Pyrenäen: Wandern mit Hund

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Kurze Pause für alle: auf den Steinen eines Berghangs

Kurze Pause für alle: auf den Steinen eines Berghangs

"Einfach ableinen", sagt er zu den Menschen. "Alles Weitere können die allein." Als die Karabiner klicken, laufen wir eine Weile hektisch durcheinander. Die Mehrheit entscheidet sich für friedliche Koexistenz und Balance of Power. Terrier Erik, der es nicht lassen kann, den zehnmal größeren Wolfshund Chester anzupöbeln, wird von Michael kompromisslos zur Schnecke gemacht: "Heb dir deine Kräfte lieber fürs Klettern auf!" Ein Blick nach oben zeigt, was er meint. Um uns herum erheben sich Bergwände zu schwindelerregender Höhe. Das Wasser hat Türme, Zinnen, bizarre Höhlen und Galerien aus dem weichen Kalkstein gewaschen - die Silhouette einer steinernen Märchenstadt. Im schmalen Streifen Himmel zwischen den Rändern der Schlucht kreisen Geier. "Haltet den Dackel fest!", ruft mein Frauchen. "Von oben sieht er bestimmt nach Kaninchen aus!" Erstaunt sehe ich zu ihr hinüber. So klingt sie nur, wenn sie seit dem Aufstehen kein einziges Mal an ihre Arbeit gedacht hat. Was selten vorkommt. Überhaupt ist der Canyon von einem ganzen Konzert aus fröhlichen Stimmen erfüllt.

"Wer zuletzt lacht", knurrt Dr. Lisa. "Wollen doch erst mal sehen, wie die Krone der Schöpfung die Ziegenpfade hinaufkommt!" An einer Quelle werden Mägen und Flaschen noch einmal betankt, dann zieht die Karawane den Berg hinauf. Ich laufe vor und zurück, die Nase im würzigen Wind. Niemand ruft mich, niemand pfeift. Hitze, gerölliger Boden und die Schönheit der Landschaft lenken die Menschen von Hunde-Angelegenheiten ab. Wenig später ist es für sie sogar mit dem Privileg der Zweibeinigkeit vorbei. Mein Frauchen nimmt die Arme zur Hilfe, kriecht über Felsblöcke, zwischen denen in feuchteren Jahreszeiten das Wasser gurgelt, greift nach den Stämmen kleiner Nadelbäume und bekommt kaum eine Hand frei, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Wir Hunde klettern und springen, als hätten wir Saugnäpfe unter den Pfoten. Manch einer nutzt die Gelegenheit, seinem krabbelnden Besitzer herzhaft das Gesicht zu lecken. Andere üben sich im Extremsport der Bergziegenjagd. Selbst Dr. Lisa nimmt auf ihren kurzen Beinen tapfer Stein um Stein. "Manchmal fragt man sich", meint sie mit Seitenblick auf einen stolpernden Homo sapiens, "wer oder was die zum Chef gemacht hat."

Völlig geschafft: Dr. Lisa

Völlig geschafft: Dr. Lisa

Es war die Fähigkeit, belegte Brote und Trinkflaschen mit sich zu führen. Ein Teil des Wassers, das in eindrucksvollem Grün am Grund der Schlucht leuchtet, hätte ruhig hier oben auf dem Hochplateau bleiben können. Die Sonne steht senkrecht. Ein Hecheln aus 21 trockenen Kehlen bildet den Soundtrack zur Wanderung. Dafür ist die Aussicht phänomenal: Zum ersten Mal im Leben kann ich einem kreisenden Raubvogel auf den Rücken sehen. Am Horizont liegen grün gefleckte Berge wie schlafende Drachen im Lichtnebel. So weit das Auge reicht, keine Spuren von menschlichem Wirken und Werken. Die Steine, die sich hier überall zu grotesken Gebilden stapeln, wurden von prähistorischen Ozeanen aufeinander getürmt.

Neben mir schaut mein Frauchen ins Tal und breitet die Arme so weit aus, als wollte sie einen Berg umarmen. Ohne den ewigen militärgrünen Rock und die bunten Socken würde ich sie kaum wiedererkennen. Die Frau, mit der ich seit vier Jahren Bettvorleger und Schüssel teile, redet nicht gern mit fremden Artgenossen. Auf unseren Spaziergängen im Stadtpark hält sie den Kopf gesenkt und betrachtet den Boden vor ihren Füßen, als ob sie etwas suchen würde, das sie vor langer Zeit verloren hat. Scheint so, als hätte sie es hier gefunden. Sie geht aufrecht, solange sie nicht krabbeln muss, lässt die Blicke schweifen und quasselt ohne Pause mit den anderen Reiseteilnehmern. Ich kann mir denken, woran das liegt. Seit fünf Stunden sind wir im Freien unterwegs, ohne von schlecht gelaunten Passanten beschimpft zu werden. Keine Kellnerin musste becirct, kein Taxifahrer angebettelt und keine panische Mutter beruhigt werden, um die Anwesenheit einer gelben Hündin auf Gottes Erdboden zu legitimieren. Es gibt jemanden, der die Existenz von Mensch und Hund nicht in Frage stellt: die Natur. Eine entspannt herabhängende Hand krault meine Ohren. "Siehst du, Olga", sagt mein Frauchen, mit der anderen auf den Horizont deutend, "so sieht es aus, wenn die Käfigstäbe mal ein bisschen weiter stehen."

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  • Text: Juli Zeh
    Fotos: Monika Höfler
    BRIGITTE Heft 11/2006
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