Pyrenäen: Wandern mit Hund

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In den Fluten des Rio Alcanadre: vier Hunde und ihre Begleiter. Nur Olga steht schon im Trockenen und wartet

Wir durchqueren die Hochebene mit Kurs auf Onin. Überall liegen die Trümmer verlassener Dörfer und erinnern daran, dass man sich auch vom Anblick der schönsten Landschaft nicht ernähren kann. Der Ort, in dem wir etwas trinken wollten, erweist sich als Ruinenfeld. Die Abzweigung zum Campingplatz hat die letzte Schneeschmelze davongetragen. Die nächste wird von einer Herde Kühe versperrt. Und die dritte führt nicht in die geplante Richtung.

Jetzt verteilen die Menschen gute Ratschläge statt Sonnencreme. Terrier Erik sucht Streit. Dr. Lisa hat das Philosophieren eingestellt. Die kleine Känga muss wegen ihrer wunden Pfoten getragen werden. Ringsum beginnen die Felswände das Licht einzusaugen. Die Dämmerung bringt Schweigen mit sich, monumental wie ein stummes Echo aus jenen Zeiten, als das erste Erdenwesen noch nicht geboren war. Ab und zu hallt ein lautes Scheppern von den benachbarten Hängen herüber, wenn Geröllscherben unter den Hufen einer Bergziege ins Tal stürzen. Zugegebenermaßen gibt es Momente, in denen man für ein Anzeichen menschlichen Wirkens und Werkens ganz dankbar wäre.

Wir schleichen mit gesenkten Köpfen voran, bis eine köstliche Witterung die Nasenflügel vibrieren lässt. Ich habe noch nicht verstanden, worum es sich handelt, da tragen mich meine Beine schon in rasendem Galopp um die Kurve. Das ganze Rudel ist nicht mehr zu halten, als große Staubwolke rutschen wir das letzte Stück des Abhangs hinunter. Kurz darauf sind wir ein einziges Plantschen, Spritzen und Schlabbern. Kühlschrankkaltes, frisches Wasser. Ziemlich viel sogar. Kaum haben wir uns satt getrunken, stehen die Menschen schon bis zur Brust im Fluss. Sie tragen ihre Schuhe und Fotoapparate über den Köpfen, rufen, deuten alle in eine Richtung und waten auf eine Felsnase zu. Erbärmliches Geheul zerreißt die Abendstille: Ein paar vierbeinige Nichtschwimmer haben es mit Nachlaufen versucht und kleben hilflos an den senkrechten Wänden des Canyons.

"Weitergehen!", befiehlt Michael. "Nicht umschauen!" Tatsächlich lässt sich ein Nachzügler nach dem anderen ins Wasser fallen, taucht prustend wieder auf und setzt den vierbeinigen Tretbootmotor in Gang. Ich sitze schon am anderen Ufer und sehe nachdenklich zu, wie die erschöpfte Dr. Lisa am Schlawittchen die letzten Meter durchs Wasser gezogen wird. Beim Entenjagen im Park habe ich eigentlich nie an Überlebenstraining gedacht.

In Gesellschaft: Die Hunde genießen miteinander ihre Freiheit

In Gesellschaft: Die Hunde genießen miteinander ihre Freiheit

Mein pitschnasses Frauchen kämpft sich aus dem Fluss und sinkt neben mir auf die warmen Steine. Ein kräftiges Schütteln verpasst ihr gleich noch eine Dusche. Zur Strafe zieht sie mich an den Ohren. "He, Olga", sagt sie. "Ich bin nass, halb verhungert und todmüde. Weißt du, was ich denke?" Ich weiß es: Man müsste Freiheit in Flaschen füllen und mit nach Hause nehmen können. Wir schauen uns in die Augen. Wenn ich lächeln könnte, würde ich es jetzt tun.

Im Dunkeln wirken die Holzbungalows des Campingplatzes wie zu groß geratene Hundehütten. Vor jeder Tür schlafen vierbeinige Schatten, denen die paar Schritte zum Restaurant als unüberwindbare Etappe erschienen sind. Die Menschen sitzen vollzählig an einem langen Tisch und verteidigen Papiertischtuch und Servietten gegen den kalten Wind. Laut Michaels Speisekarten-Übersetzung gibt es "Kuh, Huhn, Schaf oder Fisch". Ab und zu fällt ein Pommes frites vom Tisch und landet wie zufällig vor meiner Nase. Nett gemeint, aber ich bin zu faul, um die Schnauze zu öffnen. Dr. Lisa bekommt in Abwesenheit den Duracell-Orden verliehen. "Für eisernes Durchhalten auf Stummelbeinen!", höre ich mein Frauchen rufen.

Im Halbschlaf lausche ich der Planung für die nächsten Tage. Ich sehe die Menschen vor mir, wie sie in den Sätteln von Westernpferden durch die karge Sierra schaukeln. Ich sehe sie als Froschmänner verkleidet durch enge Höhlen tauchen, von haushohen Felsen springen oder einfach im grünen Wasser auf dem Rücken treiben. Ich sehe endlose Wanderwege, wunde Füße und blauen Himmel, vor dem die Geier kreisen. So muss das Paradies aussehen: eine Hundepension, in die man seinen Menschen mitnehmen kann.

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  • Text: Juli Zeh
    Fotos: Monika Höfler
    BRIGITTE Heft 11/2006
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