Ladakh: Der friedlichste Ort der Welt

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Mönch Wangyal im Speiseraum von Thagchokling

Mönch Wangyal im Speiseraum von Thagchokling

An der Tür füllt Sonam Sangmo Asche aus ihrem Herd auf ein Stück Papier, faltet es fest zusammen und gibt es uns.

"Liebe und Mitgefühl", sagt Wangyal.

"Das Mitgefühl ist der Wunsch der Buddhisten, andere Menschen aus dem Kreislauf des Daseins zu befreien."

Jedes Kloster im Ladakh feiert sein Maskenfest. Das Fest in Hemis ist eines der prächtigsten. Es dauert mehrere Tage. Hemis mit seinen fast 500 Mönchen ist das reichste Kloster im Ladakh, es besitzt fast ein Viertel der Ackerflächen im Land.

Die Mönche und Angestellten in Thagchokling packen ihre Sachen, Wangyal verstaut alles, was er hat, in einer einzigen weißen Umhängetasche aus Leinen, der Koch packt die Zelte ein, wir die Schlafsäcke. Dann fahren wir nach Hemis.

Weiße Landrover-Taxis schieben sich in langer Schlange den Berg hinauf. Es ist früh am Morgen, Händler bauen ihre Stände auf, es gibt Schmuck, Tee und Suppe. Mönche verkaufen am Eingang die Eintrittskarten, die besten Plätze auf der Galerie, die, von denen aus man den Innenhof des Klosters gut einsehen kann, sind hochrangigen Militärs vorbehalten.

Im Inneren des Klosters sitzen die Mönche an niedrigen Bänken über ihre Schriften gebeugt, es ist dunkel, ihre roten Roben fangen das wenige Licht. Sie beten, ihre Hände drehen sich dazu und streichen durch die Luft, sie formen die Mudras, sie wecken den erleuchteten Geist. Hemis feiert den Yogi und Lehrer Padmasambhava, Begründer des Buddhismus im Ladakh.

Das Horn verkündet mit einem einzigen langen Ton die Eröffnung des Festes, die ersten Mönche treten in Verkleidungen in den Innenhof, ihre Masken sind großflächig, naiv. Jede zeigt einen anderen Aspekt des Wesens Padmasambhavas; der Yogi erscheint als weiße Gestalt, blaugesichtig, in Lumpen, dann als Knochenmann, als Riese. Nach und nach erwacht jede Figur zum Leben, sie schüttelt sich, streckt den Bauch vor. Die Mönche tanzen schreitend, langsam, sie hüpfen und drehen sich auf einem Fuß, treten im Kreis, es sind wenige, immer wiederkehrende Schritte. Wangyal, der jede Bewegung deuten kann, sagt, der Tanz weihe den Boden und halte böse Mächte fern.

Ich stehe den ganzen Tag dabei und schaue ihnen zu, ich stelle mir vor, wie die Mönche die Erde reinigen, indem sie darauf tanzen, ihre Füße berühren den Boden und ihr Geist den Himmel.

Tashi, der Koch, hat seinen Bruder getroffen und fährt mit ihm nach Leh, um ihre Mutter zu besuchen. Wangyal trifft seinen besten Freund Sangyas, der jetzt in Estland lebt, um in Tallinn eine kleine buddhistische Gemeinde aufzubauen, sein Lama hat es so bestimmt.

Sangyas sagt: "Für euch im Westen ist es schwer. Ihr habt sehr viel Ego, immer kämpft ihr mit euch. Wie könnt ihr leer werden, wenn ihr erfüllt seid von euch selbst?" Er sagt: "Für uns ist es ganz einfach. Wir haben den Winter und den Sommer, die Berge und die Felder, sie bestimmen unser Leben. Leerheit heißt: Wir nehmen uns nicht so wichtig."

Als die Dunkelheit wieder über Thagchokling kommt, am letzten Abend, verschwinden darin seine Menschen. Der Koch räumt die Küche auf und schließt langsam die Tür. Gute Nacht, sagt Wangyal und geht in seine Kammer unterm Dach.

Aber ich sitze noch da, im Speiseraum, am Fenster, beim Licht einer Kerze, fröstelnd, in Decken, eine Tasse Tee in der Hand. Schaue zu, wie sich mit dem letzten Licht die Zeit auflöst. Kein Geräusch von draußen. Ich denke an mein Zimmer, ein Bett, ein Tisch, ein Regal, eine Kerze und eine Kanne heißes Wasser. Ich denke an morgen, an das Flugzeug. Wie es sich hineinschieben wird in die Wolken und die Spuren verwischt.

Ich sitze noch da, allein. Und die Sehnsucht ist wie das Fortgehen, nur ein langer Augenblick am Fenster.

  • Text: Meike Dinklage
    Fotos: Hauke Dressler
    Karte: Gabi Wilhelmi
    BRIGITTE Heft 07/2007
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