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Der Mönch Wangyal betet auf dem khardong-Pass in etwa 5600 Meter Höhe
Einen Nachmittag lang sitze ich am Fenster des Klosters. Auf der Holzbank am Eingang trocknet das Geschirr in der Sonne. Zwei Bäuerinnen kommen den Weg herauf, sie tragen Wollmäntel und um den Hals dicke Ketten aus Türkisen, sie bringen frischen Kohl für die Küche. Sie heben die rechte Hand an die Stirn, die Handkante nach außen, und rufen "Julee!", das ist der Gruß im Ladakh, er klingt wie ein Jubel.
Wenn ich den Kopf schief lege und nach oben schaue, sehe ich hinter jeder Bergkuppe eine noch höhere, die höchsten haben noch Schnee. Als die Sonne darauffällt, sehen sie aus wie aus dem Himmel gestanzt. Ein Duft zieht herein, süßlich, ein paar alte Männer klopfen auf dem Platz neben dem Kloster getrocknete Tannennadeln zu Pulver und füllen es in eine Kiste mit kleinen Buddha-Figuren aus Lehm, die sie dem Kloster schenken wollen.
Ich schließe die Augen. Ich höre die Stimmen der Mönche oben im Andachtzimmer, ihren tiefen, monotonen Gesang. Ich höre das Rauschen des Schmelzwassers, das aus den Bergen in schmalen Trassen zu den Feldern fließt. Es rauscht wie ein wilder Fluss, dabei ist das Wasser nur knöcheltief. Ich denke: Ich habe es gefunden. Was Sehnsucht war, ist wirklich. Und wie einfach es ist, hier zu sein. In einem Kloster im Ladakh, in diesem Land, in das ich immer wollte. Ich weiß nicht, warum, es war mein halbes Leben so, ich hatte Herzklopfen, wenn ich davon hörte oder daran dachte.
Das Kloster Thagchockling
Aber nun ist die Suche zu einem Ende gekommen, und das Ende ist ein Nachmittag am Fenster und ist doch wieder ein Anfang. Ich drehe die Schale mit Pfefferminztee in meiner Hand. Der Tee schwappt lautlos an die Ränder. Es ist ganz still. Wenn mich Sehnsucht hierher brachte, was bringt mich je wieder fort?
Ladakh heißt "Land der hohen Pässe". Es liegt am nordwestlichen Rand des Himalaya, 4000 Meter hoch. Die Region ist nahezu unbewohnbar, nicht mal ein Prozent der Fläche ist besiedelt. Die Sommer sind kurz, die Ladakhis ernten dann, was für den Winter reichen muss, Gemüse, Gerste und Weizen, die sie rösten und stampfen und in ihre Eintöpfe rühren. Im Winter, wenn alle Wege verschneit sind und die Menschen in den Dörfern ihre Häuser nichtverlassen können, fällt das Land in die weltvergessene Ruhe zurück, in der es jahrhundertelang lag, als es ein buddhistisches Königreich war - Maryul, "Rotland", genannt, wegen der roten Roben der Mönche. Der Buddhismus kam im 8. Jahrhundert ins Ladakh, noch heute ist er die Hauptreligion der 160 000 Ladakhis, und ihre Klosterkultur ist noch intakt. Die Klöster sind in die Berge halten sie und bringen sie hervor, Berge und Buddhismus sind Stein und Geist, der Geist füllt den Stein, der Stein hält den Geist, sie durchdringen sich gegenseitig.
Im Kloster Thagchokling legt der Mönch Wangyal seine Stirn in Falten, wie er es immer tut, wenn er versucht, die Grundprinzipien des tibetischen Buddhismus zu erklären. Er rückt die randlose Brille zurecht, wirft den roten Kaschmirschal über die Schulter, hunderte Mal am Tag tut er das. "Look, your cup", sagt er, "deine Tasse mit Tee. Du glaubst, was du siehst, für dich ist sie eine Tasse. Für mich aber ist sie nur ein Symptom, nur eine Ansammlung von Molekülen. Wohin geht sie, wenn sie zerbricht? Was ist sie dann? Die Schale ist nichts. Sie existiert nicht aus sich selbst heraus. Nichts ist absolut. Wir nennen es die Leerheit." Drei Tage leben wir schon im Kloster. Eine Woche im Ladakh.
Als wir ankamen, morgens um sechs mit dem Flugzeug aus Delhi, war es kalt, die Luft klar und so dünn, dass wir vorsichtig atmeten, weil wir nicht sicher waren, ob der Sauerstoff reichen würde. Wir schliefen ein paar Stunden in einem sehr kalten Hotelzimmer, dann hatte sich der Körper gewöhnt. Wir gingen los, durch die Straßen von Leh, der Hauptstadt mit 15 000 Menschen, 3500 Meter hoch. Modern auf eine Art, der man anmerkt, dass sie eben noch ein Dorf war. Es gab Restaurants und Internet- Cafés, die jungen Ladakhis hatten Gel im schwarzen Haar, ein paar Mädchen trugen enge Shirts und Jeans. Auf einem Parkplatz spielten junge Mönche Kricket, der kleinste von ihnen verlor beim Laufen seine Schuhe, sie waren zu groß und nicht geschnürt. Wir gingen durch die Straßen, Kühe liefen umher, stahlen sich ihr Futter bei den Marktfrauen, die auf dem Bürgersteig saßen und ihr Gemüse anboten, Spinat, Kohlrabi. Die Frauen drehten ihre Gebetstrommeln und lachten über den Diebstahl. In den Läden gab es Silberschmuck, Handschuhe, Schals, in jedem hing ein Bild des Dalai Lama.
Tibet ist von jeher das geistige Zentrum des Ladakh, in den tibetischen Klöstern wurden die spirituellen Führer, die Lamas, ausgebildet, bis vor einem halben Jahrhundert die Chinesen das Land besetzten. Heute schirmen 60 000 indische Soldaten die Grenzen ab, die teilweise entlang den bis zu 6000 Meter hohen Pässen verlaufen; die geopolitische Lage des Ladakh zwischen dem muslimischen Teil Kaschmirs, Pakistan, Tibet und China ist brisant. Die ladakhischen Mönche studieren heute in den großen tibetischen Zentren Indiens.











