im Nordosten gelandet, haben unseren Mietwagen abgeholt, uns an der nächsten Tankstelle einen Cappuccino aus dem Automaten gezogen. Und dann den Aufstieg gewagt, auf der N 193, der Hauptader der Insel, die auf die andere Seite des Hochgebirges führt, das Korsika von Nord nach Süd durchzieht. Unser Ferienhaus liegt in der Nähe von Ajaccio an der Westküste, gute 130 Kilometer vom Flughafen entfernt, exklusive mehrerer Höhenkilometer, die durch ständiges Rauf und Runter dazukommen. Wir fahren durch enge Täler voller würziger Wiesen, gefühlte 25 000 Serpentinen durch eine atemberaubende Landschaft, eine Kurve nach der anderen, durch Wälder und Dörfer - eine Straße mit Bilderbuch-Panoramen an jeder Ecke.

Frühstück auf der Traum-Terrasse

Frühstück auf der Traum-Terrasse

Das spektakuläre Porto bei Nacht

Das spektakuläre Porto bei Nacht

"Unglaublich. Wie schön ist das denn hier bitte?", fragt Andrea mit offenem Mund und großen Augen. "Wohl mal so richtig schön, Mutter", sagt Tom emotionslos vom Rücksitz, man weiß nie so genau, ob Ironie im Spiel ist. Tom ist 14, da sind Zweifel angebracht. Ich sage nichts, atme dafür schwer, fahre rechts ran und lasse meine Frau ans Steuer. Der Kaffee von der Tanke rumort in meinem Magen, mutmaßlich befindet er sich im Dialog mit dem Sandwich aus dem Flieger. Mein Gesicht wirkt im Schminkspiegel grünlich. Diese Fahrt hier hat Züge von Achterbahn und passt nicht zu meiner körperlichen Verfassung. Ein halbes dutzend Serpentinen später schreie ich "Anhalten!", reiße die Tür auf und übergebe mich auf den Grünstreifen.

Zugegeben: Das ist nicht die Art von Begrüßung, die Korsika verdient. "Île de Beauté" wird es genannt - Insel der Schönheit. Und jetzt, wo die Sache mit meinem Magen geklärt ist, kann ich mich auch auf die spektakuläre Umgebung konzentrieren. Zum Beispiel auf den Golf von Sagone, den wir eine halbe Stunde später erreichen. Hier, irgendwo auf einem steilen Hügel bei einem Dorf namens Calcatoggio, liegt die Villa Machietta, ein wunderschönes Ferienhaus mit allen Schikanen: Traumpanorama, Whirlpool, Bad mit Meerblick. Unser Domizil für die nächsten sieben Tage.

Familiärer Richtungsstreit in Ajaccio

Familiärer Richtungsstreit in Ajaccio

Wenn eine Familie in den Urlaub fährt, dann führt sie das Streitpotenzial quasi im Handgepäck mit sich. Ein Mann, eine Frau, ein Teenager - das ist eine explosive Mischung, drei Menschen mit drei völlig unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie das Leben aussehen sollte, vom Urlaub ganz zu schweigen. Wir sitzen auf der Terrasse an unserem ersten Abend, langsam versinkt die Sonne tief unter uns im Meer. Der Berg hinter uns riecht nach Thymian und Salbei. Andrea sagt: "Ich brauche Kultur. Ich möchte Kirchen besichtigen und in Cafés herumlungern und Leute beobachten." Tom verzieht den Mund. "Ich dagegen", sage ich, "möchte mich bewegen. Wandern oder Mountainbiken, das wäre super. Und richtig lange Ausflüge, um die Insel gründlich zu erkunden." Tom brummt laut. Andrea sieht ihn an. "Und du?" Tom zuckt mit den Schultern. "Nicht wandern und keine Kirchen. Auf jeden Fall will ich hier viel chillen." Ich stutze. "Was?" "Na, ausruhen", sagt Tom, "und da rein." Er deutet auf den Whirlpool im Garten. Das kann ja was werden.

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  • Text: Stephan Bartels
    Fotos: Christian Schmid
    BRIGITTE Heft 9/08
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