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Signora Antioca lebt seit 83 Jahren auf dem Bauernhof Costiolu in der Nähe von Nuoro.
Die Signora Antioca hat die Geranien und den Oleander vor dem Stall gegossen und vom Myrtenstrauch mit seinen weißen Blüten ein paar welke Blätter gezupft. Jetzt sitzt sie neben mir auf der Holzbank im Schatten des Laubengangs, streicht die "fardetta" glatt, den schwarzen, gefältelten Witwenrock, und schnauft erst ein paarmal tief durch. Was für eine absurde Frage! Heftig schüttelt sie den Kopf, so heftig, dass der zusammengesteckte weiße Dutt am Hinterkopf gefährlich ins Wackeln gerät. Im Meer gebadet? Natürlich habe sie nicht im Meer gebadet, "per carita", um Gottes willen!
Das Meer, von dem die Rede ist, ist das Tyrrhenische Meer rund um Sardinien. Es schillert kristallklar in den leuchtendsten Azur- und Smaragdtönen und ist so schön, dass an seinen Gestaden die halbe italienische Festlandsbevölkerung die Sommerferien zu verbringen pflegt. An den kleinen, verschwiegenen Buchten der Costa Smeralda im Norden urlauben Premier Berlusconi und Exponenten des Jetsets. An der Ostküste zwischen San Teodoro und Dorgali breitet sich eine erschwinglichere, dafür aber recht zersiedelte Ferienhaus-Landschaft aus. An der Südküste herrscht Baderummel rund um Pula und Villasimius, und im Städtchen Alghero, das im Nordwesten Sardiniens liegt, landen Charterflieger aus ganz Europa. Was die Signora Antioca allerdings kalt lässt. Und mich auch. Denn ich bin nicht gekommen, um an sonnenwarmen Stränden zu dösen. Ich will das wahre Sardinien erleben. Seinen Herzschlag spüren. Und was könnte mehr Herz sein als das sardische Binnenland?
Drei Millionen Schafe grasen auf der zweitgrößten Mittelmeerinsel.
Auf Sardinien, sagt man, gibt es etwa anderthalb Millionen Menschen und drei Millionen Schafe. Auf Costiolu kommen 230 Schafe auf fünf Menschen: Antioca, ihre Söhne Giovanni Antonio und Giuseppe und zwei Helfer. Die Schafzucht gilt als Inbegriff der sardischen Wirtschaft. Weil man damit allein aber heutzutage kaum noch über die Runden kommt, haben Antiocas Söhne den Bauernhof um eine Etage aufgestockt und zehn Gästezimmer mit sieben Bädern eingerichtet. Jetzt ist Costiolu eine „Azienda agrituristica“. Das bedeutet, dass die Familie neben der Schafherde, 15 Pferden, einem Stier, dem zu Dekozwecken gehaltenen Pfau und einer weiß-wolligen Hundeschar auch noch zahlende Gäste versorgt. Mit Kost, Logis und Einblicken in das sardische Schafhirtendasein.













